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Aufstand in der Christopher Street - so sieht das bei Roland Emmerich aus.
Aufstand in der Christopher Street - so sieht das bei Roland Emmerich aus.(Foto: dpa)

Emmerich lässt's nicht krachen: Umstrittenes Schwulen-Drama "Stonewall"

Von Volker Probst

Roland Emmerich ist als Weltuntergangsexperte bekannt. Doch in "Stonewall" gibt es keine Außerirdischen, Monster oder Tsunamis. Stattdessen will der Regisseur Geschichtsunterricht geben. Mit überschaubarem Erfolg.

Es ist die Nacht auf Samstag, den 28. Juni 1969. In der Christopher Street im New Yorker Stadtteil Greenwich Village bricht ein Aufstand los, dem sich einige hundert Menschen anschließen. Es fliegen Fäuste, Steine und Flaschen gegen die Polizei. Einige Demonstranten versuchen mit einer zum Rammbock umfunktionierten Parkuhr die Tür zu einer Bar aufzubrechen, in der sich mehrere Beamte verschanzt haben. Andere sind drauf und dran, das Lokal abzufackeln - ohne Erfolg. Die Polizei beantwortet die Randale mit Knüppeln, gezogenen Waffen und Festnahmen, bis sich die Lage gegen 4 Uhr am Morgen wieder beruhigt. Doch auch an den folgenden Tagen flammen die Proteste in der Christopher Street mehrmals wieder auf. Dazu ertönt immer wieder der Ruf: "Gay Power!"

Das Lokal, um das es in dieser Geschichte geht, heißt "Stonewall Inn". Seit 1967 war (und ist) es ein beliebter Treffpunkt von Schwulen, Lesben und Transsexuellen in New York. Ebenso beliebt waren in den 60er-Jahren jedoch Razzien in der Bar, mit denen die Polizei Homosexuelle damals regelmäßig drangsalierte. Auch in der Nacht zum 28. Juni 1969 - einen Tag nach der Beerdigung der Schwulen-Ikone Judy Garland - fand eine solche Razzia im "Stonewall Inn" statt. Anders als sonst eskalierte die Kontrolle gegen 1.20 Uhr jedoch diesmal. Die "Stonewall Riots" gelten seither als entscheidender Wendepunkt im Kampf um die Rechte der LGBT-Community (LGBT steht für Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender). Mit dem "Christopher Street Day" werden sie Jahr für Jahr gefeiert.

Kritik und Proteste

Eigentlich alles andere als eine schlechte Geschichte, um sie im Kino zu erzählen. Und Roland Emmerich dafür an sich vielleicht auch nicht der schlechteste Regisseur. Klar, mit dem gebürtigen Stuttgarter verbinden die meisten vor allem seine Bedrohungs- und Weltuntergangsszenarien der Marke "Independence Day", "Godzilla" oder "2012" mit viel Bum Peng, Kawumm und Ratatazong. Doch er hat mit Filmen wie "Der Patriot" oder "Anonymus" durchaus auch ein paar andere Streifen in seiner Vita. Und klar, an Emmerich scheiden sich seit jeher die Geister. Von den Kritikern werden seine Filme regelmäßig nur so in der Luft zerrissen. Aber bei den Zuschauern kommt der von dem Schwaben veranstaltete Radau mit teils hyperkitschigem Überzug und einem Pathos, der amerikanischer ist als so mancher Amerikaner, genauso regelmäßig gut an.

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Emmerich scheint für die Stonewall-Story deshalb ganz gut geeignet, weil er schon lange offen mit seiner eigenen Homosexualität umgeht. So konnte man zumindest vermuten, dass er das Thema mit besonderem Feingefühl und Verständnis angehen und dabei auch den Nerv der LGBT-Community treffen würde. Doch Pustekuchen! Stattdessen erlebte der Regisseur in den USA einen Shitstorm und eine Protestwelle, die sich gewaschen hat, noch bevor der Film dort überhaupt in die Kinos kam. Der Grund: ein Trailer. Die Aktivisten störten sich daran, dass in ihm kaum Schwarze, Transsexuelle und Drag Queens zu sehen waren. Und daran, dass Transsexuelle nicht von wirklich Transsexuellen dargestellt werden. Eine Online-Petition, die zum Boykott des Streifens aufrief, wurde von Zehntausenden unterzeichnet.

"Weiß gewaschene" Geschichtsklitterung?

Wenn man den Film tatsächlich gesehen hat, lässt sich eins sagen: Die Vorwürfe sind weitgehend Quatsch - und eher ein Beleg dafür, dass sich bestimmte Szenen mit Vorliebe selbst zerfleischen. Ja, die Hauptfigur ist ein weißer Poster-Boy, verkörpert vom jungen Jeremy Irvine, der in Steven Spielbergs "Gefährten" seinen Durchbruch feierte. Aber tragende Nebenrollen sind durchaus mit Darstellern unterschiedlicher Ethnien besetzt. Auch Transsexuelle spielen eine nicht unerhebliche Rolle. Die Forderung aber, dass sie in einer Hollywood-Großproduktion nur von Transsexuellen selbst dargestellt werden dürften, ist reichlich unrealistisch. Wenn jemand überhaupt Gründe hätte, sich zu beschweren, dann lesbische Frauen. Sie sind in dem Film tatsächlich kaum zu sehen.

Ist das Liebe? Danny (Jeremy Irvine, r.) und Ray (Jonny Beauchamp).
Ist das Liebe? Danny (Jeremy Irvine, r.) und Ray (Jonny Beauchamp).(Foto: dpa)

So mag man Emmerich eine schwul-männliche Sicht vorhalten. Der Vorwurf jedoch, er betreibe mit seinem Werk "weiß gewaschene" Geschichtsklitterung, ist Nonsens. Umso mehr trifft dafür der Vorwurf zu, dass sein "Stonewall" mit Geschichte so gut wie nichts zu tun hat. Denn anders als der Titel und die Ankündigungen des Films suggerieren, steht die historische Aufarbeitung der Unruhen von 1969 gar nicht im Mittelpunkt des Films. Bis rund eine halbe Stunde vor Ablauf des mehr als zweistündigen Streifens fliegt kein einziger Stein - egal, ob von einem Weißen, einem Schwarzen, einem Schwulen, einer Drag Queen oder wem auch immer geworfen.

Ein "Smalltown Boy" in New York

Stattdessen erzählt der Film in erster Linie die Story des - um es mit den altehrwürdigen Bronski Beat zu sagen - "Smalltown Boys" Danny, der wegen seiner Homosexualität von den Eltern verstoßen wird und in der New Yorker Christopher Street strandet. Dort trifft er nicht nur auf die Gang um den androgynen Ray (Johnny Beauchamp), die ihn in die Szene einführt, auch der ältere Trevor (Jonathan Rhys Meyers) kreuzt seinen Weg.

Viel mehr muss man über die Handlung gar nicht verraten, um es bereits erahnen zu können: "Stonewall" vermittelt eher Liebeskunde als Geschichtsunterricht. Der Film ist mehr eine Art schwuler "Pretty Woman" als historische Aufarbeitung - mit allem Kitsch, Herzschmerz und Klimbim, der dazugehört. Der Plot ist simpel, die Schauspieler dafür zum Teil richtig grandios, allen voran der noch weithin unbekannte Johnny Beauchamp. Kann man mögen, muss man aber nicht. In jedem Fall hätte sich Emmerich einen großen Gefallen getan, wenn er den Film von Anfang an eher als Liebesgeschichte vor geschichtlichem Hintergrund denn als historische Betrachtung mit eingebetteter Liebesgeschichte verkauft hätte.

Auch bei denen, die nicht nur einen Trailer, sondern den Film komplett gesehen haben, fallen die Reaktionen durchweg gespalten aus. Auf der Bewertungsseite "Rotten Tomatoes" erhält "Stonewall" von Kritikern eine sagenhaft schlechte Zustimmung von 9 Prozent. Dagegen bewerten 92 Prozent der Zuschauer den Streifen positiv. Und auch wir pendeln uns irgendwo in der Mitte ein. "Stonewall" offenbart zahlreiche Schwächen, aber sooo schlecht, wie der Film von manchen gemacht wird, ist er nun auch wieder nicht. Eben irgendwie ein typischer Fall von Roland Emmerich - und das auch ganz ohne Bum Peng, Kawumm und Ratatazong.

"Stonewall" läuft ab sofort in den deutschen Kinos

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Quelle: n-tv.de

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