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Gut zu erkennen: der gewölbte Flaschenboden. Wofür ist der gut?
Gut zu erkennen: der gewölbte Flaschenboden. Wofür ist der gut?(Foto: Frank Papenbroock/Wikipedia/copyrighted free use)
Dienstag, 03. Oktober 2017

Frage & Antwort, Nr. 501: Warum haben Weinflaschen eine Delle?

Von Andrea Schorsch

Es ist eine Eigenart vieler Weinflaschen: Ihr Boden ist nicht glatt, sondern stark nach innen gewölbt. Warum? Fünf Vermutungen, eine Erklärung und ein Ausflug zum Sekt, bei dem nochmal alles ganz anders ist.

Weinflaschen können recht unterschiedlich geformt sein: Da gibt es die kleinen, bauchigen für den Bocksbeutel und die mit dem langen, schlanken Hals, wie man sie etwa vom Burgunder kennt. Und es gibt die typische Bordeaux-Flasche, bei der ein kürzerer Hals in ausgeprägte Schultern übergeht. Doch sieht man einmal vom Bocksbeutel ab, haben die meisten Weinflaschen eines gemeinsam: Ihr Boden ist stark nach innen gewölbt. Ob sie Rotwein, Weißwein oder Rosé beinhalten, spielt dabei keine Rolle. Wofür aber ist diese Wölbung gut?

Mulde an Mulde im Weinregal.
Mulde an Mulde im Weinregal.(Foto: imago/INSADCO)

Darüber lässt sich vortrefflich spekulieren. In einer redaktionsinternen Blitzumfrage raten die Kollegen denn auch fröhlich ins Blaue und am Ende stehen fünf mögliche Funktionen im Raum.

Von Kellner bis Weinstein

Vermutung 1: Erst die Mulde ermöglicht dem Kellner das gekonnt-professionelle Einschenken mit einer Hand. Allerdings ist auch denkbar, dass sich diese Kunst des Kredenzens nur entwickelte, weil eben die Mulde aus einem ganz anderen Grund schon da war.

Vermutung 2: Die starke Wölbung könnte die Standfestigkeit der Flasche erhöhen. Hier sind jedoch Zweifel angebracht. Schließlich stehen auch Bier-, Wasser- und Saftflaschen nicht grundsätzlich kippelig auf dem Tisch. Und deren Böden sind meist so leicht gewölbt, dass es kaum auffällt.

Vermutung 3: Die Wölbung ist Volumenmogelei. Aber nein, diese Vermutung überzeugt nicht. 750 Milliliter sind 750 Milliliter, ob in einer Flasche mit oder ohne Delle. Und auch der Hinweis "So sieht es nach mehr aus" zieht nicht. Denn zwischen 750 und 1000 Millilitern ist bei Wein ohnehin kein Bonus-Inhalt üblich.

Weinflasche aus den 1740er-Jahren. Auch sie hat einen stark gewölbten Boden.
Weinflasche aus den 1740er-Jahren. Auch sie hat einen stark gewölbten Boden.(Foto: Frank Papenbroock/Wikipedia/gemeinfrei)

Vermutung 4: Tradition. Die Flaschen wurden früher in der Glasbläserei gefertigt. Dort hat man sie über einen Holzstab gedreht. Und bei der so entstandenen Form - mit Mulde - ist man womöglich einfach geblieben. Vielleicht für den Kellner?

Vermutung 5: Weinstein! Setzt der sich nicht rund um die Wölbung leichter ab, sodass er beim Einschenken nicht mit ins Glas gerät? Aber auch da folgt prompt ein Einwand: Bei Sekt sei Weinstein eigentlich gar nicht so ein Thema. Und trotzdem sei ja auch der Boden von Sektflaschen stark gewölbt. Da müsse es doch einen anderen Grund als Weinstein geben.

Eine Frage des Designs

Oha. Nun geht es also auch noch um Sektflaschen. Es wird Zeit für die Antwort eines Experten. Wir wenden uns an das Institut für Önologie an der Hochschule Geisenheim im Rheingau. Önologie, das ist die akademische Variante des Weinbaus, die Wissenschaft der Weinherstellung. Irgendwo, so denken wir, dürfte im Lehrplan "Die charakteristische Starkwölbung am Flaschenboden von Wein und Schaumwein" ihren Platz haben. Doch weit gefehlt. Bei den Önologen ist man sich schnell einig, dass ein Glashersteller der richtige Ansprechpartner für uns wäre. Das lässt bereits einen Schluss zu: Mit Weinstein hat die Wölbung wohl nichts zu tun. Das hätten die Önologen sicher erwähnt.

Stephan Mieth vom BV Glas, dem Bundesverband Glasindustrie e. V. in Düsseldorf, macht es kurz. Seine Antwort ist so einfach wie ernüchternd: Der gewölbte Flaschenboden sei bei Weinen "ausschließlich ein Design-Thema", sagt er. Auf die Qualität des Weines habe er keinen Einfluss. Und auch herstellungstechnische Gründe seien "nicht ausschlaggebend".

Bei Sekt geht's um den Druck

Immerhin, der Kellner hat dann doch noch einen Auftritt: "Historisch wird gern erklärt, dass der Einstichboden dem Kellner das Ausschenken des Getränkes erleichtert", sagt Mieth. Aber das sei eigentlich nur am Rande erwähnenswert. Und der Weinstein? Nein, auch dafür ist die Wölbung offenbar nicht notwendig. Denn ob Weinstein ausgespült werde oder nicht, sei eher "vom Handling der Flasche abhängig", wie Mieth sagt.

Dann fährt er fort: "Bei kohlendioxidhaltigen Getränken jedoch, insbesondere bei Sekt (stimmt, der kam ja auch noch ins Spiel, jetzt scheint es spannend zu werden!), da kann ein gewölbter Boden ein Weg sein, die Innendruckfestigkeit der Flasche zu erhöhen."

Aha! Bei Sekt und Champagner, die durch die Kohlensäure stark unter Druck stehen, lässt sich mit der Mulde verhindern, dass der Flaschenboden durchbricht. Denn ein gewölbter Boden gibt den Druck besser an die Flaschenwände ab als ein glatter. Mieth zufolge kommt es dabei jedoch auch auf das Gewicht der Flasche an. Ob es bei der Wölbung wirklich um Druckfestigkeit gehe, müsse daher "immer im Einzelfall betrachtet werden".

Manchmal Physik, oft pure Ästhetik - das also sind die Gründe für die Delle im Flaschenboden. Und ein bisschen ist auch der Kellner schuld.

Quelle: n-tv.de

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