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Frage & Antwort, Nr. 179 Wie funktioniert Schlafwandeln?

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Schlafwandeln kann auch richtig gefährlich werden.

Wie funktioniert Schlafwandeln? Bei manchen Menschen geschieht es, aber wie, wodurch und warum? (fragt Sven R. aus Hannover)

Es ist ein rätselhaftes Phänomen: Menschen stehen aus dem Bett auf, irren durch die Wohnung, gehen auf die Straße, schmieren sich Brote oder spülen Geschirr - und das alles im Schlaf. Die meisten Betroffenen können sich am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern. Wie kann das sein? Was genau passiert mit uns, wenn wir schlafwandeln?

"Wir wissen nicht genau, was es ist", lautet die ernüchternde erste Antwort von Jürgen Zulley, Schlafforscher an der Uni Regensburg, gegenüber n-tv.de. Und auch sein zweiter Satz macht nicht unbedingt mehr Mut: "Die meisten Fragen zu diesem Thema kann man nicht beantworten", sagt der Wissenschaftler. Es wird dennoch ein interessantes Gespräch.

Schlafwandeln hat nichts mit Träumen zu tun

"Die Forschung ist sich einig, dass es sich beim Schlafwandeln um eine Aufwachstörung handelt", erzählt Zulley. Zu diesen zählen zum Beispiel auch die Schlaftrunkenheit oder das Erwachen mit einem Schrei. Als Ursache wird ein Impuls aus dem limbischen System, dem Gefühlszentrum des Gehirns, vermutet. "Das bedeutet, dass nur ein Teil des Gehirns aufwacht. Das Vorderhirn, in dem das Bewusstsein sitzt, schläft weiter." Gesichert sind diese Erkenntnisse jedoch nicht. "Das liegt daran, dass wir einfach noch niemanden in der Röhre hatten, während er schlafwandelte", so der Wissenschaftler.

Erwiesen ist, dass das Schlafwandeln nicht im Traumschlaf, sondern im Gegenteil während der traumlosen Tiefschlafphase im ersten Drittel des Nachtschlafs auftritt. Tiefschlaf und Aufwachen - wie passt das zusammen? "Das klingt wie ein Widerspruch. Allerdings handelt es sich ja nur um ein partielles Erwachen. Die meisten Fälle von Schlafwandeln sind im Übrigen gar nicht so spektakulär, wie man sich das vorstellt." So stehen die meisten Menschen gar nicht auf, sondern setzen sich lediglich im Bett auf, drehen sich ruckartig um oder schauen umher. Als Schlafwandler gelten sie trotzdem.

Vor allem Kinder sind betroffen

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Professor Jürgen Zulley ist Schlafforscher an der Uni Regensburg.

"Die mit Abstand größte Gruppe der Betroffenen sind Kinder und Jugendliche", fährt der Forscher fort. Durch Studien sei belegt, dass circa 15 Prozent der 12- bis 15-Jährigen mindestens einmal schlafwandeln. Bei Erwachsenen sei das Phänomen dagegen "extrem selten", Schätzungen gehen von etwa 4 Prozent aus. "Die Dunkelziffer ist aber mit Sicherheit sehr hoch", meint Zulley. Viele Menschen bekämen ja gar nicht mit, was in der Nacht passiere.

Dass vor allem Heranwachsende betroffen sind, führt der Forscher auf eine "Unreife des Nervensystems" zurück und meint damit, dass sich das Gehirn eines Jugendlichen noch in der Entwicklung befindet. Ähnlich der Knieschmerzen bei Wachstumsschüben könne man das Schlafwandeln bei Jugendlichen also als eine negative, zeitlich begrenzte Begleiterscheinung des Wachstumsprozesses einordnen. Bei der Gruppe der über 15-Jährigen nehme die Zahl der Fälle dann rasant ab.

Risikofaktor Stress

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In erster Linie betroffen sind Kinder und Jugendliche.

(Foto: picture alliance / dpa)

Doch warum sind nur einige der Kinder betroffen, wo doch alle wachsen? Und was ist der Auslöser? Der Schlafforscher drückt sich sehr vorsichtig aus. Man habe eine Häufung von Schlafwandel-Fällen bei Mitgliedern der gleichen Familien festgestellt, was für eine genetische Ursache spreche. Außerdem seien "aggressionsgehemmte und introvertierte" Menschen häufiger betroffen als andere. "Es ist damit aber keineswegs bewiesen, dass Schlafwandeln vererbbar ist", betont Zulley.

Als Auslöser spielt nach dem bisherigen Stand der Forschung vor allem Stress eine Rolle. Den empfinden Kinder oft schon bei kleinen Veränderungen in ihrem gewohnten Umfeld oder wenn sie besonders aufgeregt sind, zum Beispiel vor einer Urlaubsfahrt. Auch krankhaftes Schnarchen kann die Aufwachstörung anstoßen. Insgesamt sei es jedoch sehr schwierig, ein einheitliches Muster zu finden, nach dem man feststellen könnte, wer wie oft und bei welcher Gelegenheit schlafwandelt.

Darf man Schlafwandler aufwecken?

Oft heißt es, man solle Schlafwandler auf gar keinen Fall aufwecken, weil sie dann besonders aggressiv reagieren. Stimmt das? Zulley hält das für ein Gerücht. Selbstverständlich dürfe man Schlafwandler auch aufwecken, brauche sich jedoch nicht zu wundern, wenn diese anfangs verwirrt seien oder ungehalten reagierten. Schließlich wecke man sie ja aus dem Tiefschlaf, und da seien bekanntlich die meisten Menschen nicht unbedingt bester Laune.

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Psychotherapeut und Schlafforscher Dr. Tilmann Müller.

Tilmann Müller von der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin sieht das anders. "Der Schlafwandler ist wie ein deutscher Autofahrer an einer Ampel: Auf die Frustration folgt die Aggression, die er dann hemmungslos auslebt", sagt Müller. Der Psychotherapeut stützt sich auf die Aussagen von Schlafwandlern, die sich am nächsten Morgen zumindest teilweise an die Geschehnisse der Nacht erinnern konnten. Viele von ihnen hätten von einem "Bedrohungsgefühl" berichtet, was die These zulasse, das Schlafwandeln als eine Art Fluchtimpuls zu deuten ist. Wird der Schlafwandler geweckt, könne es demnach durchaus passieren, dass er aggressiv reagiert. "Schließlich wähnt er sich in einer Gefahrensituation und meint sich verteidigen zu müssen", so Müller. Da dies fatale Folgen haben könne, empfiehlt der Experte den Schlafwandlern, sich selbst zu schützen. "Die sprichwörtliche schlafwandlerische Sicherheit gibt es nicht", erklärt er. Die Betroffenen seien vielfach Gefahren ausgesetzt, schwankten umher oder verwechselten Fenster mit Türen. Schlafforscher Zulley empfiehlt den Schlafwandlern außerdem, Bewegungsmelder zu installieren oder sich im Notfall auch mit beruhigenden Medikamenten behandeln zu lassen.

Übrigens: Zu welch grausamen Folgen Schlafwandeln führen kann, beweist ein spektakulärer Prozess in Großbritannien aus dem Jahr 2009. Dort war ein Mann angeklagt worden, der im Schlaf seine Ehefrau getötet hatte. Nach eigenen Angaben habe er in der betreffenden Nacht wegen einer Gruppe lärmender Jugendlicher unter erheblichem Stress gestanden. Am Morgen erwachte er neben der Leiche seiner Ehefrau, konnte sich aber an nichts erinnern. Gutachter bescheinigten dem damals 59-Jährigen eine Schlafstörung, woraufhin er freigesprochen wurde. Der Mann habe keine Straftat begangen, da er nicht nach seinem Willen gehandelt habe.

Das ist juristisch umstritten: So handelt es sich durchaus um eine Straftat, wenn der Betroffene um seine Störung wusste, jedoch keine Maßnahmen ergriffen hatte, um zumindest potenziell grausame Folgen zu vermeiden. In der Urteilsbegründung hieß es damals, es habe sich um einen "einmaligen Fall unter einmaligen Umständen" gehandelt.

Quelle: n-tv.de

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