Wirtschaft

"Welle der Zerstörung" Kredit-Experten schlagen Alarm

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Blick aus dem 68. Stock eines Gebäudes des neuen "World Trade Center"-Komplexes: Da draußen schlummern Unmengen ausfallgefährdeter Kredite.

Reuters

In den USA braut sich womöglich neues Unheil zusammen: Mit wachsender Sorge blicken Experten auf einen riesigen Kreditberg aus Vorkrisenzeiten. Eine Ökonomin ist sich sicher: "Wir haben bisher nur die Spitze des Eisbergs gesehen."

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Düstere Aussichten bei Konsumentenkrediten: "Das ist wenig im Vergleich zu dem, was noch kommt."

(Foto: REUTERS)

Die Finanzkrise ist noch nicht überwunden, da steuert die Wall Street bereits auf neue Turbulenzen zu: Fünf Jahre nach dem Höhepunkt der Krise könnten reihenweise lang laufende Immobilienkredite platzen, die noch aus der Zeit vor dem großen Preisrutsch am US-Häusermarkt stammen.

Allein in den kommenden vier Jahren soll es sich Branchenexperten zufolge um Darlehen im Volumen von mehr als 221 Milliarden Dollar handeln, und das nur bei den größten Banken des Landes. Mehrere Jahre nach Beginn ihrer Laufzeit treten die fraglichen Kredite nun in die Tilgungsphase ein, wobei die Raten für die Kreditnehmer mitunter drastisch steigen können - und damit auch das Ausfallrisiko.

Aufsichtsbehörden, Analysten und Ratingagenturen sehen die Entwicklung mit Sorge. Der bevorstehende Anstieg der monatlichen Belastung von Zehntausenden Immobilienbesitzern sei eine drohende "Welle der Zerstörung", sagte zum Beispiel Amy Crews Cutts, Chefvolkswirtin bei der börsnenotierten Verbraucherkreditagentur Equifax.

Ist das die zweite Welle?

Eine Verbindung zur bekannten Subprime-Problematik besteht dabei nur in Ansätzen: Was hier zu platzen droht, sind nicht etwa die klassischen Hypothekenkredite, die zum Kauf eines Hauses aufgenommen werden und die nach dem Ende der Immobilienblase vor allem Schuldner mit schlechter Bonität ("Subprime") in Schwierigkeiten gebracht hatten; viele dieser Hypothekenverträge mündeten bereits in massenhafte Zwangsversteigerungen. Diesmal geht es stattdessen um "Home Equity Loans" (HELs), also um nachrangige Darlehen, die mit der Immobilie besichert werden.

Diese Darlehen dienten Kreditnehmer dazu, kurzfristige Konsumausgaben oder dringend erforderliche Renovierungen zu finanzieren. Zu Boom-Zeiten hatten die US-Banken derartige Kredite intensiv beworben. Viele US-Bürger nutzten diese Angebote als bequemen Weg, um den steilen Preisanstieg ihrer Immobilie zu Bargeld zu machen und mit den Darlehen ihre kurzfristigen Konsumwünsche zu befriedigen. Das Problem: Bei vielen dieser Darlehen wurden lange tilgungsfreie Zeiten vereinbart, häufig über einen Zeitraum von zehn Jahren. Anfangs fallen danach auch häufig nur niedrige Zinsen an.

Für viele Kreditnehmer heißt das: Der eigentlichen Eintritt in die Tilgungsphase wird plötzlich zu einer großen Bürde. Denn die Raten können sich mitunter mehr als verdreifachen. Das könnte nun auch jene Kreditnehmer in Schwierigkeiten bringen, die bisher noch keinerlei Probleme damit hatten, ihre Außenstände zu begleichen.

Der Leitzins als Damoklesschwert

Der Verkauf des Hauses zur Schuldentilgung fällt für viele Kreditnehmer als Möglichkeit aus: Die Immobilienpreise liegen in vielen Metropolen in den USA immer noch deutlich unter Vorkrisenniveau. Hinzu kommt: Sollte die US-Notenbank ihre Niedrigzinspolitik im Rahmen des viel diskutierten "Exits" beenden, dürfte das die Raten zusätzlich nach oben treiben - mit entsprechenden Folgen für die hoch verschuldeten Konsumenten.

Variable Zinsen sind in den USA auch bei Hauskrediten weit verbreitet. Der scheidende Fed-Chef Ben Bernanke hat zwar erst kürzlich bekräftigt, dass die Notenbank "so lange wie nötig" an ihren Niedrigzinsen festhalten wird. Doch ewig kann sie den Leitzins nicht nahe Null halten.

Das Szenario eines Zinsanstiegs birgt auch für die Banken massive Gefahren im Kreditsegment HEL. Denn diese wurden gerne dann aufgenommen, wenn das Haus ohnehin bereits mit einer Hypothek belastet war. Fällt einer der Kredite aus, wird das Haus zwangsversteigert. Doch mit dem Erlös wird zunächst die Hypothek getilgt - und häufig dürfte das Geld dann nicht mehr reichen, um auch den zweiten Kredit zurückzuzahlen. Die Banken gehen leer aus und müssen schlimmstenfalls neue Abschreibungen vornehmen.

Hohes dreistelliges Milliardenrisiko

In Fachkreisen klingeln die Alarmglocken schon lange. Die US-Aufsichtsbehörde Office of the Comptroller of the Currency (OCC) zum Beispiel warnt seit 2012 ausdrücklich vor Risiken im Zusammenhang mit diesem Kreditsegment. Das Volumen der HEL-Darlehen war nach Daten des Einlagensicherungsfonds FDIC von 2003 bis 2007 - also bis zum steilen Preisverfall am US-Immobilienmarkt - um 77 Prozent auf 611,4 Milliarden Dollar gestiegen.

Sollte es zum massenhaften Ausfall bei HELs kommen, dann drohen den US-Banken neue Belastungen in Milliardenhöhe. Schon ohne die neuen Kreditschwierigkeiten gehen die Aufräumarbeiten nach der Subprime-Krise noch immer gewaltig ins Geld. Nur eine Zahl zur Einordnung: Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) beziffert Kosten, die der Branche im Zusammenhang mit Schadensersatzklagen entstehen könnten, zuletzt auf bis zu 105 Milliarden Dollar. Die Altbestände an HELs dürften bei den betroffenen Banken daher schon jetzt im Giftschrank liegen.

Wie akut die Gefahr ist, können selbst die Experten nur vage abschätzen: Angeblich halten US-Schwergewichte wie Bank of America, Wells Fargo, Citigroup oder JP Morgan Chase jeweils Milliardenbeträge an derartigen Krediten in ihren Büchern. Ans Tageslicht wird die volle Tragweite der Problematik spätestens im kommenden Jahr sichtbar: 2014 betrifft die Problematik der steigenden Tilgungs- und Zins-Raten ein Kreditvolumen von 29 Milliarden Dollar. 2015 treten Darlehen im Umfang von 53 Milliarden Dollar in die heikle Phase ein. 2016 rechnen Experten mit Risiken im Umfang von 66 Milliarden Dollar und 2017 schließlich mit einem kritischen HEL-Volumen von 73 Milliarden Dollar.

Wie hoch die Ausfallquote ansteigen wird, lässt sich kaum vorhersagen. Zu viele Unsicherheitsfaktoren stehen im Raum. So hängt die Prognose unter anderem davon ab, wie viele Kredite tatsächlich kippen und wie vielen Kreditnehmern es stattdessen gelingt, der Zinsfalle zu entkommen. Bei den derzeit steigenden Immobilienpreisen könnte dies zum Beispiel durch eine günstige Umschuldung ihrer Darlehen gelingen. Auch die wirtschaftliche Entwicklung spielt eine Rolle: Sollte die Konjunkturerholung in den USA wider Erwarten ausbleiben oder schwächer ausfallen oder Zahl der Arbeitslosen erneut ansteigen, dürfte das deutlich mehr US-Bürger in eine finanzielle Zwangslage treiben.

Im günstigsten Fall können die Banken eine neue Welle an Kreditausfällen ohne größere Schwierigkeiten verdauen - im schlimmsten Fall drohen neue Verwerfungen an der Wall Street. "Wir haben bisher nur die Spitze des Eisbergs bei den Kreditverlusten gesehen", sagte Equifax-Expertin Crews Cutts. "Das ist wenig im Vergleich zu dem, was noch kommt."

Quelle: n-tv.de, mmo/rts

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