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Gut gegen Gedächtnisschwund Spermidin soll verjüngend wirken

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Die mikroskopische Fluoreszenz-Aufnahme eines Drosophila-Gehirns mit Synapsen in grün soll verdeutlichen, wie hoch die Synapsendichte in einem jungen Gehirn ist.

(Foto: Uni Graz/Institut für Molekulare Biowissenschaften)

Gerade wird Yoshinori Ohsumi für die Entdeckung der Autophagie ausgezeichnet, da gibt es neue Untersuchungergebnisse dazu: Das sogenannte Spermidin soll das Zell-Recycling ankurbeln und so das Altern aufhalten, auch im Gehirn.

Die Assoziation, die sich beim Lesen einstellt, ist richtig: Spermidin ist vor allem in männlicher Samenflüssigkeit vorhanden. Aber nicht nur dort, sondern in unterschiedlich hohen Konzentrationen auch in allen anderen Körperzellen. Spermidin ist ein körpereigener Stoff, dessen Konzentration abnimmt mit der Zeit. Der Organismus altert. Auf der Grundlage dieses Wissens haben sich Forscher der Freien Universität Berlin, der Georg-August-Universität Göttingen und der Karl-Franzens-Universität Graz auf die Suche nach den Wirkungen von Spermidin gemacht und konnten feststellen, dass die Gabe des natürlichen Stoffes tatsächlich den Gedächtnisverfall unterdrücken konnte – zumindest bei Fruchtfliegen.

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Mikroskopische Fluoreszenz-Aufnahme eines Drosophila-Gehirns von gealterten Fliegen, welche an Morbus Parkinson leiden. Es sind sowohl synaptische Verbindungen zwischen den Nervenzellen (grün) als auch die krankheitsauslösenden Proteine (rot) sichtbar.

(Foto: Uni Graz/Institut für Molekulare Biowissenschaften)

Für ihre Untersuchung nahmen die Forscher die sogenannten Synapsen unter die Lupe. Diese verbinden die Nervenzellen, auch als Neuronen bezeichnet, im Gehirn miteinander. Auf diese Weise werden ständig neue Erinnerungen kodiert. Diese Fähigkeit, die auch als Lernen bezeichnet werden kann, nimmt im Alter, oftmals in drastischen Tempo und Umfang, ab. Die Abnahme der Anzahl der Synapsen im Gehirn wird auch als Hinweis auf neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz oder Parkinson gewertet.

Tierisches Modell zur Simulation

Um festzustellen, ob die Gabe von Spermidin Auswirkungen auf das Gedächtnis haben, griffen die Forscher auf die Fruchtfliege Drosophila melanogaster zurück. Bei dieser verlaufen, kaum vorstellbar, die Erinnerungsprozesse ähnlich wie beim Menschen ab, zumindest auf molekülarer Ebene. Drosophila melanogaster ist damit ein geeignetes Modell für die Simulation von Alterungsprozessen, so die Begründung der Wissenschaftler. Die Insekten wurden mit Spermidin gefüttert und tatsächlich konnte der Gedächtnisverfall dadurch unterdrückt werden.

Diese Ergebnisse schließen an die Untersuchungen aus dem Jahr 2013 an. Nach der Zugabe von Spermidin konnte bei menschlichen Zellen und Hefen eine längere Lebensdauer beobachtet werden. Bei Fliegen, Würmern und Mäusen sind damals wesentlich weniger Proteinschäden zu sehen gewesen. Die Forscher gingen deshalb davon aus, dass die sogenannte Autophagie, für deren Nachweis der Japaner Yoshinori Ohsumi gerade für den Nobelpreis auserwählt wurde, angekurbelt wird.

Spermidin in Lebensmitteln

Spermidin ist nicht nur in jeder Körperzelle, sondern auch in bestimmten Nahrungsmitteln in relativ hohen Konzentrationen zu finden. Dazu gehören Sojabohnen, Grapefruits und Weizenkeime. Aber auch in traditionellen asiatischen Heilpflanzen wie Madelpilz oder Durian ist es enthalten. Es gibt aber auch Lebensumstände, die zu einem Anstieg der Spermidinwerte im Körper führen. Dazu gehören Schwangerschaft, Wachstum, Reparatur von Muskelzellen nach starker körperlicher Belastung. Auch die Regenerierung von Blutkörperchen nach Blutverlust oder durch Blutarmut oder nach längeren Höhenaufenthalten können zum Spermidinanstieg führen

Wer nun glaubt, er könne durch regelmäßig Sport und eine Grapefruit-Soyabohnen-Weizenkeim-Diät oder die anderweitige Einnahme von Spermidin sein Leben deutlich verlängern, der irrt. Auch der körpereigene Stoff kann zu hoch dosiert werden. Ein Zuviel an Spermidin ist schädlich und kann zu chronischen Entzündungen der Gelenke, der Leber, des Darmes oder der Haut und im schlimmsten Fall sogar zum Tod führen. Ob die Einnahme von Spermidin beim Menschen verjüngende Effekte bringt und wenn ja, wie viel der Mensch dann dafür braucht, muss erst noch genau untersucht werden.

Quelle: n-tv.de, jaz

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