Frage & Antwort

Frage & Antwort Wie glaubwürdig sind Zeugenaussagen?

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Die Sache scheint klar. Doch die Erinnerung daran ist alles andere verlässlich.

(Foto: imago stock&people)

Mehrere Zeugen, mehrere Versionen - Richter kennen das. Oft geht es dabei nicht einmal um Menschenleben, sondern etwa um Blechschäden. Aber wenn niemand etwas zu verbergen hat, sollten die Aussagen eigentlich verlässlich sein. Oder?

Ein Autounfall ist eine überschaubare Angelegenheit, sollte man meinen. Der eine Fahrer hat dem anderen die Vorfahrt genommen oder nicht, die Ampel war rot oder grün, es hat ordentlich geknallt oder eben nicht. Doch so eindeutig ist es, wenn dann Unfallzeugen aussagen, leider nicht. Denn das Gedächtnis, das lange Zeit als Festplatte mit verschiedenen Speicherebenen verstanden wurde, funktioniert nicht halb so verlässlich und unvoreingenommen, wie man meinen könnte.

"Heute geht man davon aus, dass das Gedächtnis alles andere als starr und mechanisch funktioniert, sondern der ständigen Veränderung durch unterschiedliche Informationsstände, Filter, Emotionen und Erfahrungen unterworfen ist", erklärt Felicitas Auersperg, Autorin von Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung. Die Psychologin beschreibt in ihrem Buch 16 bahnbrechende Experimente, die die Sozialpsychologie maßgeblich beeinflusst haben und erklärt, welchen Nutzen diese für unseren Alltag haben.

Bei "Berührung" war der Unfall anders

Dazu gehört auch die Studie, die Elizabeth Loftus und John Palmer in der 1970er Jahre in den USA durchführten: Loftus und Palmer wählten das Beispiel eines Autounfalls, um zu überprüfen, wie verlässlich die Berichte von Augenzeugen sind. Dafür zeigten sie mehreren Gruppen von Studenten die gleichen Filmsequenzen eines Autounfalls. Anschließend füllten die Probanden Fragebögen aus, in denen der Unfallhergang unterschiedlich beschrieben wurde. Während eine Gruppe gefragt wurde, wie schnell die Autos waren, als sie aufeinanderprallten, wurden in anderen Gruppen stattdessen die Worte 'berühren', 'aufeinander krachen' oder 'kollidieren' verwendet.

Die Psychologen erwarteten, dass es Fähigkeitsprofile geben würde, je nachdem wie erfahren die Probanden im Straßenverkehr waren. Stattdessen schätzten die Gruppen, in denen Signalworte wie 'krachen' verwendet wurden, die Geschwindigkeit des Autos bei der Kollision wesentlich höher ein, als solche, in denen das behutsamere 'berühren' eingesetzt wurde.

Wenn es kracht, muss es auch splittern

Eine Woche nach der Studie wurden die Probanden abermals befragt. Diesmal sollten sie angeben, ob sie Glassplitter als Folge des Unfalls gesehen hatten. Dabei meinten jene Probanden, die zuvor das Wort 'krachen' gelesen hatten, sich deutlich an Glassplitter zu erinnern, obwohl es bei dem gezeigten Unfall gar keine gegeben hatte.

Das Hinweiswort 'krachen' "weckt den Eindruck, dass es eigentlich zu Glassplittern gekommen sein muss, während das schwache behutsame 'berühren' solche gravierenden Folgen beinahe ausschließt.", erklärt Psychologin Auersperg. Die Experimente von Loftus und Palmer zeigen, dass bloße Formulierungen unsere Erinnerungen maßgeblich verändern und verfälschen können. Noch ausgeprägter ist das, wenn Emotionen und unterschiedliche Informationsstände ins Spiel kommen. Eine Zeugenaussage kann also hilfreich sein, muss aber, selbst wenn die Zeugen das selbst glauben, nicht der Wahrheit entsprechen.

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Quelle: ntv.de