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Gesünder essen, mehr bewegen Self-Nudging gegen inneren Schweinehund

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Je länger die Lockdown-Maßnahmen andauern, umso schwieriger ist es für viele, in Bewegung zu bleiben.

(Foto: imago/imagebroker)

In Zeiten von Homeoffice und Ausgangsbeschränkungen fällt es vielen besonders schwer, einen gesunden Lebensstil zu führen. Forscher raten deshalb zu Werkzeugen, die die Selbstkontrolle stärken. Ein Apfelfoto am Kühlschrank ist nur ein Beispiel dafür.

Self-Nudging ist eine verhaltenswissenschaftliche Methode, mit der jeder seine Fähigkeiten zur Selbstkontrolle stärken kann. Die "Selbst-Anstupser", die in den letzten Jahren in der Wissenschaftswelt an Popularität gewinnen, sollen es ermöglichen, die eigene Entscheidungsumgebung zu gestalten und zu strukturieren. Das schreiben Forscher der Universität Helsinki und des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPIB) im Fachjournal "Behavioural Public Policy".

"Wir alle haben in unseren Köpfen und Körpern verschiedene Bedürfnisse und Wünsche, die ständig miteinander in Verhandlung treten. Self-Nudging kann dabei helfen, bewusster mit diesen inneren Verhandlungsprozessen umzugehen. So kann mit ganz praktischen Werkzeugen die Selbsterkenntnis gefördert werden", erklärt Samuli Reijula, Studienleiter und Philosoph an der Universität Helsinki, in einer Mitteilung des MPIB.

Vier Kategorien vorgestellt

Die Forscher stellen die Self-Nudging-Werkzeuge in vier Kategorien vor und geben gleichzeitig Beispiele dafür:

  1. Erinnerungen und Hinweise für sich selbst platzieren: etwa ein Foto eines Apfels an der Kühlschranktür oder die Jogging-Schuhe vor dem Bett.
  2. Den Entscheidungen einen anderen Rahmen geben (Framing): In dieser Kategorie könnte man beispielsweise die Entscheidung zwischen Joggen und Nichtjoggen auch als eine Entscheidung zwischen Gesundheit oder Krankheit im Alter sehen oder jede Treppe als eine Gelegenheit willkommen heißen, die Lebenserwartung etwas zu erhöhen.
  3. Die Zugänglichkeit zu Dingen, die schaden können, verringern und Hürden einbauen oder umgekehrt, die Dinge, die man will, einfach machen. Das kann beispielsweise das Ändern der Voreinstellungen in elektronischen Geräten sein oder, die Benachrichtigungen von Social-Media-Apps auszuschalten. Wem das nicht ausreicht, der könnte
  4. Druck und Selbstverpflichtung mithilfe von sozialen Verträgen aufbauen. Denkbar wäre hier, sich gegenüber Freundinnen oder Freunden zu einer Spende an einen Verein oder eine Partei zu verpflichten, die man wirklich nicht mag, wenn man beispielsweise die Frist zur Abgabe einer Arbeit nicht einhält.

Mit Nudging wird schon seit Jahren von Politikern und Verhaltensökonomen auf die Bürger eines Landes eingewirkt. Doch das Verfahren ist unter Wissenschaftlern umstritten, denn: "Beim Nudging gibt es immer ein Informationsgefälle. Wenn zum Beispiel der Staat Nudging einsetzt, bestimmt er das Verhalten der Bürger, indem er entscheidet, was gut für sie ist, und sie mit Maßnahmen in diese Richtung stupst. Die Bürger wissen manchmal nicht mal, dass oder wie sie genudged werden. Die Gefahr des paternalistischen und manipulierenden Staats steht im Raum", sagt Ralph Hertwig, Direktor des Forschungsbereichs Adaptive Rationalität am MPIB. Zudem könne die Politik dadurch nur Veränderungen im öffentlichen Raum erreichen, obwohl viele Entscheidungen im privaten Raum gefällt werden. Mit Self-Nudging lassen sich hingegen sowohl das Problem des Informationsgefälles als auch die Unzugänglichkeit des privaten Raums umgehen.

Süßigkeiten ganz hinten lagern

Ein typisches Beispiel für einen Nudge sei die Platzierung von Obst auf Augenhöhe an der Kasse von Mensen und Schulkantinen, während der Kuchen in einer hinteren, schwer erreichbaren Ecke versteckt wird, schreiben die Forscher. Da die Politik um die langfristig gesundheitsschädliche Wirkung der angeborenen Lust auf Süßes wisse, könne sie durch die Veränderung der Essensplatzierung in öffentlichen Mensen die Entscheidungen der Menschen beeinflussen.

Doch schon beim Abendessen zu Hause kommen diese Nudges nicht mehr an. Der Self-Nudger hingegen erkennt, welche Faktoren in der Umgebung seine Selbstkontrolle auf die Probe stellen. Er könnte die gleichen Prinzipien, wie sie beim Nudging im öffentlichen Raum verfolgt werden, nutzen und beispielsweise Süßigkeiten in der eigenen Küche ganz hinten im obersten Küchenregal aufbewahren. Die Forscher plädieren deshalb für die Methoden des Self-Nudging. "Auf diese Weise ist es nicht mehr der Staat, der uns anstupst, sondern wir stupsen uns selbst an, sofern wir es möchten. Und wenn der Staat gezielt und verständlich über Wege zum Self-Nudging informiert, beispielsweise mit Faktenboxen, Apps oder Broschüren, kann er gesellschaftlich akzeptierte Ziele wie eine gesündere Ernährung verfolgen, indem er Bürger dabei unterstützt, aufgeklärte und selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen", sagt Hertwig.

Die Erkenntnisse der Forscher wurden im Fachjournal "Behavioural Public Policy" veröffentlicht.

Quelle: ntv.de, jaz