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Wiener Luden-"Tatort" Brusthaar, Goldketten und schön viel Leder

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Voodoo Jürgens (Voodoo Jürgens, l.) und Pico Bello (Christopher Schärf) halten auf der Gartenparty des Ober-Strizzis einen Plausch.

(Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican)

Die Wiener Zuhälterszene ist legendär: Nur auf dem Hamburger Kiez hat sich eine ähnlich verklärte Folklore des horizontalen Gewerbes erhalten. "Her mit der Marie!" dockt genau da an - und löst all das Testosteron mit einem herrlichen Twist auf.

Rauchen ist ungesund. Noch ungesünder ist es allerdings, mit einem Loch im Kopf am Rand einer staubigen Straße an der ungarischen Grenze zu liegen. Da hilft es dem jungen und ziemlich toten Zuhälter auch nicht mehr, dass er erst kurz zuvor auf E-Zigaretten umgestiegen ist. Für den "Dokta" (Erwin Steinhauer) ist das unerwartete Ableben seines Angestellten aber noch schlimmer, weil doppelt doof: Der Wiener Großkriminelle hat nicht nur einen Mitarbeiter verloren, sondern gleichzeitig auch noch die Einnahmen, die der Hilfs-Strizzi aus seinen verschiedenen niederösterreichischen Bordellen einsammeln sollte. Das macht den "Dokta" sauer. Und wenn der "Dokta" sauer ist, hat keiner mehr was zu lachen.

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Marko (Johannes Krisch, l.) und sein Chef, der "Dokta" (Erwin Steinhauer), wittern Verrat.

(Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican)

"Her mit der Marie!" ist als klassischer Zuhälter-Krimi angelegt: Die Luden tragen hier bevorzugt noch Pornobalken, offene Hemden, Goldketten und tonnenweise Brusthaar, dazu wahlweise eine hochgegelte Tolle oder lange, zum Pferdeschwanz gebundene, Haare. Wichtig auch: Ganz viel Leder, das sich in den ruhigeren Szenen schön knarzend in Szene setzen kann. Und natürlich treiben sich die Strizzis allesamt in heruntergekommenen Beisln mit nikotingelben Vorhängen herum.

Riecht nach Schalko, ist aber Eder

In Kombination mit der Besetzung ist das eine wahre Augenweide: Simon Schwarz als ebenso liebenswerter wie trotteliger "Inkasso"-Heinzi, Christopher Schärf als Nachwuchs-Lude Pico Bello, Maria Hofstätter als Frau des "Dokta" und Johannes Krisch als Mann für's Grobe, das ist die Crème de la crème der österreichischen Schauspielerei - "Braunschlag", "Altes Geld" oder auch "Aufschneider" lassen grüßen. Man könnte meinen, dass wie bei den drei vorgenannten Produktionen David Schalko - der König des absurden Kinos in Österreich - auch bei diesem Film Regie geführt hat, aber weit gefehlt: Tatsächlich ist es Barbara Eder, deren letzter Wiener "Tatort" zwar ganz ordentlich gelang, aber meilenweit von der gewollt schmierigen Klasse der neuesten Episode entfernt ist.

Die Zuschauer lernen dabei fundamentale Weisheiten wie das Leberkässemmel-Paradoxon kennen, dürfen sich über einen alternden Rotlichtbaron freuen, der sich mehr schlecht als recht als Weinbauer versucht - und begleiten ebenjenen Senior-Zuhälter mit einer liebevoll gepackten Jausenbox ins Verhör. "Her mit der Marie!" quillt vor skurrilen Szenen über, dass es eine wahre Freude ist - ohne sie zu stark in den Vordergrund zu rücken und damit ihre Wirkung zu gefährden. Das ist stark.

Zusammen mit dem wundervollen Twist am Ende, der den testosterongeschwängerten 90 Minuten zuvor die Spitze nimmt, ist der neue Wiener "Tatort" ein schlagender Beweis dafür, wie gut der österreichische Film sein kann, wenn man ihn nur lässt. Der großartige Liedermacher Voodoo Jürgens, der auf der Gartenparty des Oberluden einen Gastauftritt hat, singt: "Heite grob mer Tote aus." Wer hätte gedacht, dass das so viel Spaß machen kann?

Quelle: n-tv.de

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