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Startbedingungen unterscheiden sich Forscher sagen Chancen von Kindern voraus

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Akademiker, Sozialhilfeempfänger oder Krimineller: Die Umgebung ist ausschlaggebend für die Zukunftschancen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Kinder haben alle Möglichkeiten, wird oftmals behauptet. Dass die Welt weit davon entfernt ist, zeigen Forscher und liefern gleich noch die Gründe dafür mit. Wie genau ähnliche Chancen erreichbar sind, wissen jedoch auch die Wissenschaftler nicht.

Streng dich an, dann kann auch was aus dir werden - das ist ein häufig geäußerter Spruch. Nur gilt er nicht für alle Kinder gleichermaßen: Für einige sind die Startbedingungen schlichtweg schlechter, bestätigt eine neue Studie. Noch immer werde stark unterschätzt, welchen Einfluss von vorherein bestehende Faktoren auf den Lebensweg eines Kindes haben.

Schon für Dreijährige sei das Risiko berechenbar, zum Sozialhilfeempfänger oder Kriminellen und damit zur Last für die Gesellschaft zu werden, berichten die Forscher im Fachmagazin "Nature Human Behaviour". Wichtig seien solche Daten, um politisch gezielt gegensteuern zu können.

Die Psychologengruppe um Avshalom Caspi von der Duke University in Durham (US-Staat North Carolina) hatte Daten einer einzigartigen neuseeländischen Langzeitstudie genutzt. Für gut Tausend 1972 oder 1973 geborene Menschen aus Dunedin auf der Südinsel Neuseelands wurden Lebensumfeld und Gesundheit regelmäßig erfasst - vom 3. bis zum 38. Lebensjahr. Bei den Dreijährigen wurden unter anderem das Sprachverständnis, die sprachliche Entwicklung, die motorischen Fähigkeiten und das Sozialverhalten kategorisiert.

Vaterlose Jahre und gerauchte Zigaretten

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Rauchen ist ein Faktor, um schlechtere Zukunftschancen zu haben.

(Foto: imago/PanoramiC)

In den Jahren darauf floss eine Vielzahl weiterer Daten in die Statistik ein: Verbucht wurden zum Beispiel insgesamt gut 42 Millionen gerauchte Zigaretten, 2755 vaterlos verlebte Kinderjahre, 2141 strafrechtliche Verurteilungen und 8958 in einem Klinikbett verbrachte Nächte. Fast 80 Prozent der im Alter von 38 Jahren über Sozialhilfe, Fettleibigkeit und Kriminalität verursachten ökonomischen Last gingen auf etwa 20 Prozent der Teilnehmer zurück, errechneten die Forscher.

Auf dieses Fünftel entfielen demnach 81 Prozent der insgesamt erfassten Kriminaldelikte, 66 Prozent der Sozialhilfeleistungen, 78 Prozent der Arzneimittelverschreibungen und 40 Prozent der überzähligen Kilos Fettleibiger. Auch die überwiegende Mehrheit der gerauchten Zigaretten-Packungen, der in Kliniken verbrachten Nächte und der Versicherungsfälle nach Unfällen und Verletzungen ging auf ihr Konto.

Welches Kind als Erwachsener zu der "kostenintensiven Gruppe" gehören wird, lasse sich schon für Dreijährige abschätzen, heißt es in der Studie. Risikofaktoren sind demnach ein sozioökonomisch benachteiligtes Umfeld, körperliche oder seelische Misshandlungen, geringe frühkindliche Intelligenzwerte sowie eine gering ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstkontrolle.

Negative Effekte vermindern

"Wir sind uns des Risikos bewusst, dass die Ergebnisse zur Stigmatisierung und klischeehaften Zuordnung missbraucht werden könnten", erklären die Forscher. Mehrheitlich seien die Menschen der Gruppe mit schweren Nachteilen wie Hirnschäden ins Leben gestartet, betonen sie. Darum sollten sie keinesfalls für die verursachten Kosten verantwortlich gemacht werden. "Es ist keine Leistung, einen Menschen für die ökonomische Last zu verurteilen, die er infolge frühkindlicher Benachteiligung verursacht."

Ziel müsse sein, die negativen Effekte zu vermindern - zugunsten der Betroffenen und der gesamten Gesellschaft. Nötig seien dafür gezielte Gesundheits- und Bildungsprogramme für gefährdete Kinder und ihre Familien.

Plausible und wertvolle Ergebnisse

Solche Studien auf Basis von Langzeitdaten seien kostbar, weil es nur wenige davon gebe, sagt Alexia Fürnkranz-Prskawetz vom Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital in Wien. Das gefundene Muster decke sich mit dem anderer Analysen. "Die Ergebnisse sind plausibel", erklärt die Wirtschaftsmathematikerin, die nicht an der Analyse beteiligt war.

Bildung zum Beispiel sei in vielen Ländern stark vom Elternhaus vorbestimmt, spätestens mit dem Übergang von der Grund- zur weiterführenden Schule sei der Bildungsstand der Eltern ein entscheidender Faktor. "Es sollten auch Kinder und Jugendliche aus einem sozial schwachen Elternhaus in den Genuss höherer Bildung kommen." Das sei umso wichtiger, da die Bildung immensen Einfluss auf Verhaltensmuster etwa im Gesundheitsbereich und auf das Arbeitsleben habe.

Etwa die Hälfte der zeitlichen, finanziellen und anderen Investitionen in Kinder komme derzeit von den Eltern. "Die Gesellschaft sollte die Familien bei diesen Investitionen in die nächste Generation unterstützen", erklärt Fürnkranz-Prskawetz. "Es ist wichtig, den Eltern dabei zu helfen, das möglichst gut hinzubekommen."

Einkommen ungleich verteilt

Die Autoren der Studie betonen, dass ihre Ergebnisse nicht eins zu eins auf andere Länder und Regionen übertragbar seien: "Unsere Untersuchung basiert auf einer Gruppe von Menschen in einem Teil der Welt und bedarf der Wiederholung und Bestätigung." Eine wichtige Grundlage sei mit der Situation in den USA und in Großbritannien vergleichbar: Die Einkommen seien in Neuseeland sehr ungleich verteilt.

Offen bleibe zudem die entscheidende Frage nach der Lebensbilanz insgesamt, so die Autoren der Duke University. Vor allem die Gesundheitskosten konzentrierten sich auf das fortgeschrittene Lebensalter weit jenseits der 38 und beeinflussten die Gesamtlast für die Gesellschaft dann erheblich.

Abschließend führen die Forscher eine weitere Einschränkung ihrer Auswertung ins Feld: Ein Raucher verursache zwar Gesundheitskosten, stütze aber auch die Tabakindustrie. Und ein Gefängnis- oder Klinikaufenthalt bedeute letztlich auch Arbeit und Einkommen für andere Menschen, für Gefängniswärter etwa oder Arzneimittelhersteller.

Fürnkranz-Prskawetz hat vor allem in einem Punkt Zweifel: "Es wird zwar ein deutlicher Zusammenhang gezeigt, aber was für Investitionen und Maßnahmen für Veränderungen konkret nötig sind, lässt sich daraus meines Erachtens nicht ableiten", sagt sie. "Der Schritt zum Verständnis, was genau man machen kann, ist noch ein großer."

Quelle: n-tv.de, Annett Stein, dpa

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