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"Wenn niemand hilft, dann helfe halt ich": der Berliner Unternehmer Harald Höppner an Bord der "Sea-Watch".
"Wenn niemand hilft, dann helfe halt ich": der Berliner Unternehmer Harald Höppner an Bord der "Sea-Watch".(Foto: Bastei Lübbe Verlag)
Montag, 25. April 2016

Der Retter im Mittelmeer: "Kapitän Hoffnung" zieht Bilanz

Von Liv von Boetticher-Germeroth

Mit dem eigenen Boot Flüchtlinge aus dem Mittelmeer retten: Was als Gedankenspiel des Unternehmers Harald Höppner begann, hat sich zu einem professionell betriebenen Hilfsprojekt entwickelt.

Deutschland im Herbst 2014: Während sich die Bundesrepublik auf das 25-jährige Jubiläum der Wiedervereinigung vorbereitet, entwickelt sich das Mittelmeer zu einer tödlichen Grenze für hunderte hoffnungslose Menschen aus den Ländern Afrikas. Die grauenhaften Bilder der Ertrunkenen sind in allen Medien präsent, auch Harald Höppner kann sich ihnen nicht entziehen.

Der Berliner Unternehmer ist schockiert. Wie kann es sein, dass vor den Toren der Wohlstandsnationen Europas Menschen in dem Meer ertrinken, an dem so viele Urlaub machen? Bei einem Abendessen mit Freunden kommt Höppner eine Idee: Wenn niemand hilft, dann hilft halt er. So steht es in seinem Buch: "Menschenleben retten! Mit der Sea-Watch im Mittelmeer". Das Projekt ist geboren.

Naiver Held?

Die "Sea-Watch" hält einige Hundert Meter Abstand zu den Flüchtlingsbooten, damit die Menschen nicht vor Freude ins Wasser springen, um an Bord zu klettern.
Die "Sea-Watch" hält einige Hundert Meter Abstand zu den Flüchtlingsbooten, damit die Menschen nicht vor Freude ins Wasser springen, um an Bord zu klettern.(Foto: Bastei Lübbe Verlag)

Harald Höppners eigene Lebensgeschichte trägt viel zum Entstehen des "Sea-Watch"-Projektes bei: Er kam als Ost-Berliner in den Westen, "ohne dass die Russen Panzer gegen uns aufgefahren haben". In seinem Buch beschreibt sich Höppner als Kind der DDR, eingeengt im sozialistischen Staat und voller Freiheitsdrang. Immer wieder erwähnt er, dass auch er sich von keiner Mauer hätte aufhalten lassen - vielleicht hat er deshalb so viel Empathie für die Geflüchteten in den überfüllten Booten.

Nach dem Mauerfall geht Höppner auf Reisen. Auf seinem Weg über den Iran und Afghanistan nach China begegnet ihm viel Gastfreundschaft. Mit dieser Willkommenskultur will er nun anderen gegenüber auftreten.

Ein Visionär oder ein Verrückter? Die Medien sind sich nicht einig, Freunde und Nachbarn auch nicht. Die einen sehen ihn als blauäugigen Gutmenschen, die anderen als modernen Helden des Mittelmeeres. Vielleicht ist er einfach beides.

An Deck der "Sea-Watch": Die Crew musste viele technische Defekte an dem alten Fischkutter beheben.
An Deck der "Sea-Watch": Die Crew musste viele technische Defekte an dem alten Fischkutter beheben.(Foto: Bastei Lübbe Verlag)

Höppner vertreibt als Unternehmer orientalische Produkte und Kleidung in zwei Geschäften in Berlin und über das Internet. Zusammen mit seinem Geschäftspartner kauft er zur Rettung der Flüchtlinge einen alten Fischkutter, das Startkapital des Projektes "Sea-Watch" sind 150.000 Euro. Die Presse bekommt bald Wind von dem engagierten Privatmann, sie nennt ihn "Kapitän Hoffnung", sein Vorhaben verspricht eine gute Story.

Liebling der Medien

Rückblickend, schreibt Höppner, habe ihn der plötzliche Medienrummel überrollt. Er fühlte sich oft missverstanden, die Pressevertreter hätten eine andere Agenda verfolgt, als er. 

Er beschreibt eindringlich, wie mühsam der Weg von der bloßen Idee zum funktionierenden Schiff war: Durchgeschmorte Kabel, fast-Brände, kaputte Motoren, eine kleine Meuterei unter den Crewmitgliedern - stellenweise wundert sich der Leser, dass es die "Sea-Watch" überhaupt bis ins Mittemeer geschafft hat.

Doch am Ende sprechen die Zahlen für sich: Mehr als 2000 Flüchtlinge wurden auf den Patrouillen-Fahrten gerettet. Das Projekt sammelte mehr als eine Million Euro an Spenden. Inzwischen gibt es ein neues Rettungsschiff, die "Sea-Watch 2". Sie ist doppelt so groß wie der alte Kutter. Das Einsatzgebiet wurde auf die Ägäis ausgedehnt und ein Leichtbauflugzeug unterstützt die Crew auf dem Wasser bei der Suche nach Schiffbrüchigen. Der Verein "Sea-Watch e.V." hat inzwischen festangestellte Mitarbeiter und ein Büro in Berlin - und das knapp ein Jahr nach der Entstehung des Projektes.

Nur der Initiator?

Dennoch bleiben einige Fragen im Buch unbeantwortet, zum Beispiel, warum Höppner das Projekt "Sea-Watch" mehr aus der Ferne zu steuern scheint, als tatsächlich dabei zu sein. Freiwillige Helfer sind etappenweise an Bord, Höppner selbst nur einige Male. Auch den Vereinsvorsitz wird er in den nächsten Monaten abgeben. Was sind die Gründe? Gerne hätte n-tv.de ihn dazu befragt, aber auf die Interviewanfrage kam bis jetzt keine Antwort.

Bei Höppner kann man gut nachlesen, wie man mit viel Idealismus und Enthusiasmus ein Projekt auf die Beine stellen kann.  Man erfährt, dass auch der Einzelne etwas bewegen kann - spürt aber auch, wie sehr man sich als Privatperson der öffentlichen Meinung aussetzt. Harald Höppner hat ein gesundes Selbstbewusstsein, ihm mag dieser Druck weniger ausmachen als anderen. Dennoch scheint auch er im Laufe des Buches etwas von seinem Idealismus verloren zu haben.

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Quelle: n-tv.de

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