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Der Wasserfrosch: Kryo-Konservierung in der Natur.
Der Wasserfrosch: Kryo-Konservierung in der Natur.(Foto: picture-alliance/ dpa)
Samstag, 22. Januar 2011

"Daran gibt es nichts zu rütteln": Lebewesen sind Sterbewesen

Der Tod ist unweigerlicher Bestandteil des biologischen Rhythmus. Wer lebt, wird auch sterben - daran führt kein Weg vorbei. Und wenn sogenannte "Kryoniker" behaupten, man könne sich nach dem Tod einfrieren lassen und dann in der Zukunft wieder auferstehen, dann ist das eine Illusion. Es sind klare Positionen, die der renommierte Physiologe und Evolutionsbiologe Prof. Ulrich Kutschera im Interview mit n-tv.de vertritt.

n-tv.de: Herr Kutschera, Sie sind Evolutionsbiologe - welche Rolle spielt die Kryonik bei Ihrer Forschungsarbeit?

Ulrich Kutschera: Eine große. In der Biologie nennt man das jedoch "Kryo-Konservation", nicht "Kryonik". Es handelt sich dabei um eine Technik zur Aufbewahrung lebender Zellen durch das sogenannte "Schockfrieren". Das ist wichtig für unsere Forschung. Man kann damit zum Beispiel Bakterienkulturen schlagartig auf minus 180 Grad abkühlen und diese dann bei minus 80 Grad aufbewahren. Nach einigen Jahren - bei Bakterien sind das tausende von Generationen - kann man dann die so konservierten Urahnen der Bakterien auftauen und mit ihren Nachkommen vergleichen. Das ist eine wichtige Methode, um Evolutionsexperimente im Labor durchzuführen. Außerdem spielt die Kryo-Konservierung eine wichtige Rolle beim Pflanzen- und Tierschutz. Man kann Pflanzen, die vom Aussterben bedroht sind, konservieren und später wieder vermehren.

Gibt es auch Anwendungsbereiche in der Humanbiologie?

Auch in der Reproduktionsmedizin wird die Kryo-Konservierung angewendet. So kann man zum Beispiel menschliche Spermien oder Eizellen aufbewahren. Es wurden schon Einzeller über mehrere Jahre hinweg konserviert und schließlich wieder aufgetaut - die Lebensfunktionen waren nach dem Auftauen weitgehend erhalten. Man kann beispielsweise auch Hirnpräparate erfolgreich kryo-konservieren. Und hier ist nachgewiesen, dass die Zellfunktionen auch nach dem Wiederauftauen noch intakt sind.

Findet man das Phänomen auch in der Natur?

Rose, die mit minus 196 Grad kaltem Stickstoff schockgefroren wurde.
Rose, die mit minus 196 Grad kaltem Stickstoff schockgefroren wurde.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ja! Zum Beispiel bei den "Bärtierchen". Das sind mikroskopisch kleine Mehrzeller, mit bloßem Auge kaum zu erkennen. Diese Tierchen überleben bei extrem niedrigen Temperaturen, indem sie ihr gesamtes Körperwasser durch Zuckerlösung ersetzen. Damit gibt es keine Eiskristallbildung, die sehr schädlich wäre. Ein weiteres Beispiel sind unsere Wasser- und Grasfrösche. Man hat bei diesen Amphibien in der Natur beobachtet, dass sie im Winter komplett durchfrieren. Sie bilden in ihren Körperflüssigkeiten eine hohe Glucose-Konzentration - als Gefrierschutzmittel. Und wenn sie wieder auftauen, hüpfen sie fröhlich weiter.

Wäre das auch bei Säugetieren - wie dem Menschen - denkbar?

Grundsätzlich spricht nichts dagegen. Wenn die Technologie auf dem entsprechenden Stand ist - und sie schreitet ja unentwegt voran - ist es denkbar, dass man irgendwann auch Menschen schockfrieren und konservieren kann. Aber es gibt ein Problem: Länger als ein-, höchstens vielleicht zweitausend Jahre lassen sich Gewebeproben, und somit auch größere Organismen, nicht konservieren. Zum Beispiel durch natürliche Radioaktivität wird nämlich das Erbgut, die DNA, trotz des Gefrierzustandes nach und nach geschädigt. Das Kerngenom zerbröselt selbst unter den bestmöglich denkbaren Laborzuständen. Und dann ist der Bauplan des Lebewesens derart entstellt, dass ein Wiederauferstehen nicht möglich sein wird. Es gibt also eine natürliche Grenze bei der Kryo-Konservierungstechnik. Man könnte also niemanden einfrieren und ihn 10.000 Jahre später wieder bei vollen Lebensfunktionen aufwecken.

Nun behaupten manche Menschen, die sich selbst als "Kryoniker" bezeichnen, sie könnten sich nach ihrem natürlichen Tod, sagen wir mit 90 Jahren, einfrieren lassen. Damit verbinden sie die Hoffnung, in einigen hundert Jahren wieder aufgeweckt und revitalisiert zu werden.

Mit Stickstoff kann man schnell Organismen einfrieren.
Mit Stickstoff kann man schnell Organismen einfrieren.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Das ist nichts als naives Wunschdenken. Nehmen wir einmal an, ein Mensch stirbt mit 90 Jahren an Herzversagen - ein natürlicher Tod. Was heißt das? Das bedeutet, dass die "Maschinerie des Lebens", und somit die Mitochondrien, ihre Funktion eingestellt haben. Wenn man diesen Menschen dann kryo-konserviert, kann man ihn natürlich nicht mehr re-vitalisieren, weil das natürliche Ableben nicht rückgängig gemacht werden kann.

Das Gegenargument der "Kryoniker" ist folgendes: Die Altersforschung wird irgendwann so weit sein, dass die Gene umprogrammiert werden können, und man sich so wieder verjüngen kann.

Auch das ist völliger Unsinn. Es hat schlicht und einfach mit unserer Evolution zu tun: Lebewesen sind Sterbewesen. Wir sind zum Sterben geboren. Es klingt hart, aber aus biologischer Sicht muss man festhalten: Ein menschlicher Körper, der seine reproduktive Funktion erfüllt hat, ist von Natur aus zum Sterben verurteilt. Und die Mechanismen, die hier arbeiten, kennt man inzwischen auch sehr genau. Dazu kommt noch etwas, das viele Menschen nicht wissen: Sauerstoff ist ein toxisches Gas. Der Sauerstoff in der Luft hält uns einerseits am Leben, aber er bringt uns letztendlich um - das jetzt biochemisch zu erklären, würde den Rahmen sprengen. Wir können feststellen: Eine menschliche Lebenserwartung von 100 bis 120 Jahren ist durchaus möglich, aber dann hat es sich "ausgelebt". Es ist eine Illusion, zu glauben, man könnte das Leben darüber hinaus jemals verlängern.

Wenn ich Sie richtig verstehe, heißt das im Klartext: Kryo-Konservierung und darauffolgende Reanimation würden nur funktionieren, wenn man Menschen bei lebendigem Leibe schockfriert.

Genau so ist das. Dies wäre mit der entsprechenden Technologie möglich. Ein 50-Jähriger könnte sich schockfrieren lassen - das wäre nicht einmal besonders schmerzhaft. Mit einem Schlag verlöre er das Bewusstsein und wäre konserviert. Dann könnte man ihn in 500, vielleicht 1000 Jahren revitalisieren. Dann wäre er aber immer noch 50 Jahre alt, und hätte lediglich die ihm verbleibenden Jahre zu leben.

An der natürlichen Obergrenze ist also - auch durch zukünftige Forschung - nicht zu rütteln?

Absolut. Da ist nichts zu machen, weil die Evolution der Organismen über Generationen-Abfolgen verläuft: Menschen pflanzen sich fort, sterben und überlassen ihren Kindern den freigewordenen Lebensraum Das ist eine Grunderkenntnis der Evolutionsbiologie.

Wenn man also davon träumt, dass in einigen Jahrzehnten die menschliche Lebenserwartung auf mehrere hundert Jahre steigt, ist das Wunschdenken.

Ulrich Kutschera ist Professor für Biologie an der Universität Kassel und Vorstandsmitglied der Arbeitsgruppe "Evolutionsbiologie" des Verbandes für Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland.
Ulrich Kutschera ist Professor für Biologie an der Universität Kassel und Vorstandsmitglied der Arbeitsgruppe "Evolutionsbiologie" des Verbandes für Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland.(Foto: X.Wang, San Francisco)

Hier kann ich als Biologe ganz klar Stellung beziehen: Das ist nicht nur Wunschdenken, sondern auch ein Armutszeugnis für unser Bildungssystem. Es gibt zahlreiche Lehrbücher und Publikationen zu dem Thema - unter anderem von mir selbst verfasst. Lebewesen sind per definitionem zum Sterben geboren. Wir leben lediglich in unseren Nachkommen fort. Ich habe drei Kinder und lebe in diesen Nachkommen über drei meiner haploiden Zellen weiter, der Rest meines Körpers wird sterben. Für die Illusion, dass der sterbliche Körper unendlich weiterleben kann, gibt es von Seiten der Wissenschaft keinerlei Evidenz. Das sind nicht mehr als naive Kinder-Träume. Würden sich Personen, die derartiges behaupten, auf den Gebieten der Evolutionsbiologie und Physiologie auskennen, wüssten sie etwa, was der Luft-Sauerstoff mit uns anstellt: Dieses toxische Gas verwandelt sich unter anderem im Licht in reaktive Moleküle, die zum Beispiel die Bio-Membranen unserer Zellen nach und nach zerstören. Die Glaubenssätze der "Kryoniker" sind reine Esoterik, vergleichbar mit der Homöopathie oder dem Kaffeesatz-Lesen, und müssen daher von der seriösen Naturwissenschaft entkräftet werden.

Mit Ulrich Kutschera sprach Fabian Maysenhölder

Weiterführende Literatur:
Ulrich Kutschera: "Evolutionsbiologie", Verlag Eugen Ulmer.

Ulrich Kutschera: "Tatsache Evolution. Was Darwin nicht wissen konnte", Deutscher Taschenbuch-Verlag.

 

Quelle: n-tv.de

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