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Volksleiden Sodbrennen "Je fader das Essen schmeckt, desto besser"

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Milch gilt als Mittel gegen Sodbrennen. Doch laut Experten kann sie die Beschwerden auch verstärken.

(Foto: imago images / Panthermedia)

Etwa jeder Fünfte in Deutschland kennt Sodbrennen. Die Magensäure steigt in die Speiseröhre auf. Das führt zu vielen Beschwerden, die die Lebensqualität der Betroffenen einschränkt. Ein Arzt erklärt, was wirklich hilft.

Kaffee und Kuchen, ein Steak mit Pommes, ein Glas Wein: Viele Menschen leiden nach Kaffee- oder Alkoholgenuss oder dem Verzehr fettiger Speisen an quälendem Sodbrennen mit einem brennenden Gefühl in der Brustbeingegend und dem sauren Geschmack im Mund. Es gibt auch eine Reihe von Patienten, die gar nicht wissen, dass bei ihnen Magensäure aufsteigt. Diese beklagen sich meist über Heiserkeit, Halsschmerzen, Husten oder Schluckbeschwerden. Es handelt sich dann um den sogenannten "Stillen Reflux".

Wer nur gelegentlich an Sodbrennen leidet, muss sich noch keine Sorgen machen. Tritt das Problem jedoch mehrmals die Woche oder gar täglich auf, sollte etwas dagegen unternommen werden. Sodbrennen kann nämlich auch gesundheitliche Schäden verursachen, wie eine Entzündung der Speiseröhre, die sich bei weiterer Nichtbehandlung zu einem Barrett-Ösophagus - einer Krebsvorstufe - weiterentwickeln kann. In seltenen Fällen kommt es sogar zu Speiseröhrenkrebs.

Woher kommt das Sodbrennen?

Die häufigste Ursache für Sodbrennen, in der Fachsprache "Refluxkrankheit", ist eine beeinträchtigte Funktion von Schließmuskel und Speiseröhrenmuskulatur. "Der Schließmuskel sitzt in jungen Jahren noch straff. Er kann aber über die Jahre ausleiern. Dazu muss der Druck im Magenraum zu stark sein. Das kommt meist durch zu große Mahlzeiten. Bei zu spätem Essen hat man außerdem noch die Schwerkraft gegen sich arbeiten", sagt Dr. Holger Seidl, Direktor für Gastroenterologie, Hepatologie und gastroenterologische Onkologie am Isar Klinikum München im Gespräch mit ntv.de.

Neben dem geschwächten Schließmuskel können aber auch noch weitere Ursachen für das Symptom Sodbrennen infrage kommen. Dazu gehört eine ungünstige Ernährung, andere Speiseröhrenentzündungen, ein Zwerchfellbruch oder Magenleiden wie das Reizdarm-Syndrom. Schon allein deswegen sollte man sich bei anhaltenden Beschwerden immer an einen Arzt wenden. Laut Seidl ist ein Mangel an Magensäure nicht ursächlich für das Sodbrennen. "Es gibt zwar Krankheiten, denen ein Magensäuremangel zugrunde liegt, aber in 90 Prozent der Fälle gibt es kein Sodbrennen ohne aufsteigende Verdauungssäfte, vor allem brennt die Magensäure", sagt er. Wirken die Säureblocker nicht, können auch aufsteigende Gallensäfte für die Symptome verantwortlich sein.

Linderung mit Ernährungsumstellung und Hausmitteln

Sodbrennen stellt in vielen Fällen eine starke Belastung für die Betroffenen dar. Umso wichtiger ist es, etwas dagegen zu tun. Doch was hilft wirklich? Seidl schaut sich bei seinen Patienten immer erst einmal die Ess- und Trinkgewohnheiten an, denn häufig könnten bereits kleine Änderungen eine große Wirkung haben: "Man sollte lieber vier bis fünf kleinere Portionen über den Tag verteilt essen, denn zu viel Druck im Bauch kann zu Sodbrennen führen. Übergewichtige sollten versuchen, abzunehmen", sagt er. Weiterhin sei es wichtig, dass Betroffene auf Alkohol und Nikotin verzichten. Wer viel Kaffee trinkt, sollte auch das reduzieren. Stattdessen lieber zu stillem Wasser und ungesüßten Kräutertees wie Kamille oder Fenchel greifen.

Die Speisen sollten eher fettarm, eiweißreich und kohlenhydratarm sein. Auf Fertigprodukte, frisch gebackene Teigwaren, Süßigkeiten und starke Gewürze (zum Beispiel Pfeffer, Curry, Knoblauch) zu verzichten, hilft ebenfalls. "Je fader und langweiliger Sie essen, desto weniger Sodbrennen werden Sie haben", so der Gastroenterologe. Viele Betroffene wenden auch Hausmittel wie Natron, Heilerde oder Kartoffelsaft an. Seidl empfiehlt außerdem sogenannte Alginate: "Die gemahlene Algenpaste bewirkt, dass sich eine Gelschicht auf dem Essen bildet. Die wirkt wie eine Dichtfolie. Manche Menschen nehmen so ein Mittelchen deshalb vor dem Schlafengehen", sagt er. Doch die Hausmittel bringen nur eine kurzfristige Erleichterung: "Säureblocker sind viel effektiver", betont der Arzt.

Viele Menschen haben vor allem nachts mit Sodbrennen zu tun. Um dem vorzubeugen, sollten späte Abendmahlzeiten vermieden werden. Der Oberkörper sollte beim Schlafen leicht erhöht sein: "Man kann das Lattenrost des Bettes höher stellen und so die Physik ein bisschen austricksen. Ein zusätzliches Kissen bringt aber nichts. Da bekommen Sie nur einen schiefen Hals", sagt Seidl. In vielen Fällen reichen diese Maßnahmen bereits aus, um die Symptome deutlich zu verbessern oder gar verschwinden zu lassen: "Wenn Sie heute gut leben, haben Sie heute kein Sodbrennen. Es gibt Menschen, die müssen ein paar Wochen durchhalten, weil sich schon Entzündungen durch das Sodbrennen entwickelt haben", erklärt der Experte.

Medikamente und Operation bei schwereren Fällen

Hat man trotz Ernährungsumstellung und der Anwendung verschiedener Hausmittel noch Sodbrennen, stehen Medikamente wie Antazida zur Bindung der Magensäure oder H2-Rezeptorantagonisten, welche die Neuproduktion von Magensäure verhindern, zur Verfügung. Am häufigsten kommen jedoch Protonenpumpeninhibitoren (PPI) - auch Magensäureblocker genannt – zum Einsatz. "Der Säureblocker sorgt dafür, dass der Magensaft, der hochsteigt, nicht mehr so aggressiv ist. Die normale Säure wird fast auf null heruntergedrosselt. So verschwinden die Probleme in der Regel", sagt Seidl. Die PPI sollten eine halbe Stunde vor dem Frühstück eingenommen werden, damit sie optimal wirken können. Die Wirkung bleibt dann 24 Stunden lang bestehen. "Eine Gewöhnung an die Tabletten gibt es fast nicht", so der Gastroenterologe. Auch in der Schwangerschaft ist Sodbrennen ein sehr häufiges Problem. Schwangere Frauen sollten aber eine Einnahme von PPI immer vorher mit ihrem behandelnden Gynäkologen besprechen. In der Regel wird jedoch davon abgeraten.

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Auch wenn die Medikamente für eine Langzeiteinnahme geeignet sind, können PPI Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen oder Juckreiz verursachen. Sofort absetzen sollte man sie jedoch nach einer Einnahme von über zwei Monaten nicht, warnt Seidl: "Es gibt beim abrupten Absetzen oft einen Rebound-Effekt. Das heißt, wenn der Körper sich an die Tabletten gewöhnt hat, produziert er erst einmal ein paar Wochen lang zu viel Säure. Diese Folgeerscheinungen werden dann als besonders schlimm empfunden, sodass die Leute doch wieder anfangen, die Tabletten zu nehmen", sagt Seidl. Ein langsames Ausschleichen ist hier also angesagt.

Nun gibt es Betroffene, die trotz Magensäureblocker und Anpassung des Lebensstils Beschwerden haben. In solchen Fällen ist der Schließmuskel oft stark ausgeleiert. Hier kann eine Reflux-OP ein letzter Ausweg sein, um das Sodbrennen endgültig loszuwerden. "Der Schließmuskel wird gestrafft und am Zwerchfell befestigt. Wenn es optimal läuft, sind die Leute komplett beschwerdefrei und können ohne Tabletten leben", sagt Seidl. Die Operation wird in der Regel mit einer Schlüssellochchirurgie (Laparoskopie) durchgeführt. Ist ein Zwerchfellbruch die Ursache des Sodbrennens, kann auch dieser im Rahmen einer Operation behoben werden.

Quelle: ntv.de, imi