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Sieben Mal so groß wie Berlin Gigantischer Eisberg treibt in der Antarktis

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Den gewaltigen Riss im antarktischen Larsen-C-Schelfeis hatten Forscher schon lange beobachtet. Diese Aufnahme ist vom 10. November 2016. Das graue Satellitenbild zeigt den abgerissenen Eisberg am 12. Juli 2017.

(Foto: picture alliance / NASA/John Son)

Er löste sich vom Larsen-C-Schelfeis und ist einer der größten Eiskolosse, den Forscher in den vergangenen 30 Jahren registriert haben: Ein riesiger Eisberg hat sich im Westen der Antarktis gelöst. Es wird zwei bis drei Jahre dauern, bis er geschmolzen ist.

Wissenschaftler haben es schon vorhergesehen: Ein gigantischer Eisberg, einer der größten, der jemals dokumentiert wurde, hat sich in der Westantarktis vom Larsen-C-Schelfeis gelöst. In der letzten Zeit war eine Gletscherspalte in Larsen C enorm gewachsen. So hatte sich das spektakuläre Ereignis bereits angekündigt.

Larsen-Schelfeis

Ein langgezogenes Eisschelf im nordwestlichen Teil des Weddell-Meeres, das an der Nordwestküste der Antarktis liegt. Benannt wurde es nach dem norwegischen Kapitän Carl Anton Larsen, der 1893 mit der "Jason" an dem Schelfeis entlangsegelte.

Das Larsen-Schelfeis besteht aus vier einzelnen Eisschelfen: Larsen A, B, C und D (von Nord nach Süd). Larsen A ist der kleinste, Larsen C der größte dieser Eisschelfe.

Der Eiskoloss, der jetzt in der Antarktis treibt, ist fast sieben Mal so groß wie Berlin. Das teilte das Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) mit. Er treibe nun nach Norden und werde wohl zwei, drei Jahre brauchen, bis er geschmolzen ist. Möglicherweise zerfällt er auch in kleinere Teile. Aktuell misst er etwa 175 Kilometer in der Länge und 50 Kilometer an seiner breitesten Stelle. Insgesamt ist der Gigant rund 6000 Quadratkilometer groß. Larsen C hat damit gut zehn Prozent seines Eises verloren.

Der Vorgang wurde von Forschern aus dem britischen Projekt "Midas" unter der Leitung der Swansea University überwacht. Der Riss im Schelfeis hatte sich in den vergangenen Jahren immer weiter vorgearbeitet und besonders im vergangenen Jahr große Sätze nach vorn gemacht. Zuletzt trennten, wie Satellitenaufnahmen zeigten, nur noch wenige Kilometer die Rissspitze von der Schelfeiskante.

Der Eiskoloss wird nach Angaben von "Midas" vermutlich den Namen A68 erhalten. Er driftet wahrscheinlich zunächst mit einer Geschwindigkeit von zehn Kilometern pro Tag. AWI-Glaziologin Daniela Jansen, die am "Midas"-Projekt beteiligt ist, geht davon aus, dass er sich vor der Inselgruppe Südgeorgien, etwa 1400 Kilometer östlich der argentinischen Küste, vollständig auflösen wird. Eine Gefahr für Menschen gehe von dem Giganten nicht aus. "Er schwimmt in einem sehr abgelegenen Teil der Erde", sagt Jansen. "Und einen Eisberg dieser Größe kann man per Satellit super verfolgen." Schiffe wüssten somit, wo er sich gerade aufhalte.

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Schelfeise sind, wie es das AWI beschreibt, dicke, schwimmende Platten aus Eis, die die Antarktisküste säumen. Sie entstehen dadurch, dass Eis durch die Auslassgletscher vom Inland in den Ozean fließt. Dort, wo das Eis das Land verlässt, an der Gründungslinie, beginnt es aufzuschwimmen. Wenn mehrere Gletscher in eine Bucht münden, können diese sich zu einem Schelfeis vereinen. Das Larsen-C-Schelfeis ist das viertgrößte Schelfeis der Antarktis. Es hat eine Fläche von fast 50.000 Quadratkilometern und ist damit etwa so groß wie Niedersachsen.

Meeresspiegel steigt zunächst nicht

Schelfeise schieben sich stetig vorwärts Richtung Meer. Die Kante des Larsen-Schelfeises rückt nach AWI-Angaben etwa 700 Meter pro Jahr vor. Daher ist das Kalben von Tafeleisbergen etwa alle 15 bis 20 Jahre ein natürlicher Vorgang. Doch bei den nördlichen Nachbarn von Larsen C wurde dieses Gleichgewicht gestört: "Statt des regelmäßigen Kalbens mit Zeitintervallen, in denen die Kante wieder vorstoßen konnte, begann sich die Front immer weiter zurückzuziehen. Dieser Prozess mündete schließlich in dem kompletten Zerfall der Schelfeise", so das AWI.

Die aktuelle Loslösung des gigantischen Eisbergs dürfte auf den Meeresspiegel keine wesentlichen Auswirkungen haben, denn er schwamm ja bereits auf dem Meer, bevor er abriss. Wenn allerdings das Schelfeisgebiet Larsen C komplett abdriftet und Gletscher dann direkt vom Land ins Meer fließen können, könnte das Forschern zufolge zu einem Meeresspiegel-Anstieg führen.

Dem AWI zufolge spricht einiges dafür, dass das Larsen-C-Schelfeis in Gefahr ist: Nie zuvor sei beobachtet worden, dass sich die Kante des Schelfeises so weit zurückgezogen hatte. Auch zeigen Modellrechnungen, dass die neue Front instabil sein könnte. Die gesamte Eisplatte stehe unter Spannung. Wenn nun an einer Schlüsselstelle ein Stück abbricht, könnten sich auch an anderen Stellen Risse ausbreiten. So könnte das Schelfeis tatsächlich zerfallen.

Sie hätten keine Beweise, um den Abriss des gigantischen Eisbergs mit dem Klimawandel zu verknüpfen, sagen die Forscher. Allerdings sei es weithin akzeptiert, dass die Erwärmung des Ozeans und der Temperaturen zum frühen Zerfall von Schelfeis auf der Antarktischen Halbinsel beigetragen habe, vor allem bei Larsen A (1995) und Larsen B (2002). In den letzten 20 Jahren sind sieben Schelfeise an der Antarktischen Halbinsel zerfallen oder stark zurückgegangen.

Quelle: n-tv.de, asc/dpa

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