Praxistest

Dynamik an der langen Leine Jaguar E-Pace - Sport- oder Familien-SUV?

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Weit reißt der Jaguar E-Pace seinen Schlund auf und macht sich nicht nur damit größer als die Mitbewerber.

(Foto: Holger Preiss)

Auch wenn die Marke grenzenlose Sportlichkeit suggeriert, muss man sich manchmal davon verabschieden. So auch beim Jaguar E-Pace, dem schicken Kompakt-SUV. Im Praxistest stellt sich dann aber schnell raus, dass der Brite andere Vorzüge hat.

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Die Heckansicht des Jaguar E-Pace verspricht mehr Sportlichkeit, als das SUV halten kann.

(Foto: Holger Preiss)

Dass Jaguar mit seinen SUV nicht auf den Hund kommen würde, war klar. Und dass solche SUV die Grundtugenden von Land Rover nutzen würde, ist auch kein Wunder. Bleibt eigentlich nur noch die durch die Katze im Logo verordnete Sportlichkeit, die es galt, den SUVs einzupflanzen. Kann ja nicht so schwer sein, denn andere Marken im Premiumsegment bekommen das auch hin. Allerdings zeigte sich seinerzeit bereits der F-Pace in dieser Disziplin etwas schaumgebremst. Das lag vorrangig an dem Vierzylinder-Diesel aus dem eigenen Haus, der mit seinen 180 PS kaum die Kraft hatte, den großen Briten mit ordentlichem Schwung zu versorgen.

Es fehlt an Dynamik

Aus dem gleichen Triebwerk schöpft der E-Pace jetzt 240 PS. Trotz 200 Kilogramm mehr, die der kleine Bruder mit knapp zwei Tonnen auf die Waage bringt, sollte das für einen dynamischen Vortrieb reichen. Diese Annahme wird auch dadurch untermauert, dass die 500 Newtonmeter maximales Drehmoment durch eine ganz neue Neungangautomatik mit einer feinnervigen hecklastigen Ausrichtung an alle vier Räder verteilt werden. Doch spätestens beim Ampelstart oder auch nur beim zügig eingeleiteten Überholvorgang wird der Pilot eines Besseren belehrt: Auch dem 240 PS starken Selbstzünder fehlt ein Maß an Spontanität, das ihn zu einem Sportler machen könnte.

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Der 2,0-Liter-Vierzylinder-Diesel ist im Jaguar E-Pace ein solider und leiser Langläufer.

(Foto: Holger Preiss)

Die Neungangautomatik gibt bei einem beherzten Tritt auf den Pin die Kraft einfach zu zögerlich frei. Auch der Wechsel in den Sportmodus schafft hier keine Abhilfe. Die Veränderungen der Schaltzeiten und der Gasannahme sind so marginal, dass es eigentlich völlig egal ist, in welchem Fahrprogramm man den E-Pace bewegt, wirklich sportlich ist er in keinem. Leider gibt es auch erst in einem Modell mit R-Dynamik-Paket einen Quickshifter-Wahlhebel und Lenkradschaltwippen, die es dem Fahrer ermöglichen, die Gangwechsel selber einzuleiten.

Etwas wackelig

Im Datenblatt sind für den Standardsprint lediglich 7,4 Sekunden verzeichnet. Tatsächlich ist es so, dass wenn die Fuhre erstmal ins Rollen gebracht wurde, sie sich ganz famos bewegt. Die Endgeschwindigkeit lag laut GPS bei Tempo 230. Hier überflügelt der Realwert den der Werksangabe sogar um 6 km/h. Auch die Gangwechsel werden beim konstanten Lauf unmerklich, ja geradezu geschmeidig vollzogen. Erfreulich hierbei auch die Laufruhe und der Verbrauch, der sich im Testlauf über die obligaten 1000 Kilometer bei 8,6 Litern einpegelt. Auch das Fahrwerk, das Unebenheiten mit großer Gelassenheit in die Dämpfer und nicht in den Innenraum steckt, machte dem Tester Freude. Dennoch findet auch hier die Sportlichkeit ihre Grenzen. Bei schnellen Lastwechseln wirkt die Kraxel-Katze, wie der Engländer sagen würde, etwas "wobbly", ein wenig wackelig.

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Ordentliches Platzangebot und guten Langstreckenkomfort finden die Reisenden im Jaguar E-Pace.

(Foto: Holger Preiss)

Am Ende des Tages ist der E-Pace also keine Rennmaschine. Soll er auch gar nicht sein, aber die Raubkatze im Logo als auch die Historie der Marke weckt natürlich Erwartungen, die dazu führen, dass man dem Wagen im Test nicht auf Samtpfoten begegnet. Schaltet man aber einen Gang runter, werden Vorzüge deutlich, die man sonst nur von der Schwestermarke Land Rover kennt. Zum Beispiel eine Robustheit, die dem Fahrer eines E-Pace die Gewissheit gibt, nicht nur unbeschadet durch größere Pfützen zu kommen, sondern auch durch Furten mit einer Tiefe von bis zu 50 Zentimetern. Und das, ohne dass ein Tropfen Wasser in den Innenraum dringt oder sich gar der Motor verschluckt.

Natürlich finden nur die wenigsten Menschen auf dem täglichen Weg zur Arbeit derartige Gräben und auch im Urlaub werden nicht alle versucht sein, sich abseits der Straße durch Wassergräben zu wühlen oder über Dünen zu flitzen. Für entsprechende Offroad-Eigenschaften sorgt eine elektronisch gesteuerte hydraulische Lamellenkupplung an der Hinterachse, die es ermöglicht, beide Hinterräder unabhängig voneinander in 0,1 Sekunden mit bis zu 100 Prozent der Antriebskraft zu versorgen. Dabei werden die Radgeschwindigkeit, die Drosselklappenposition und der Lenk- und Gierwinkel als Berechnungsgrundlage genutzt. Auf diesem Weg werden auch über- und untersteuern unterbunden, denn die Lamellenkupplung arbeitet faktisch wie ein Sperrdifferential.

Mehr Platz als die Konkurrenz

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Mehr Platz, als man gemeinhin erwartet gibt es im Gepäckabteil.

(Foto: Holger Preiss)

Doch wenden wir uns den Dingen zu, die Alltagsfahrten in einem E-Pace sehr angenehm machen. Da wären zum Beispiel die elektrischen Sportsitze mit Memory-Funktion, ausgezeichneter Langstreckentauglichkeit und den verstellbaren Seitenwangen. Ebenso zu nennen sind die großen Fächer in den Türinnenseiten, die problemlos eine 1,5-Liter-Flasche bis zur Unsichtbarkeit verschlucken. Und auch das Brillenfach im Dachhimmel gehört, wie das gute Platzangebot in der zweiten Reihe, dazu.

Richtig opulent fällt das Gepäckabteil mit seinen 510 Litern im Vergleich zu den Mitbewerbern Mercedes GLA (412 Liter), BMW X1 (505 Liter), Volvo XC40 (460 Liter) und Audi Q3 (460 Liter) aus. Im Unterboden befinden sich darüber hinaus weitere 93 Liter Stauraum. Vorausgesetzt, man verzichtet auf das Reserverad. Wird die Rückbank umgelegt, sind es gar 1234 Liter, die man bepacken kann. Schade, dass die Lehne der zweiten Reihe nicht so umgelegt werden kann, dass sich eine plane Fläche ergibt. Der Einkauf in einem Möbelhaus lässt sich mit dem E-Pace dennoch problemlos bewältigen. Allein schon, weil zwischen erster Sitzreihe und Ladekante 1,57 Meter lange Gegenstände verschwinden und die Laderaumbreite zwischen den Radkästen immer noch einen Meter misst.

Viele Assistenten, aber kein Schnäppchen

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Das volldigitale Cockpit kostet, sieht aber auch richtig gut aus.

(Foto: Holger Preiss)

In Summe machen genau diese Dinge den Jaguar E-Pace zu dem Familienauto, das es nach Wunsch des Herstellers sein soll. Als kleines Gimmick weist auf der Frontscheibe auch ein großer Jaguar darauf hin, der mit seiner kleinen Raubkatze unterwegs ist. Den Fahrer und seinen Anhang wiegen entsprechende Assistenzsysteme in Sicherheit. Dazu gehört der Abstandstempomat mit Stauassistent ebenso wie der Spurhaltewarner. Schade, dass Letztgenannter lediglich haptisch und akustisch warnt, den Wagen aber nicht durch einen sanften Lenkeingriff in die Bahn zurückführt. Auch der sensible Notbremsassistent ist zu loben. Bis zu einer Geschwindigkeit von 80 km/h haut der im Ernstfall den Anker raus und macht deutlich, dass die Stopper im Falle eines Falles mit unbändiger Kraft zubeißen können und keinen Verzug dulden.

Doch während der Notbremsassistent in der Serie ist, muss für andere empfehlenswerte Beigaben bezahlt werden. Für das ausgezeichnet ablesbare Head-up-Display werden zum Beispiel 1145 Euro aufgerufen. Das "Parkhilfe-Paket" schlägt mit 684 Euro zu Buche, schiebt den E-Pace aber dafür auch sehr souverän in Längs- und Querlücken. Allerding sollte man dem System etwas Zeit geben. Legt man den Rückwärtsgang zu schnell ein, wird die Arbeit vorzeitig abgebrochen. Auch die elektrische Heckklappe muss mit 521 Euro recht teuer bezahlt werden, wie der schlüssellose Zugang, für den die Briten 677 Euro haben wollen. Wer dann noch eine Sonderfarbe und 20-Zoll-Räder mit fünf Doppelspeichen bestellt, darf sich am Ende nicht wundern, wenn der Kaufpreis von ursprünglich 55.200 Euro auf 65.412 Euro anwächst.

Fazit: Der Jaguar E-Pace ist weder ein Sportwagen noch ein Schnäppchen. Dafür erfüllt er aber alle Kriterien eines Familienautos. Dazu gehört die Sicherheit ebenso wie das Platzangebot und das auf einer Länge von lediglich 4,40 Metern. Außerdem darf sich der Brite sogar die Marke Offroader anheften, mehr als alle anderen Bewerber in diesem Segment.

DATENBLATTJaguar E-Pace D240 AWD
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,39 / 1,98 / 1,65 m
Radstand2,68 m
Leergewicht (DIN)1926 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen510 / 1234 Liter
MotorReihenvierzylinder mit 1999 ccm Hubraum
Getriebe9-Gang-Automatik
Systemleistung Verbrennungs- und E-Motor240 PS (177 kW) ab 4000 U/min
KraftstoffartDiesel
AntriebAllradantrieb
Höchstgeschwindigkeit224 km/h
Tankvolumen55,7 Liter
max. Drehmoment (Systemleistung)500 Nm / ab 1500 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h7,4 Sekunden
Normverbrauch (kombiniert)6,9 Liter (NEFZ)
Testverbrauch (kombiniert)8,6 Liter
CO2-Emission kombiniert175 g/km /EU6
Grundpreis55.200 Euro
Preis des Testwagens65.412 Euro

Quelle: n-tv.de

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