Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 303 War früher wirklich alles besser?

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Manchem mag man hinterhertrauern. Aber war deshalb wirklich ALLES besser?

(Foto: Ian Parkes/Wikipedia/CC BY 2.0)

Man hört das ja so oft, ab einem bestimmten Alter scheint man sich fast einig zu sein: Früher war alles besser. Ich bin erst 20 und möchte wissen: Stimmt das wirklich? (fragt Lisa K. aus Bad Kissingen)

Konfrontiert man Ulrich Reinhardt, den Wissenschaftlichen Leiter der BAT Stiftung für Zukunftsfragen, mit dem Ausspruch "Früher war alles besser", dann zitiert er spontan und scherzhaft den US-Schriftsteller O'Rourke: "Der brauchte nur ein Wort, um deutlich zu machen, dass früher nichts besser war", sagt Reinhardt. "Und das Wort lautet: Zahnärzte!" - Autsch, ja, man ahnt es: Früher kann auf keinen Fall alles besser gewesen sein.

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Wie man auf die Vergangenheit blickt, hat tatsächlich etwas mit dem Alter zu tun. Die Überzeugung, dass sich die Lebensbedingungen in den letzten Jahrzehnten verschlechtert haben, ist nämlich nicht in allen Jahrgangsstufen gleich stark ausgeprägt. Es sind die 35- bis 55-Jährigen, die diese Ansicht besonders häufig vertreten. Wie aus einer Umfrage der BAT Stiftung für Zukunftsfragen hervorgeht, findet fast ein Drittel der Deutschen dieser Altersgruppe, dass man früher besser gelebt habe. Auch ist man auf dem Land eher dieser Meinung als in der Stadt. 33 Prozent der Landbevölkerung, aber nur 21 Prozent der Städter glauben: Früher war alles besser. In der Gesamtbevölkerung stimmt diesem Credo immerhin noch jeder Vierte zu.

Jammern auf hohem Niveau?

Dabei gibt es nichts, was eine solche Sichtweise grundsätzlich rechtfertigen würde. "Es ist ganz gleich, welche Periode in der Geschichte man sich anschaut", so Reinhardt, "zu keiner Zeit war die Lebenserwartung höher und die Kindersterblichkeit geringer. Die medizinische Versorgung war niemals besser, die Bildung nie umfassender und die Kommunikation nie unmittelbarer oder einfacher."

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Das Leben wird in Zukunft besser sein als in der Vergangenheit, meint Ulrich Reinhardt.

(Foto: Stiftung für Zukunftsfragen)

Reinhardt macht es einem schwer, irgendeinen Bereich zu finden, der einer nostalgischen Rückschau standhalten würde. Seine Liste ist nämlich noch länger: "Die Emanzipation der Frau ist heute weiter denn je, ebenso die Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Paaren. Meinungsfreiheit ist hierzulande allgemeiner Standard, und der  Lebensstandard sowie das frei verfügbare Einkommen haben sich deutlich erhöht. Gleichzeitig hat sich die Arbeitszeit verringert und die Anzahl an Urlaubstagen ist gestiegen. Nicht zu vergessen", betont der Professor und kommt damit vorerst zum Ende, "dass jeder unter 60-Jährige Frieden und Freiheit als Dauerzustand kennengelernt hat."

Damit hat der Zukunftsforscher jeder Vergangenheitsverklärung den Boden entzogen. Das Gefühl, dass früher alles besser war, ist offenbar Jammern auf höchstem Niveau. Woher aber kommt es, dass so viele Menschen den alten Zeiten nachtrauern?

"Ein häufiges Argument", weiß der Experte, "ist das liebe Geld. Früher war angeblich alles billiger." Wieso angeblich? Ein VW Käfer kostete in den 1950er Jahren tatsächlich nur rund 4400 DM. Verglichen mit  heutigen Preisen war das ein Schnäppchen. "Sie dürfen nicht vergessen", mahnt Reinhardt, "dass der Bruttolohn eines Facharbeiters damals nur etwa 75 DM pro Woche betrug. Und das bei einer Sechs-Tage-Woche mit 48 Stunden Arbeitszeit!" Die Rechnung ist schnell gemacht: 13 Monate lang hätte der Arbeiter damals sein Bruttogehalt sparen müssen, um sich einen Käfer kaufen zu können. "Aktuell verdient ein Facharbeiter etwa 740 Euro die Woche, und ein neuer VW Golf 7 kostet 15.975 Euro", so der Forscher. Und damit ist klar: Heute müsste ein Facharbeiter nur knapp sechs Monatsgehälter zur Seite legen.

Nicht besser, nur anders

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Wer mehr verdient, lebt unter Umständen sorgenfreier. Das schafft Zufriedenheit mit der Gegenwart.

"Grundsätzlich", ergänzt Reinhardt zum Thema Finanzen, "sind unsere Möglichkeiten, Geld auszugeben, heute ganz andere als früher. Einst wurde das Einkommen hauptsächlich investiert, um sich versorgen zu können. Heute kurbelt es den Erlebniskonsum an." Offenbar haben wir stets ein paar Euro übrig, um uns Abwechslung, Ablenkung und Abenteuer ermöglichen zu können. Demzufolge ist auch unser Freizeitverhalten ein anderes als das der Menschen vor 50 Jahren. Damals wäre man nicht auf die Idee gekommen, Nachmittage und Wochenenden in einem "Zwei-Stunden-Rhythmus von Verabredungen, Sport, Fernsehen, Kino- oder Theaterbesuch zu verbringen", wie Reinhardt formuliert.

Für ihn ist die Antwort auf die Leserfrage eindeutig: "Früher war nicht alles besser, es war schlichtweg anders", sagt er und fügt ein Plädoyer hinzu: "Wir sollten anfangen, optimistisch auf das Morgen zu schauen. Das Leben in Zukunft wird besser sein als in der Vergangenheit. Wir werden uns nämlich weiterentwickeln, noch mehr Möglichkeiten haben und Lösungen für Probleme und Herausforderungen finden. Aber", so schließt Reinhardt hoffnungsfroh, "das haben ja drei von vier Deutschen schon erkannt."

Quelle: n-tv.de

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