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Verlust der heimischen Arten So könnte die Nordsee 2099 aussehen

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(Foto: imago/blickwinkel)

Die Nordsee mit ihrem Watt gilt als lebendiges Meer mit einer reichen Artenvielfalt, vor allem auf und im Meeresboden. Doch das wird nicht so bleiben. Forscher zeigen, wie das Meer 2099 besiedelt sein könnte - und warnen.

Seesterne, Krabben und Muscheln: Auf und im Boden der Nordsee finden sich viele Arten. Die Erhöhung der Wassertemperatur und des Salzgehaltes als Ergebnisse des Klimawandels könnten das jedoch ändern. Wissenschaftler aus Deutschland und Norwegen haben modelliert, wie sich diese Veränderungen auf 75 verschiedene benthische – das sind am und im Boden lebende – Organismen der Nordsee bis ins Jahr 2099 auswirken.

"Wir haben Arten ausgewählt, die entweder zur typischen Nordseefauna gehören, wie beispielsweise die Nordseekrabbe (Crangon crangon), solche, die schon heute bedroht sind oder Arten, die eine bedeutende Aufgabe im Ökosystem Nordsee spielen", erklären Professorin Ingrid Kröncke und Hermann Neumann, die an der Untersuchung bei Senckenberg am Meer beteiligt waren. Die Wissenschaftler um Michael Weinert zeigen, dass der globale Klimawandel und die damit verbundenen Veränderungen in der Nordsee für 49 der 75 untersuchten Benthos-Arten den Verlust ihres Lebensraumes bedeuten wird.

Arten werden wohl umziehen

Etwa 65 Prozent der auf dem Nordseeboden lebenden Organismen werden zwar auch weiterhin in der Nordsee zu finden sein, verlagern aber den Modellierungen zufolge ihren Lebensraum nordwärts. Am weitesten zieht es den Seestern Ophiothrix fragilis, der bis zu 100 Kilometer in den Norden wandern wird. Bei der im Sediment lebenden Fauna sind es sogar 77 Prozent der untersuchten Arten, die aufgrund der erhöhten Temperaturen den Weg Richtung Norden einschlagen. Aber auch in den Süden breiten sich einige Arten aus: Der Einsiedlerkrebs Pagurus prideaux beispielsweise wird wohl in Zukunft etwa 105 Kilometer weiter südlich zu finden sein.

"In der Deutschen Bucht und der südlichen Nordsee wird es einen massiven Verlust der heimischen Fauna und wichtiger 'Ökosystem-Ingenieure' geben – mit Konsequenzen für die gesamte Flora und Fauna der Nordsee", erläutert Weinert die Ergebnisse. Fehlt beispielsweise der Seeigel Echinocardium cordatum, wird das Sediment weniger durchwühlt, organisches Material weniger abgebaut, und der Sauerstoffgehalt im Meeresboden sinkt.

Der Verlust solcher "Ökosystem-Dienstleister" kann dazu führen, dass die Nordsee weitere menschliche Einflüsse nicht mehr abpuffert, die Wasserqualität sinkt und die Bestände von kommerziell gefangenen Fischen zurückgehen. "Wir erwarten zudem, dass sich einwandernde Arten in den freigewordenen Lebensräumen ansiedeln", ergänzt Kröncke und fährt fort: "Bereits heute finden wir immer häufiger eingewanderte Arten, wie beispielsweise die Pazifische Felsenauster aus Südostasien im Watt oder die mediterrane Trapezkrabbe Goneplax rhomboides in den Gewässern der Nordsee."

Verwendung eigener Daten

Das Modell, das die Gruppe um Weinert für ihre Voraussagen benutzt hat, geht von einer Erhöhung der Wassertemperatur zwischen 0,15 und 5,4 Grad Celsius aus. Der Salzgehalt wurde mit durchschnittlich 1,7 Prozent zugrunde gelegt. Alle Werte resultieren aus eigenen Langzeit-Messreihen in der Nordsee. Die durchschnittliche Wintertemperatur der Nordsee hat sich in den letzten 25 Jahren um etwa 1,6 Grad erhöht – im letzten Jahr gab es einen Wärmerekord.

"Gut möglich, dass die von uns modellierten Verschiebungen der Verbreitungsgebiete schon früher eintreffen als wir bisher annehmen", gibt Weinert zu bedenken und resümiert: "Um Schutz- und Managementmaßnahmen ergreifen zu können, ist es essenziell, die Auswirkungen der Klimaänderungen auf die Nordsee-Fauna zu kennen."

Quelle: n-tv.de, jaz

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