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Montgomery bei ntv "Pharma-Industrie ist selbst schuld"

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Professor Frank Ulrich Montgomery ist Radiologe und Vorstandsvorsitzender des Welt-Ärztebundes.

(Foto: picture alliance/dpa)

Fast eine Million Menschen werden täglich in Deutschland geimpft, das Ende der Pandemie scheint in Sicht. Der Chef des Weltärzte-Bundes, Montgomery, sagt bei ntv, was jetzt noch schiefgehen könnte und was er von Überlegungen hält, Pharma-Konzernen Patente abzuerkennen.

ntv: Experten sagen, schon in drei Wochen könnten die Zahlen exponentiell nach unten gehen, weil dann der Impfeffekt sich deutlich bemerkbar macht. Sehen Sie das auch so?

Frank Ulrich Montgomery: Ich würde mich jetzt nicht auf drei Wochen festlegen lassen, aber bald, das ist richtig. Die ersten Erfolge an den Inzidenzzahlen können wir ablesen, dass das Impfen wirkt, dass aber auch die Kontaktbeschränkungen wirken. Wenn wir jetzt nicht zu schnell aufmachen, wenn wir jetzt nicht gleich wieder größenwahnsinnig werden, dann haben wir eine gute Chance, zum Frühsommer wirklich ganz über den Berg zu sein.

Was könnte denn jetzt noch schiefgehen?

Na ja, es kann bei der Impfung natürlich immer noch Probleme geben, etwa bei der Verteilung des Impfstoffes. Es kann mal wieder, es ist ja schon passiert, eine ganze Charge Impfstoffe in der Produktion unbrauchbar werden, und, was wir alle noch nicht wissen und was wir sehr fürchten, es kann natürlich immer noch diese sogenannte Escape-Mutation geben. Also ein Virus, das nicht mehr auf die Impfung reagiert. Aber, das glaube ich, wird alles in den nächsten Wochen nicht passieren, sodass wir gute Chancen haben, bis zum Frühsommer über den Berg zu sein.

Die USA möchten die Freigabe der Impfstoff-Patente, die Bundesregierung sieht das eher kritisch. Verhindert die Bundesregierung damit eine schnelle Durchimpfung der ganzen Bevölkerung auf der ganzen Welt?

Da wäre ich jetzt vorsichtig mit Schuldzuweisungen, weil das eine ganz schwierige Frage ist, die man diskutieren muss. Persönlich glaube ich, dass jetzt die Frage nach der Aufhebung des Patentschutzes gestellt wird, daran hat die Pharmaindustrie selber schuld. Wer sich so ungeniert die Taschen füllt, wie die das tut im Moment, der muss sich dann nicht wundern, wenn Leute, die den Impfstoff nicht mehr bezahlen können, nach solchen Lösungen fragen. Die Aufhebung des Patentschutzes ist sehr kritisch, weil das mit Sicherheit Forschung und Innovation behindern wird. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass gerade die Entwicklung von Impfstoffen mit zig Milliarden aus Staatsmitteln weltweit gefördert worden ist. Noch nie hat der Staat so schnell so viel Geld in Impfstoffproduktion und Entwicklung investiert, wie bei den Impfstoffen gegen Corona. Es handelt sich ja in der Tat um ein Menschheitsübel, das wir bekämpfen wollen. Ich hielte es eigentlich für eine gute Idee, wenn die Pharmaindustrie, statt über Patentaufgaben, mal über eine vernünftige Preispolitik nachdenken würde. Denn einfach nur die Patente freizugeben, heißt noch lange nicht, dass jeder diesen Impfstoff in irgendeiner kleinen Hinterküche zusammenkochen kann. Das ist nicht trivial, das ist ein hochkomplexer Produktionsvorgang. Da müssen sehr viele Qualitätssicherungsschritte einbezogen werden. Da müssen hinterher auch Kontrollen sein, damit die Menschen sicher sein können, dass der Impfstoff sicher ist. Deswegen wäre ein Zusammenwirken mit der Pharmaindustrie und ein Reden darüber, wie wir die Welt versorgen können, ohne dass die Pharmaindustrie sich die Taschen füllt, hier der richtigere Weg.

Wie kann man jetzt ganz konkret dafür sorgen, dass jetzt auch in ärmeren Ländern schnell geimpft wird?

Zum einen gibt es die große Initiative bei der Weltgesundheitsorganisation, Covax, die schon zig Millionen Impfstoff-Dosen in sehr arme und arme Länder dieser Welt geschickt hat. Zweitens hat auch die Europäische Union Überschussmengen geordert, oder sich zumindest Optionen darauf geben lassen. Die muss man dann auch zu durchaus günstigeren Preisen oder auch für umsonst an sehr arme und arme Länder geben. Denn wir haben ja ein Interesse, dass das Virus da auch ausgerottet wird, dann können dort keine Mutationen mehr entstehen, die wir dann bei uns wieder einschleppen. Das ist wirklich eine Weltfrage, die wir da momentan lösen müssen. Und da müssen wir alle mit Herz, mit Hirn, aber auch mit viel Geld rangehen.

Man hat sich gewundert über den Vorstoß der USA, denn es gibt ja, wie erwähnt, die Covax-Initiative. Reicht es nicht, was da gemacht wird?

Covax ist eine sehr wichtige Initiative, aber sie hat einfach nicht genug Geld. Sie hat nicht genug Mittel, um an die armen Länder heranzukommen. Es ist im Moment so, dass zehn Prozent der Weltbevölkerung sich achtzig Prozent des Impfstoffes gesichert haben. Und da macht die Pharmaindustrie mit. Wir haben ja auch ein Interesse. Ich bitte Sie, welcher Politiker in Deutschland kann sagen, wir warten noch mit den Impfungen in Deutschland, damit ganz Afrika geimpft wird? Die haben ja auch, und das hat Frau Merkel in ihrem Interview bei Anne Will auch mal gesagt, einen Amtseid gegenüber der deutschen Bevölkerung zu erfüllen. Hier müssen wir also rational vorgehen, und wenn wir alle im Sommer über den Berg sind mit den Impfungen, dann sollten wir auch daran denken, wie wir alle anderen mitimpfen können. Wie gesagt aus dem Interesse, dass die Krankheit dann nicht zu uns zurückschwappt.

Wir haben ja auch selber ein Interesse daran, dass auf der Welt so viele Menschen wie möglich geimpft sind. Was würde denn passieren, wenn das nicht der Fall wäre, wie schnell könnte die Pandemie wieder auf uns zurückschwappen, auch wenn wir hier alle durchgeimpft sind?

Das ist eine schwere Frage, dazu bräuchte ich eine Kristallkugel, um die beantworten zu können. Im Moment wirken alle Impfstoffe noch gegen alle uns bekannten Mutationen und Variationen mindestens so weit, dass die Menschen nicht ganz schwer erkranken und an der Erkrankung sterben. Das ist schon mal ein guter Grundschutz. Was wir nicht vorhersehen können ist, was für weitere Mutationen es gibt. Vielleicht wird es bei dieser Erkrankung wie bei der Grippe, dass wir in regelmäßigen Abständen nachimpfen müssen, um auch gegen neue Virusstämme immun zu bleiben. Aber je mehr Infektionen stattfinden, desto mehr Mutationen können passieren. Und deswegen haben wir dieses Interesse, überall auf der Welt die Virusvermehrung zu vermeiden. Und das geht nur durch Impfen. Aber ich weiß auch nicht, was passiert, wenn wir es nicht schaffen, die Hälfte von Afrika zu impfen, aber weiter Tourismus dahin machen. Das wird dann irgendwann wieder zu ganz gravierenden Folgen führen.

Mit Frank Ulrich Montgomery sprach Nina Lammers.

Quelle: ntv.de

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