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Arbeitnehmer sind gut beraten, fremdes Eigentum unangetastet zu lassen.
Arbeitnehmer sind gut beraten, fremdes Eigentum unangetastet zu lassen.(Foto: imago/Westend61)
Dienstag, 29. August 2017

Recht verständlich: Kündigung bei Schokoklau vom Mitarbeiter?

Ein Gastbeitrag von Alexandra Henkel

Ein Arbeitnehmer kann nicht widerstehen – den ganzen Tag lacht ihn die Schokolade auf dem Tisch eines Kollegen an, schließlich isst er sie auf. Darf der Arbeitgeber bei solchen Bagatellfällen kündigen?

Vor dem Arbeitsgericht Heidelberg wurde kürzlich der Fall einer 64-jährigen Pflegerin in einer Hilfseinrichtung verhandelt, die die Schokolade einer Kollegin im Wert von ca. zwei Euro gegessen hatte und die Dienstwaschmaschine privat benutzt hatte. Der Arbeitgeber hatte der Mitarbeiterin, die bereits 30 Jahre in der Einrichtung beschäftigt war, fristlos mit der Begründung gekündigt, dass es auch in der Vergangenheit schon ähnliche Vorfälle gegeben hatte. Auch wenn sich die Parteien in diesem Verfahren auf einen Vergleich geeinigt haben, nachdem die Pflegerin eine Abmahnung erhielt und weiter in der Einrichung arbeiten durfte, gilt für Arbeitnehmer: aufgepasst!

Denn nach ständiger Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts können auch Bagatellfälle grundsätzlich eine Kündigung, ja sogar eine fristlose Kündigung eines Arbeitsverhältnisses rechtfertigen. Dies gilt auch dann, wenn es sich zum Beispiel um Diebstahl von Sachen mit einem sehr geringen Wert handelt. Diebstahl bleibt Diebstahl und Arbeitgeber dürfen unabhängig von dem Wert an eine Kündigug denken.

Dr. Alexandra Henkel MM, Partnerin FPS.
Dr. Alexandra Henkel MM, Partnerin FPS.

Ob die Kündigung in dem konkreten Einzelfall wirksam ist, hängt dann aber immer auch noch von sämtlichen Umständen des Einzelfalls ab. So zählt zum Beispiel eine langjährige beanstandungsfreie Tätigkeit in der Interessenabwägung zu Gunsten des Mitarbeiters, genauso wie andere Sozialdaten wie beispielsweise ein hohes Alter, eine Behinderung oder eine große Zahl unterhaltsberechtigter Kinder. Dies alles kann dann dazu führen, dass der Arbeitnehmer noch einmal "den Kopf aus der Schlinge ziehen" kann und gegebenenfalls mit einer Abmahnung davon kommt. In dem Fall des Arbeitsgerichts Heidelberg spricht einiges, zum Beispiel die 30-jährige Tätigkeit, die zumindest viele Jahre beanstandungsfrei war, und das hohe Alter der Mitarbeiterin, dafür, dass auch ein Urteil möglicherweise nur eine Abmahnung, aber keine Kündigung für zulässig erachtet hätte.

Fazit für Arbeitnehmer: Das Argument, dass es doch nur ein geringer Schaden war, wird alleine von der Rechtsprechung nicht akzeptiert, um vor einer Kündigung zu schützen. Fremdes Eigentum bleibt unabhängig von dem Wert geschützt und die Vertrauensbasis eines Arbeitsverhältnisses kann schon durch einen geringfügigen Fall als zerstört gelten.

Fazit für Arbeitgeber: Grundsätzlich darf der Arbeitgeber auch bei Bagatellfällen an die Konsequenz Kündigung denken, muss aber immer erst alle Einzelfallumstände berücksichtigen. Das macht die Kündigungsentscheidung schwer, weil wenig Rechtssicherheit besteht.

Rechtsanwältin Dr. Alexandra Henkel MM ist Partnerin der Kanzlei FPS.

Quelle: n-tv.de

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