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Das Phänomen fliegender Spinnen ist seit Langem bekannt.
Das Phänomen fliegender Spinnen ist seit Langem bekannt.(Foto: Michael Hutchinson/dpa)
Freitag, 06. Juli 2018

Teils hunderte Kilometer: Elektrische Felder lassen Spinnen fliegen

Sie haben keine Flügel, fliegen aber trotzdem: Einige Spinnen lassen sich an Fäden baumelnd über weite Strecken durch die Luft tragen. Der Wind ist dabei wohl nicht das einzige Transportmittel.

Einige Spinnen können elektrische Felder in der Luft wahrnehmen und sich mit ihrer Hilfe transportieren lassen. Sie spüren die Elektrizität mit winzigen Haaren an ihrem Körper, berichten Forscher der University of Bristol im Fachblatt "Current Biology". "Wir wissen nicht, ob elektrische Felder nötig sind, um das 'Luftschiffen' der Spinnen zu erlauben", erläutert Erica Morley. "Wir wissen aber, dass sie dazu ausreichen."

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Das Phänomen fliegender Spinnen ist seit Langem bekannt. Die Tiere klettern dazu auf eine Anhöhe, etwa eine Blüte, stellen sich auf die Zehenspitzen und recken ihren Hinterleib in die Höhe. Dann bilden sie mehrere Seidenfäden, die sie auffächern, und werden schließlich an ihnen baumelnd in die Luft gehoben. Sie können auf diese Weise hunderte Kilometer überwinden.

Im Altweibersommer fallen häufig die Netze der Baldachinspinnen (Linyphiidae) auf, die sie meist in Bodennähe auf Wiesen spinnen. Die Fäden, an denen sie durch die Luft segeln, sollen einer Erklärung zufolge an die Haare alter Frauen erinnern - daher womöglich der Name Altweibersommer.

Erste Theorie im 19. Jahrhundert

Schon im frühen 19. Jahrhundert seien erste Theorien dazu aufgestellt worden, wie die Spinnen fliegen, schreiben die britischen Wissenschaftler in ihrem Fachartikel. Sie vermuteten demnach, dass die Tiere entweder den Wind oder elektrostatische Kräfte nutzen.

Auch Charles Darwin habe über das Phänomen sinniert, als an einem Tag hunderte kleine Spinnen an Bord des Expeditionsschiffes "Beagle" landeten und später mit großer Geschwindigkeit wieder abhoben - obwohl überhaupt kein Wind wehte. Damit beschrieb Darwin einige der bislang ungeklärten Fragen zur Wind-Theorie: Die Spinnen gehen nur bei sehr geringen Windgeschwindigkeiten in die Luft - wie schaffen sie das trotzdem mit hoher Geschwindigkeit? Und zwar auch Tiere, die Modellrechnungen zufolge eigentlich zu schwer dafür sind? Wie kommt es, dass sich an einigen Tagen große Zahlen in die Luft erheben, während an anderen Tagen überhaupt keine Spinnen aufsteigen?

Um diese Fragen zu klären, gingen Morley und ihr Kollege Daniel Robert nun der Vermutung nach, dass elektrische Kräfte den Spinnen das Fliegen ermöglichen. Hintergrund ist die Tatsache, dass zwischen der Erde und der oberen Atmosphäre ein elektrisches Feld besteht, dessen Stärke und Polarität mit den meteorologischen Bedingungen schwankt. Es ist bekannt, dass etwa Hummeln und Bienen das elektrische Feld zur Nahrungssuche und Kommunikation nutzen.

Künstliches elektrisches Feld im Labor

Die Forscher erschufen im Labor ein künstliches elektrisches Feld, dass sie an- und abschalten konnten. Sie sorgten dafür, dass es in ihrer Versuchsanlage keine Luftbewegungen gab. Dann setzten sie Baldachinspinnen auf eine Startplattform. Schalteten die Forscher das elektrische Feld ein, hob ein Großteil der Spinnen ab. Einmal in der Luft, konnten die Forscher die Spinnen auf- und absinken lassen, indem sie das elektrische Feld ein- oder ausschalteten.

Weitere Versuche zeigten, dass kleine sensorische Härchen auf dem Körper der Spinnen - Trichobothria genannt - sich in Reaktion und in Abhängigkeit von der Stärke des elektrischen Reizes bewegten. Die Spinnen fühlen die elektrische Ladung, folgern die Forscher. Sie vermuten, dass Luftbewegungen und elektrostatische Kräfte gemeinsam die Spinnen in die Lüfte tragen.

Die Wissenschaftler wollen das Phänomen nun weiter untersuchen. Auch andere Tiere wie einige Raupen oder Spinnmilben verbreiteten sich über die Luft. Ob auch sie elektrische Felder dazu nutzen, ist unklar.

Die Mechanismen zu verstehen, die der Verbreitung der Tiere zugrundeliegen, sei essenziell, um etwa Genfluss und Populationsdynamiken zu verstehen, schreiben die Forscher. Spinnen konsumierten weltweit jährlich 400 bis 800 Millionen Tonnen Biomasse und beeinflussten somit maßgeblich die Zusammensetzung und die Vielfalt von Ökosystemen.

Quelle: n-tv.de