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Eiltempo im Kampf gegen Corona Die Unwägbarkeiten eines Impfstoffs

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt rasant, selbst striktere Beschränkungen scheinen die Entwicklung nicht aufhalten zu können. Große Hoffnungen im Kampf gegen die Pandemie ruhen daher nun auf einer Impfung. Doch dabei gibt es viele Unwägbarkeiten.

Weltweit arbeiten Wissenschaftler und Pharmaunternehmen daran, rasch einen Corona-Impfstoff zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Was sonst viele Jahre dauert, soll jetzt binnen Monaten geschehen - "Lightspeed", "Lichtgeschwindigkeit", nennt etwa das Mainzer Unternehmen Biontech sein Impfstoffprojekt, das es zusammen mit dem US-Pharmariesen Pfizer vorantreibt. Der Wirkstoff ist einer von derzeit etwa einem Dutzend Kandidaten in der dritten und letzten Phase der klinischen Prüfung mit Zehntausenden Probanden.

In Europa wurde bisher für zwei Impfstoffkandidaten parallel zur klinischen Prüfung der Zulassungsprozess bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA gestartet. Ob - und wenn ja, wann - diese Impfstoffkandidaten zugelassen werden, bleibt abzuwarten. Viele Wissenschaftler und Pharmaunternehmen rechnen jedenfalls für Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres mit ersten Zulassungen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erwartet den Start von Impfungen dagegen erst Mitte 2021. Risikogruppen und Beschäftigte im Gesundheitssystem können als erste mit einer Impfung rechnen.

Impfstoff wird Pandemie nicht sofort beenden

Klar ist dabei: Die Zulassung eines Impfstoffs wird die Pandemie nicht sofort beenden. Experten weisen darauf hin, dass kein Impfstoff eine 100-prozentige Wirksamkeit erreicht, also nicht jeder Geimpfte zuverlässig vor einer Infektion geschützt sein wird. Das ist nicht ungewöhnlich und auch bei anderen Impfstoffen so. Beim Masernimpfstoff etwa ist die Effektivität mit 95 Prozent relativ hoch. Grippeimpfstoffe haben eine Schutzwirkung zwischen etwa 60 und 70 Prozent.

Für die Zulassung der ersten Corona-Impfstoffe hat die US-Zulassungsbehörde FDA eine Wirksamkeit von mindestens 50 Prozent als Ziel vorgegeben, in der EU gibt es noch keine Empfehlung. "Es ist möglich, dass erste Impfstoffe nicht immer verhindern können, dass es zu einer Ansteckung kommt", sagt Arne Kroidl, leitender Prüfarzt für Corona-Impfstudien am Tropeninstitut des Klinikums der Universität München. "Allerdings ist ein deutlicher Effekt hinsichtlich klinischer Symptome oder schwerer Verläufe zu erwarten, eine verminderte Viruslast würde zudem eine verminderte Infektiosität wahrscheinlich machen." Auch das wäre ein Erfolg.

Viele Experten erwarten, dass für eine wirksame Immunisierung eine Impfdosis nicht ausreicht. Wahrscheinlich werde ein mehrfaches Impfen nötig sein, sagt Clemens Wendtner, Chefarzt der Klinik für Infektiologie in der München Klinik Schwabing. Um die Hälfte der Weltbevölkerung zweimal zu impfen, wären knapp acht Milliarden Dosen nötig, rechnete die Vorsitzende der Verbandsgruppe Impfungen Europa, Sue Middleton, kürzlich vor. Die globale Kapazität liege derzeit aber bei nur etwa fünf Milliarden Dosen pro Jahr - zur Herstellung aller verfügbaren Impfstoffe. Bis große Bevölkerungsteile nach der Freigabe eines Impfstoffes geimpft sind, wird es also dauern.

Ältere Menschen sind Herausforderung

Um schneller am Markt zu sein, haben etliche Hersteller schon mit dem Aufbau der Produktion begonnen. Verträge über den Kauf von Impfdosen mit Ländern oder Staatengruppen sollen das Kostenrisiko für die Firmen mindern. "Ich gehe schon davon aus, dass sich im Winter 2021 ein Großteil der Menschen impfen lassen kann", sagt Kroidl. Dass damit wieder etwas mehr Normalität einkehre, "erscheint durchaus realistisch".

Eine besondere Herausforderung für die Impfstoffentwickler stellen ältere Menschen dar. Bei ihnen könnte die Impfung weniger gut anschlagen, weil sie ein schwächeres Immunsystem haben als jüngere Menschen. Wahrscheinlich bräuchten Senioren deshalb größere Mengen an Impfstoff, sagt Sebastian Ulbert, Abteilungsleiter Immunologie am Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig. Ungeklärt ist, wie lange ein Impfschutz vorhält. Dass die Immunisierung ein ganzes Leben lang halten wird, scheint zumindest unwahrscheinlich. "Es könnte auch bei einem Covid-19-Impfstoff sein, dass man wie bei der Influenza-Schutzimpfung regelmäßig wieder geimpft werden muss", sagt Wendtner. "Es ist nicht ungewöhnlich, dass Impfungen nicht jahrelang halten, sondern regelmäßig aufgefrischt werden müssen."

Quelle: ntv.de, Sabine Dobel, dpa