Leben

Trampen von Teheran nach Berlin 5000 Kilometer ohne Plan

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Wandern ist Simon Polsters Leidenschaft - in Georgien kann er das zur Genüge.

Zwei Männer, 5000 Kilometer, elf Länder: Simon Polster und Kalle Bergstedt trampen vom Iran nach Deutschland - ohne Karte, aber mit viel Gelassenheit. So erfahren sie, wo Biertrinken ein politischer Akt ist und wie Stalins Lieblingswein schmeckt.

Irgendwo an einer staubigen Küstenstraße in Kroatien fängt es dann doch an zu nerven. Die Sonne brennt unbarmherzig vom Himmel. Der Abgasnebel, den die Autokolonne mit deutschen Nummernschildern hinterlässt, ist unerträglich. Und wenn nach ein paar Stunden mit ausgestrecktem Daumen am Straßenrand endlich ein Fahrzeug hält, dann meistens mit der Nachricht, dass es Simon Polster und Kalle Bergstedt nur die zehn Kilometer bis zur nächsten Ortschaft mitnehmen kann. "Das war ätzend, da hat man irgendwann einfach keinen Bock mehr", erinnert sich Polster. Er ist gemeinsam mit Bergstedt vom Iran bis nach Berlin getrampt.

Ohne Smartphone oder auch nur eine grobe Karte in der Tasche trampen und wandern Polster und Bergstedt in vier Monaten 5000 Kilometer kreuz und quer durch elf Länder. Über Armenien, Georgien, die Türkei, Griechenland, Albanien, Montenegro, Kroatien, Slowenien und Österreich bahnen sich die beiden ihren Weg zurück nach Deutschland. 

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Die Gastfreundschaft ist überall groß - aber besonders im Iran.

(Foto: Simon Polster)

Viel mehr als einen Topf und ein Wochenvorrat Reis haben die damals 25-Jährigen nicht im Gepäck. Zelt und Schlafsack? Fehlanzeige - genächtigt wird unter dem freien Himmel. "Ich musste dann aber gleich in der ersten Nacht feststellen, dass es auch in der Wüste ganz schön kalt wird - und habe mir zumindest eine Decke gekauft", sagt Polster lachend. Was den beiden an Ausrüstung fehlt, macht eine große Portion Gelassenheit wieder wett.

In Ermangelung einer Landkarte fragen sie unterwegs einfach nach dem Weg und bekommen höchst unterschiedliche Einschätzungen. "Wir sind einen Fluss entlanggewandert und haben gefragt, wie weit es bis zur nächsten Stadt ist. Die Antworten variierten zwischen 15 und 100 Kilometern", erzählt Polster.  "Und als wir fragten, wie lange wir für besagte Strecke brauchen, schätzten manche drei Stunden - und manche sieben Tage." Wie gut, wenn man keinen Zeitdruck hat - und ohnehin keinen genauen Plan.

In Irans Bergen wird gefeiert

Eigentlich fängt alles in Berlin an und damit, dass Polster von seinem Studium der Umweltinformatik gelangweilt ist. Einfach nur weg, das ist der Plan. Irgendwohin trampen, wo man wandern kann - so sah Polsters klassischer Urlaub in den vergangenen Jahren immer aus. Nur diesmal soll es weiter gehen. Bis nach Indien, dem Land, in dem Polsters Mutter aufgewachsen ist. In dem Berliner Hostel, in dem Polster zu dieser Zeit arbeitet, stößt sein Plan bei einem Kollegen auf viel Zustimmung - und so beschließt der Schwede Kalle Bergstedt spontan, einfach mitzukommen. Dass die beiden sich eigentlich kaum kennen? Egal.

Sechs Monate verbringen Polster und Bergstedt in Indien, feiern das traditionelle Holi-Festival, baden im Ganges, werden eine Nacht im Dschungel festgehalten und eine Typhuserkrankung kostet Polster in sieben Wochen 15 Kilogramm Körpergewicht. Weil Trampen in Indien schwierig und ein Visum fürs benachbarte Pakistan beinahe unerreichbar ist, steigen Polster und Bergstedt schließlich in Neu-Delhi in ein Flugzeug nach Teheran und trampen von dort aus zurück nach Deutschland.

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Märkte sind in Indien eine farbenfrohe Angelegenheit.

(Foto: Simon Polster)

Nach den einprägsamen Erfahrungen einer streng patriarchischen Gesellschaft in Indien erwartet Polster genau das auch im Iran - und wird überrascht. Mit iranischen Studienfreunden reisen die beiden durch das Land, treffen Menschen, tauchen in die Subkultur ein. "Alkohol, Partys, Drogen, One Night Stands, das gibt es alles auch im Iran", sagt Polster, "nur eben hinter verschlossenen Türen". Oder in den Bergen, die sich hinter Teheran erstrecken. Hier nehmen Frauen ihr Kopftuch ab und lassen die Haare im Wind flattern, hier treffen sich Paare, hier wird musiziert. "Das Land ist sehr repressiv, aber die Leute sind sehr westlich im Kopf. Da ist es selbst ein politischer Akt, ein Bier zu trinken".

So unterschiedlich die Länder auch sind, eines ist überall gleich: die Gastfreundschaft. Immer wieder laden Menschen die beiden jungen Männer zu sich nach Hause ein. "Es wird doch bald dunkel, wieso wollt ihr denn noch weiter?", bekommen sie dann zu hören, wenn sie beim Trampen mitgenommen werden, beim Wandern nach dem Weg fragen oder auf dem Markt in ein Gespräch verwickelt werden. "Bleibt doch einfach hier!"

Ehekrisen und ausgebrochene Bienenvölker

Und so lernt Polster auf den 5000 Kilometern zwischen Teheran und Berlin vor allem eines: dass er sich auf andere Menschen verlassen kann. "Hilfe annehmen, das ist für beide Seiten total schön", sagt er - auch wenn er sich erst einmal daran gewöhnen muss, dass ihm als Gast Essen oder Schnaps vorgesetzt werden und er selbst nicht helfen, keinen Fingern rühren darf. "Und es ist erstaunlich, wie viel man auch ohne gemeinsame Sprache nonverbal kommunizieren kann, wenn man bereit ist, sich in den anderen hineinzuversetzen."

Auch deshalb trampt Polster lieber, als den Bus oder Zug zu nehmen. Schließlich sieht man bei keiner Art des Reisens so viel von einem Land und kann sich so ausführlich mit seinen Bewohnern austauschen, wie wenn man über Stunden mit ihnen zusammengepfercht im Auto sitzt. Und so erfahren Polster und Bergstedt von den Ehekrisen und den ausgebrochenen Bienenvölkern der Menschen, die sie mit dem Auto mitnehmen - und manch einer vermittelt pantomimisch seine gesamte Lebensgeschichte. Wenn abends bei einem Glas Wein Worte nicht mehr weiterhelfen, dann tut es das mitgebrachte Schachbrett.

Manche Dinge lernt man ohnehin ganz schnell. Dass der ausgestreckte Tramper-Daumen im Iran  bedeutet, sich den Finger in den Hintern zu schieben beispielsweise. Also winken Polster und Bergstedt fortan lieber mit gesenkten Handflächen. Oder stehen einfach mit einem Lächeln am Straßenrand. "Wenn dich jemand mitnehmen möchte, nimmt er dich so oder so mit. Und wenn nicht, dann eben nicht", sagt Polster.

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Eigentlich beginnt das Abenteuer von Simon Bergstadt noch viel weiter östlich: in der Wüste Indiens.

(Foto: Kalle Bergstedt)

Wer sich an bestimmte Dinge hält, erhöht trotzdem seine Chancen, mitgenommen zu werden. Oberstes Trampergebot: Immer an einer Stelle am Straßenrand stehen, die die Autofahrer gut einsehen können, an der sie nicht zu schnell fahren und anhalten können - und wo sie bestenfalls noch ein paar Sekunden Bedenkzeit haben. An einer Tankstelle etwa, einer Ampel oder nach einer steilen Kurve, an der die Autos abbremsen müssen.

Berühmt in Indien

Ansonsten gilt: Sonnenbrille runter, Augenkontakt aufnehmen und positiv bleiben, auch wenn es mal eine Weile nicht läuft. "Man darf da keine Anspruchshaltung entwickeln und sich über Menschen ärgern, die einen nicht mitnehmen", sagt Polster. "Vielmehr tun ja die, die dich mitnehmen, etwas total Nettes." Wenn es mal gar nicht voran geht, wandern die beiden einfach weiter - bis irgendwann doch wieder ein Auto auftaucht und anhält.

Egal, wo Polster und Bergstedt hinkommen: Sie fallen auf, nicht zuletzt wegen Bergstedts langen blonden Dreadlocks und seiner beachtlichen Größe von zwei Metern. Besondere Ausmaße nimmt der "Fankult" der Einheimischen in einem kleinen Dorf in Nordindien an. Als die beiden dort einen Bollywood-Film im lokalen Kino schauen, begeistern die Exoten den Kinobetreiber so sehr, dass er die örtliche Zeitung ruft. Es folgen Auftritte im Fernsehen und viele kostenlose Restaurantbesuche - unter der einzigen Bedingung, für ein Foto mit dem Gastwirt zu posieren.

Es dauert lange - und die beiden sind bereits viele hundert Kilometer weitergereist, bis jemand den Artikel übersetzt und Polster und Bergstedt erfahren, was über sie geschrieben wurde. Dass sie angeblich die Söhne eines berühmten deutschen Arztes und 2000 Kilometer zu Fuß gewandert sind, erfahren sie darin zum ersten Mal. Und der schönste Ort, den sie auf ihrer Tour gesehen haben? Na klar - besagtes Dorf.

Auch wenn eine kleine indische Lokalzeitung es besser weiß: Am meisten beeindruckt ist Polster laut Bericht vom Iran und Georgien. "Die wilde Natur, die freundlichen Menschen, die vielen Berge, der wenige Tourismus - und das Trampen ist dort auch sehr einfach", sagt er. In Georgien faszinieren den passionierten Wanderer die Berge, aber auch der älteste Wein der Welt, der hier angebaut wird.

Wie die Reise das Leben verändert

Schon während des Studiums hat sich Polster beim Winzer etwas dazuverdient. Die traditionsreichen georgischen Weingüter, wo jetzt im Frühling der Wein gerade in alte Tonkrüge abgefüllt und im Boden vergraben wird, faszinieren ihn. So landet er irgendwann auf einem Gehöft, das sich einst einen Namen als Stalins liebstes Weingut machte. Und weil Polster immer fragt, ob er probieren darf, kann er irgendwann auch eine klare Meinung zu Stalins Lieblingsgetränk entwickeln: "Total schrecklicher Wein, megasüß!"

Zurück in Berlin - nach Monaten unter freiem Sternenhimmel oder als Gast in fremden Betten, nach unzähligen Schachspielen und fremden Gesichtern und Geschichten - schließt sich der Kreis. Getrieben von der neu gewonnenen Faszination für den Kaukasus beginnt Polster nach seiner Rückkehr nach Deutschland ein Geografiestudium. Für seine Bachelorarbeit wendet er sich an eine Reise-Bekanntschaft aus Mazedonien, die mit ihrer NGO einen Fernwanderweg durch den Kaukasus entwickelt. Mittlerweile arbeitet Polster selbst in seinem eigenen Startup, das Wanderwege durch das Gebiet kartografiert.

Eigentlich eine Ironie. Den Weg vom Iran über den Kaukasus nach Deutschland jedenfalls hat Polster bei seinem eigenen Trip auch ganz ohne Karte gefunden.

Quelle: ntv.de