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Keiler in der Sparkasse Passen Städter und Wildtiere zusammen?

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Oktober 2017: In der Innenstadt von Heide griffen zwei aggressive Wildschweine Passanten an. Eines wurde später erschossen.

(Foto: dpa)

Wütende Wildschweine, knospenfressende Rehe und Marderschäden an Autos: Wilde Tiere in der Stadt lösen Verärgerung aus. Manchen Menschen machen sie gar Angst. Wie berechtigt ist die?

Schock in der Sparkasse: Ein wütender Keiler kommt krachend durch die Tür und dreht Runden im Kassenraum. Der Filialleiter wird am Bein verletzt. Verängstigte Kunden werden über Drehleitern in Sicherheit gebracht. Das dramatische Geschehen in der holsteinischen Kreisstadt Heide macht Schlagzeilen. Nur wenige Wochen später toben am ersten Arbeitstag des Jahres 2018 zwei Keiler durch einen Supermarkt bei Karlsruhe - ehe sie mit ihrer Rotte im Wald verschwinden. "Was war das denn?", fragen sich dort verblüffte Kunden, die mit dem Schrecken davongekommen sind.

Immer wieder sorgen Auftritte anscheinend furchtloser Wildtiere in Domänen der Menschen für Aufregung. Füchse auf Spielplätzen in Berlin beäugen Kinder statt davonzulaufen. Waschbären an Müllsäcken in Kassel sind selbst mit dem Besenstiel kaum zu vertreiben. Rehe in Stuttgarter Vororten beißen seelenruhig Rosenknospen ab.

In der Sparkasse von Heide griff im Oktober 2017 ein Jäger zum Gewehr. "Schon der erste Schuss hat gesessen", freute sich Bürgermeister Ulf Stecher. Erlaubt war das nur, weil Menschenleben unmittelbar in Gefahr waren. Das grundsätzliche Jagdverbot in unseren Städten sei - neben der Verdrängung durch Folgen der industriellen Landwirtschaft - ein Grund dafür, dass die Zahl wilder Tiere in Siedlungsgebieten wächst, sagt Baden-Württembergs Landesforstmeister Max Reger. Wildschweine, Füchse oder Waschbären fänden dort nicht nur ein großes Nahrungsangebot. "Sie merken auch, dass da kein Feuer von Jägern zu befürchten ist."

Abschuss ist in Städten keine Option

Die forcierte Bejagung von Schwarzwild, mit der ein Übergreifen der Afrikanischen Schweinepest auf Deutschland verhindert werden soll, dürfte kaum Einfluss haben auf die Lage in den Städten, meinen Experten. Dort sei der Abschuss keine Option. "Geschosse, wie Jäger sie verwenden, reißen schwere Löcher, weil sie möglichst rasch töten sollen", sagt Reger. "In Städten wäre die Gefahr für Menschen viel zu groß, kein Jäger will das."

Doch was tun, wenn - wie Wissenschaftler prognostizieren - immer mehr wilde Tiere die Städte bevölkern und das Unbehagen darüber wächst? Ängste müssten immer ernst genommen werden, sagt Derk Ehlert. Er ist Wildtierexperte in der Senatsverwaltung von Berlin. "Selbst wenn Anrufer nachts auf dem Ku'damm partout einen Wolf gesehen haben, der in Wirklichkeit ein Collie ist." Geduldige Aufklärung sei wichtig, damit ein Nebeneinander von Stadtmenschen und Wildtieren gelingt.

Nicht tollwütig, sondern liebestoll

"Dass Füchse immer Tollwut haben, wenn sie sich Menschen nähern, ist zum Beispiel Unsinn", sagt Ehlert. Bürgern, die wegen eines Fuchses mit Schaum vor dem Maul Alarm schlagen, erklärt er die Ranz. "In der Paarungszeit gehört dieser Schaum dazu. Die sind nicht tollwütig, sondern liebestoll." Zudem sei in Berlin seit Jahrzehnten kein Fuchsbandwurm mehr gemeldet worden.

In Ehlerts Erfahrungsbild passt es nicht, dass Wildschweine einfach mal so "Amok laufen" - wie anscheinend im Kaufland bei Karlsruhe. Wenn sie mal "ausrasten" würden, dann fast immer, weil ihnen ein Fluchtweg abgeschnitten worden sei oder eine Verletzung sie quäle - etwa durch Unfälle mit Autos.

Wildtiermetropole Berlin

Berlin gilt als die Wildtiermetropole Europas. Aber wenn es um einen wildlebenden Einwanderer aus Nordamerika geht, ist Kassel unangefochten die Hauptstadt der Waschbären. Nach Angaben der Umweltorganisation WWF leben dort rund 100 Tiere auf 100 Hektar - mehr als anderswo in Deutschland.

Bundesweit werden jährlich Zehntausende von Waschbären erlegt. Doch das kann - ähnlich wie der Abschuss von rund 580.000 Wildschweinen pro Jahr - den Zuwachs der Populationen in Stadtgebieten kaum bremsen, sagt Mark Harthun, Experte beim Naturschutzbund Deutschland, dem Nabu. "Sie reproduzieren sich zu schnell." Schädlich seien die Kleinbären dort, wo sie Frösche und andere Amphibien sowie manche Vogelarten auszurotten drohen. Schuld sei letztlich der Mensch: "Waschbären wurden 1934 unweit von Kassel am Edersee ausgesetzt, weil man das Angebot an Tieren für die Jagd erweitern wollte."

Weit geringer als in Berlin oder Hamburg sind laut Polizeiangaben die Probleme mit Wildtieren in München. Allerdings klagen dort Anwohner des Stadtparks im Viertel Pasing über die streng geschützten Biber, die ihre Gärten unsicher machten. Abgenagte Baumstämme zeugten davon.

Vielen Berlinern seien Wildtiere trotz aller Probleme willkommen, berichtet Experte Ehlert. So mancher sei stolz, dass sich - ähnlich wie in London - Füchse in der Öffentlichkeit sehen ließen, sogar im Garten vor dem Kanzleramt. Funktionieren könne eine Koexistenz auf Dauer aber nur, wenn es bei "respektvoller Distanz" bleibe. Deshalb dürften Wildtiere auf keinen Fall angelockt werden - etwa durch Lebensmittel auf Komposthaufen, leicht zugängliche Abfallsäcke oder sogar gezieltes Füttern. "Auch das kommt leider vor, obwohl das Zahmmachen von Wildtieren gesetzlich verboten ist."

Quelle: n-tv.de, Thomas Burmeister, dpa