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Sonntag, 19. Juli 2009

Frage & Antwort, Nr. 77: Kondensstreifen mit Chemikalien?

Von Andrea Schorsch

Ich habe in den letzten Monaten häufig Flugzeuge beobachtet, die offensichtlich Kondensstreifen erzeugen, die sich auch nach Stunden nicht auflösen. Einige Zeit später trübt sich dann der Himmel ein. Meistens regnet es nach ein bis zwei Tagen. Handelt es sich dabei um "chemtrails", wie auf machen Internetseiten dargestellt, oder gibt es für dieses Phänomen eine andere Erklärung? (fragt Stefan Jähn aus Kelbra)

Warum halten sich Kondensstreifen an manchen Tagen länger als an anderen?
Warum halten sich Kondensstreifen an manchen Tagen länger als an anderen?(Foto: picture-alliance/ dpa)

Von "chemtrails" hört man immer wieder einmal. Dahinter verbirgt sich eine Hypothese, derzufolge lang anhaltende Kondensstreifen auf einen absichtlichen Ausstoß bestimmter Chemikalien hinweisen. So werden angeblich regelmäßig Flugzeuge losgeschickt, um die Atmosphäre mit Substanzen wie Barium und Aluminiumstaub zu besprühen und damit aktiv Wetter und Klima zu beeinflussen und zu steuern. Als Motiv wird zunächst der globale Schutz vor dem Treibhauseffekt genannt, doch nicht selten gehen die Verfechter der "chemtrail"-Hypothese von einem militärischen Projekt aus, in welchem Wetter und Klima als moderne Mittel der Kriegsführung einsetzt werden.

"Chemtrails gibt es nicht"

Fragt man einen Physiker, löst sich diese Theorie ganz schnell in Luft auf. Prof. Dr. Stephan Borrmann vom Institut für Physik der Atmosphäre der Uni Mainz räumt mit dem Mythos auf: "Nein, das beschriebene Phänomen hat nichts mit 'chemtrails' zu tun", antwortet er, als wir Jähns Frage an ihn weitergeben. "'Chemtrails' gibt es nämlich gar nicht." Vielmehr handelt es sich, wie Borrmann erklärt, um ganz gewöhnliche Kondensstreifen, die aus kleinen Eispartikeln bestehen.

Wie lange sich ein Kondensstreifen am Himmel hält, hängt von der Luftfeuchtigkeit ab. "Ist die umgebende Luft in der Höhe, in der die Flugzeuge fliegen, feucht genug, können die Kondensstreifen viele Stunden bestehen bleiben", sagt der Experte. "Ist die Luft dagegen trocken, verdampfen die Eispartikel." In diesem Fall sieht man also kurze und kurzlebige Kondensstreifen.

Ein ganz gewöhnlicher Frontaufzug

Und wie erklären sich die Zusammenhänge von Kondensstreifen mit Wolkenbildung und Regen? "Was Ihr Leser richtig und genau beobachtet hat, ist ein gewöhnlicher 'Frontaufzug'", erklärt der Wissenschaftler, der auch Meteorologe ist. "Bei einem solchen 'Frontaufzug' sieht man zuerst die hohen Eiswolken, die Zirren, und damit auch die Kondensstreifen. Später kommt die tiefere, mittelhohe Bewölkung nach (Altocumulus oder Altostratus), und am Schluss folgen die tiefen Cumulus- oder Stratuswolken. Diese bringen dann Regen. Mit den Kondensstreifen hat die Regenbildung ursächlich also nichts zu tun. Der Regen würde auch ohne Kondensstreifen entstehen. Aber lange Kondensstreifen und großflächige, hohe Eiswolken (Zirren) können einen bevorstehenden 'Frontaufzug' ankündigen." Und wie der Experte betont, ist das "alles vollkommen natürlich."

"Chemtrails" sind demnach völlig aus der Luft gegriffen. "Die seriöse Wissenschaft", sagt Borrmann abschließend, "kennt keine 'Chemtrails', und viele der im Internet 'angebotenen' Informationen sind wissenschaftlich gesehen unhaltbar."

Quelle: n-tv.de