Formel1

Zehn Thesen zur F1-Saison 2021 Vettels Auferstehung und Hamiltons Ende

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Die Teams sind bereit.

(Foto: imago images/Motorsport Images)

Am Wochenende startet die Formel 1 in Bahrain in ihre 71. Saison. Die Königsklasse des Motorsports wartet auch 2021 mit eindrucksvollen Charakteren und aufregenderen Geschichten. Die Redaktion hat sich zehn Thesen überlegt, wer und was bei den geplanten 23 Rennen für Aufsehen sorgen wird. Den Auftakt auf dem Bahrain International Circuit gibt's live im Ticker bei ntv.de: Die Freien Trainings am Freitag um 12.30 Uhr und 16 Uhr, am Samstag dann 3. Freies Training (13 Uhr) und das Qualifying (16 Uhr). Und natürlich am Sonntag um 17 Uhr den ersten Grand Prix des Jahres.

1. Red Bull ärgert Mercedes diesmal wirklich

Die Frage, die sich nach den Testfahrten in der Wüste von Bahrain unweigerlich stellt: Ist Red Bull näher an das Überteam Mercedes herangerückt? Fakt ist: Der Rennstall von Weltmeister Lewis Hamilton tat sich im Wüsten-Wind von Bahrain schwer, klagte über ein unruhiges Heck und legte Dreher hin - kurzum: Es lief (noch) nicht.

Bei den dank Brause-Millionen schlagkräftigen Herausforderern macht unterdessen der Honda-Motor einen überraschend starken Eindruck. Verstappen raste am dritten Testtag mit Bestzeit um den Kurs. Stand jetzt stapeln beide Teams tief. Die Ausgangslage für die Fans, die auf Spannung hoffen, ist allerdings gut: Bislang entpuppte sich Red Bull meist als Spätstarter, wurde im Laufe der Saison durch Updates und Arbeiten am Auto besser. In diesem Jahr wirkt der Abstand schon zu Beginn deutlich geringer, die Unterboden-Änderung macht Mercedes zu schaffen, wie Teamchef Toto Wolff im Interview mit RTL/ntv einräumte.

Wenn es bei der alljährlichen Entwicklung bleibt, macht Red Bull dem Seriensieger das Leben in diesem Jahr deutlich schwerer, vielleicht sogar bis zu den letzten Rennen. Dass Mercedes ernsthaft nachhaltig schwächelt, ist aber unwahrscheinlich. Dafür hat das Team zu oft bewiesen, dass es auch kurzfristig durch Anpassungen zurückschlagen kann. Schon zum Auftakt in Bahrain wird das Team wohl generalüberholt mit dem W12 wieder angreifen.

2. Bottas verliert den Vize-Weltmeistertitel

Sollte Red Bull die Lücke zu Mercedes tatsächlich verringert haben, richten sich die Blicke auf das größte Talent der Formel 1 - das trotz seiner erst 23 Jahre schon in die siebte Saison in der Königsklasse geht. Max Verstappen holt schon seit Jahren mehr aus dem Red-Bull-Boliden als all seine Teamkollegen. Der Heißsporn, früher oft durch unüberlegte Mänover auffällig, hat sich längst zu einem routinierten Spitzenfahrer entwickelt. Wenn er also mit annähernd gleichen Waffen kämpft wie Mercedes, sollte sich der Branchenführer vorsehen.

Während Lewis Hamilton mit seiner Weltklasse und Erfahrung auf seiner beeindruckenden Rekordjagd wohl nicht zu knacken ist, wird die Nummer zwei von Mercedes dran glauben müssen. Verstappen macht deutlich weniger Fehler als Valtteri Bottas und ist schneller. Wenn sich die Chance bietet, wird der Niederländer sie nutzen.

3. Der Kampf um Platz drei wird ein britischer Klassiker

Im Mittelfeld hinter Red Bull und Mercedes läuft alles auf ein hartes, britisches Duell hinaus. Momentan scheint McLaren die Nase vorne zu haben. Das Team aus Woking besticht mit hervorragender Frühform - und das, obwohl der Rennstall über den Winter nach dem Wechsel von Renault zu Mercedes eine neue Power Unit in den MCL35M einbauen musste und Zugang Daniel Ricciardo noch Eingewöhnungszeit braucht. Bei den Testfahrten glänzte das Team in Papaya-Orange auf Anhieb, hatte kaum Probleme, wie Andreas Seidl im RTL/ntv-Interview bestätigte.

Weniger gut lief es bei den F1-Comebackern von Aston Martin, die sich mit vielen technischen Problemen an Hydraulik und Ladedruck herumplagten. Dennoch sollten alle das Team auf der Rechnung haben. Team-Mitbesitzer Lawrence Stroll und Teamchef Otmar Szafnauer bringen Geld, Know-how und Erfahrung mit, zudem fährt Aston Martin wie McLaren mit dem Weltmeister-Antrieb von Mercedes im Heck. Und wenn bei Vettel der "Spaß am Fahren" zurückkommt, wie es Szafnauer beschrieb, dann schimmert der F1-Horizont hoffnungsvoll im legendären British Racing Green.

Es sei denn, Alpine setzt den Aufwärtstrend auch nach der Namensänderung von Renault fort. Auch das Werksteam ist gut drauf und hat mit Fernando Alonso ebenfalls einen früheren Champion in seinen Reihen. Möglich, dass die Franzosen - 2020 Fünfter der Konstrukteurs-WM - dem Vorjahresvierten gefährlich werden.

4. Der alte Sebastian Vettel kehrt zurück

"Er lacht wieder", stellte jüngst Ex-Formel-1-Pilot Timo Glock mit Blick auf seinen hessischen Landsmann Sebastian Vettel fest. Und genau das ist die Hoffnung aller Fans des viermaligen Weltmeisters. Das zurückliegende Jahr bei Ferrari, das sowohl sportlich als auch zwischenmenschlich einen Karriere-Tiefpunkt markierte, setzte dem 33-Jährigen sichtlich zu.

Vettel hechelte völlig unterlegen hinterher, dementsprechend lustlos wirkte er zu Ende der Scuderia-Zeit. Aston Martin wird hingegen nicht müde zu betonen, dass man ein Umfeld kreieren will, um Vettel wieder richtig Lust aufs Rennfahren zu machen. Und im Gegensatz zu Charles Leclerc sind von Besitzersohn und Stallrivale Lance Stroll weniger Spielereien auf und neben dem Asphalt zu erwarten.

Vettel wird ein paar Rennen brauchen, um sich mit dem neuen Auto vertraut zu machen. Nach der Test-Flaute fehlen wichtige Kilometer, in diesem Jahr standen jedem Piloten nur eineinhalb Tage zur Verfügung. Sobald es aber "Klick" macht, die Atmosphäre stimmt, und momentan spricht alles dafür, dass der alten, gut gelaunten Seb zurückkehrt, der auch ab und an aufs Podium rast. Das bewies er schon nach seinem Wechsel 2015 von Red Bull zu Ferrari, als er im neuen Gewand rasch aufblühte.

5. Die Sprintrennen sorgen für ein neues Element der Spannung

Offiziell bestätigt ist es noch nicht, aber die Formel 1 wird wohl an gleich drei GP-Wochenenden (Silverstone, Monza, São Paulo) sogenannte Sprint- respektive Qualirennen ausprobieren. Das bedeutet: Am Freitag gibt es das eigentliche Qualifying, am Samstag dann ein Rennen über 100 Kilometer, das über die Startaufstellung am Sonntag entscheidet.

Dass die Königsklasse neue Wege geht ist gut, bringt Abwechslung und verspricht schon am Samstag mehr Rennaction. Die Idee des "Reverse Grid", also der Start in umgekehrter Reihenfolge in Bezug auf den WM-Stand, ist vom Tisch. Eine künstliche Verschiebung, die einige Teams befürchteten, ist somit nicht zu befürchten.

Die ersten drei des Quali-Rennens sollen sogar WM-Punkte bekommen, ein langweilig-taktisches Tuckern und Cruisen um den Kurs ist also nicht möglich. Überholmanöver, Taktik, Rennaction - ein Teaser auf dashoffentlich noch größere Spektakel am Sonntag.

6. Acht Titel sind das Ende der Hamilton-Hochgefühle

Dass Lewis Hamilton bei Mercedes nur noch einen Einjahresvertrag bekam, verwunderte viele Formel-1-Kenner. Zwar sollen Hamilton und Toto Wolff eine weitere Zusammenarbeit per Handschlag schon beschlossen haben. Am Ende zählt aber immer noch die Tinte auf dem Papier. Und da lässt sich Hamiltons kurze Vertragsdauer auch anders interpretieren. Der 36-Jährige will in dieser Saison bewusst noch einmal alles geben, um sich Ende des Jahres als achtmaliger Weltmeister und damit alleiniger Rekord-Champion zu verabschieden.

Es wäre ein filmreifer Abgang, auf dem absoluten Höhepunkt. Dafür spricht, dass Hamilton mittlerweile auf sehr vielen Gebieten abseits des Rennsports aktiv ist. Die Sport-Ikone hat sich vor allem dem Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung, für Diversität und Chancengleichheit verschrieben. Als achtmaliger Weltmeister könnte er diesen 2022 mit noch mehr Kraft führen - und sich dabei ein Hintertürchen für ein späteres Comeback immer offenhalten. Denn die Bühne, die er für sein Engagement nutzt, ist eben auch die Formel 1.

7. Die Fahrerpaarung bei Haas sorgt für Ärger

Zwei hungrige Rookies im Team - Haas-Teamchef Günther Steiner weiß, auf was er sich mit der Fahrerpaarung Mick Schumacher/Nikita Mazepin eingelassen hat. Die beiden Neuling müssen sich in der Königsklasse beweisen. Erster und wichtigster Gegner ist dabei nun einmal der Stallkollege. Schumacher und Mazepin werden es sich 2021 im unterlegenen Boliden des US-Teams so richtig geben - kompromisslose Rad-an-Rad-Duelle und Crashs inklusive.

Der besonnenere und reifere Schumacher wird dabei auf Dauer die bessere Figur abgeben, als der Heißsporn Mazepin. Steiner erklärte kurz vor dem Saisonstart, die Atmosphäre zwischen seinen Piloten sei eher unterkühlt. Sie seien "keine großartigen Freunde", aber "müssen sie auch gar nicht", erklärte der Südtiroler. Während Steiner in Mazepin einen Piloten sieht, der "sehr direkt" sei und "alles auf dem kürzesten Weg angeht", beschreibt er Schumacher als "sehr viel bescheidener" und jemanden, der "die Dinge analysiert".

8. Williams ist endlich nicht mehr Letzter

F1-Tradionalisten werden dieses Jahr beim Blick aufs Tableau aufatmen. Denn: Das legendäre Williams-Team - immerhin neunmaliger Konstrukteurs-Weltmeister - wird nach einigen Jahren auf den letzten Plätzen in Qualifyings, Rennen und Gesamtwertungen die Rote Laterne an Haas abgeben. Mit dem neuen CEO Jost Capito und den Investoren, die das Team von Gründer Frank Williams und dessen Tochter und Ex-Teamchefin Claire Williams übernahmen, ist Schwung in den ehrwürdigen Rennstall gekommen. Bei den Tests in Bahrain machte Williams einen stabilen Eindruck. 2021 wird Supertalent George Russell sogar das ein oder andere Pünktchen für die Briten einfahren.

9. Ferrari verbessert sich, ist aber immer noch nicht gut genug

Dass Ferrari besser abschneidet als im Vorjahr, ist zugegebenermaßen keine steile These. Die Roten haben beim Motor den erwarteten Sprung nach vorne gemacht, auch aerodynamisch macht der SF21 einen besseren Eindruck als das Vorgängermodell SF1000, dessen Name in Anlehnung an das 1000. Formel-1-Rennen der Scuderia wohl das einzig Erinnernswerte ist. Aber: Ferraris Konkurrenz hat über den Winter ebenfalls zugelegt. McLaren und Aston Martin scheinen erneut stärker als die Scuderia.

Mehr als Platz fünf ist für Ferrari in der Team-WM nicht drin, auch wenn das etwas besser als Rang sechs im Vorjahr, die schlechteste Platzierung seit mehr als 40 Jahren. Zumal die Truppe aus Maranello schon viele Ressourcen in das Projekt 2022 steckt. Der Kampf gegen Alpine, AlphaTauri und womöglich gar den kleinen "Bruder" Alfa Romeo wird für Ferrari 2021 hart.

10. Ricciardo trinkt wieder aus seinem Schuh

Noch hat er so seine Mühe mit der Bremse des McLaren. Wenn aber einer weiß, wie man auf der letzten Rille bremst und Gegner spektakulär überholt, dann ist es Daniel Ricciardo. Der Australier wird auch dieses Jahr wieder einige Male seinen "Shoey" auf dem Siegertreppchen zelebrieren, also einen tiefen Schluck Champagner aus dem vollgeschwitzten Rennschuh nehmen.

Mit dem Mercedes-befeuerten McLaren hat Ricciardo das nötige Material, um wieder zu glänzen - und das wird er. Stallrivale Lando Norris dürfte den 31-Jährigen zwar ordentlich fordern. Dennoch zeigt Ricciardo dem aufstrebenden Engländer 2021 noch, was ihm zu einem Spitzenfahrer fehlt.

Quelle: ntv.de

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