Leben

Hoffen auf Wunderheilungen Das alte Mailand tröstet sich selbst

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Francesca Barbareschi spielte schon als Kind in dem Laden, den sie inzwischen führt.

(Foto: Andrea Affaticati)

Ein kleiner Laden, im Herzen der Stadt versteckt, entzückt mit seinen kunstvollen Krippenfiguren seit einem Jahrhundert die Mailänder. In diesem Jahr spendet er aber auch Trost und Hoffnung. Denn was bei der Cholera geholfen hat, soll nun auch gegen Corona nutzen.

Rechts vom Mailänder Dom, zwischen Palazzo Reale und dem Erzbischöflichen Palazzo, verläuft eine kleine, schmale Gasse. Vor allem im Winter, wenn die Dunkelheit früh einbricht und die Schritte auf dem Kopfsteinpflaster widerhallen, ist es hier, als würde man in die Vergangenheit eintauchen. Am Ende der Gasse öffnet sich ein kleiner Platz, der von einem anmutig in den Himmel ragenden achteckigen Turm überragt wird. Errichtet wurde er Anfang des 14. Jahrhunderts und gehört zur Kirche San Gottardo in Corte. Ein paar Schritte weiter steht auf einem schwarzen Geschäftsschild in weißer, etwas altmodischer Schreibschrift der Name Tricella. Weder das Schild, noch der Ladeneingang haben etwas besonders Anziehendes, trotzdem ist in diesem Laden ein Stück Mailand, so wie es einst war, erhalten.

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Viele Familien kaufen jedes Jahr ein weiteres Teil für ihre Krippe.

(Foto: Andrea Affaticati)

Tricella ist die Adresse für Weihnachtskrippen in Mailand, hier findet man alles, was das Herz des Liebhabers begehrt. Jung und Alt stehen wie gebannt vor den zwei großen Schaufenstern, blicken fasziniert auf eine dicke Bäckerin, die Torten auf einer Theke anrichtet, auf einen alten weißbärtigen Korbflechter, auf einen Fischer, der vor seinem Boot ein Netz flickt, und auf einen Hirten, der sich auf einer Hängematte hin und her schaukelt, über ihm ein Band mit der Schrift "Smart working". Tricella verkauft mittlerweile auch religiöse Gegenstände und Schmuck, doch es sind vor allem die Krippen, die das Geschäft zu einer Institution machen.

In diesem Laden findet man seit 1921 die kunstvollsten Krippenfiguren und -bilder der ganzen Stadt. Nächstes Jahr ist es ein Jahrhundert, dass das Geschäft hierher übersiedelt ist. Es besteht aber bereits seit 1888. Der ehemalige Besitzer Carlo Tricella hatte es von seinem Schwiegervater geerbt. 1983 wurde es dann von Ambrogio Barbareschi übernommen, der beschloss, den Namen zu erhalten. Aber auch vieles andere, beispielsweise das dunkle Mobiliar mit den vielen Schubladen, in denen die aus Holz geschnitzten oder aus anderen Materialien geformten Figuren und Gegenstände aufbewahrt werden.

Kindheit zwischen Krippenfiguren

Heute führen die Geschwister Francesca und Giuseppe Barbareschi den Laden. "Als Kind liebte ich es, meine Zeit hier im Geschäft zwischen all diesen Figuren zu verbringen", erzählt Frau Barbareschi ntv.de. Und schon damals habe sie gewusst, hier in dieses Geschäft würde sie einmal einsteigen. So wie die Einrichtung gehören auch einige Lieferanten zum langjährigen Bestand, wie zum Beispiel die namhafte Südtiroler Schnitzerei Anri. Die auch international bekannte sizilianische Terracotta-Künstlerin Angela Tripi wurde hingegen erst von ihrem Vater mit an Bord geholt. "Und dann gibt es die Neuen", erzählt Frau Barbareschi weiter. Im Januar dieses Jahres habe sie auf der Frankfurter Messe Christmasworld die Kunsthandwerkstatt Köhler entdeckt. "Ich war von ihren Figuren sofort begeistert, sodass wir sie gleich in unser Sortiment genommen haben."

Es gibt Mailänder Familien, die seit Generationen Jahr für Jahr zu Weihnachten ins Geschäft kommen, um, wie es der Brauch vorsieht, eine neue Figur für ihre Weihnachtskrippe zu kaufen. Trotzdem gleicht es einem kleinen Wunder, dass ein Geschäft wie Tricella es schafft, in einer immer auf den letzten Stand der Dinge fokussierten Stadt wie Mailand die Leute weiter anzuziehen. "Na ja, es ist ja nicht so, dass wir uns zum Beispiel der sozialen Medien nicht bedienen würden, im Gegenteil", sagt Frau Barbareschi. Man sei auf Facebook und Instagram sehr aktiv und natürlich verkaufe man auch online.

Der Onlineverkauf war in diesem Jahr besonders wichtig. Doch es ist die persönliche Zuwendung, die den Unterschied macht. Und das ist alte Schule. "Mein Vater hatte seinerzeit eine Kundenkartei angefertigt und sobald neue Figuren geliefert wurden, rief er jeden einzelnen an, um es ihm mitzuteilen." Und diese Art von Aufmerksamkeit wird weiter gepflegt. Zu Weihnachten, aber nicht nur dann.

Eine Medaille, die Heilung bringt

Als Ende Februar die Corona-Pandemie ausbrach, verschenkte und versandte Frau Barbareschi eine vergoldete Muttergottesmedaille an jeden ihrer Kunden. Die Medaille kommt aus der Kapelle "Unserer Lieben Frau von der Wundertätigen Medaille" in Paris. Dorthin pilgern jedes Jahr Menschen aus aller Welt, um die Jungfrau Maria um Schutz und Hilfe zu bitten und dann mit der Medaille nach Hause fahren. Barbareschi erinnerte sich an diese Geschichte: "Als um 1830 wie in ganz Europa auch in Paris die Choleraepidemie wütete, soll die Muttergottes einer Nonne erschienen sein. Sie sagte der Nonne, sie solle diese Medaille anfertigen lassen und sie dann verschenken. Daraufhin soll es zu wundersamen Heilungen gekommen sein."

Genauso machten es nun die Barbareschis. Ein Prälat des Mailänder Doms sei nach dem Lockdown persönlich ins Geschäft gekommen, um sich für diese Geste des Trostes und der Hoffnung zu bedanken, fügt sie hinzu. Es stimme zwar, dass sich Mailand in den letzten zwei Jahrzehnten sehr geändert habe, aber nicht in Allem: Fleiß und Solidarität würden die Stadt weiter auszeichnen.

Wie schwer die Pandemie die Stadt getroffen hat, haben am 7. Dezember Luftbildaufnahmen gezeigt. Normalerweise findet am Tag des Heiligen Ambrosius, des Mailänder Schutzpatrons, in der Scala die Eröffnung der Opernsaison statt. Dieses Jahr wurde jedoch ein Konzert ohne Publikum aus dem Opernhaus übertragen. Die Luftbilder leiteten es ein und zeigten weihnachtlich beleuchtete, aber menschenleere Straßen.

Frau Barbareschi verschenkt zum Abschied eine der Pariser Medaillen. Und ganz gleich, ob man an Wunder glaubt oder nicht: Es tut gut, sie in der Hand zu halten und ein wenig Hoffnung für das kommende Jahr zu schöpfen.

Quelle: ntv.de

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