Leben

Aus der Schmoll-Ecke Der erbärmliche Corona-Ostzoni

imago0100226586h.jpg

Sicher ist sicher: Wer weiß, was man sich beim Fernsehen alles einfangen kann.

(Foto: imago images/imagebroker)

"Wenn du ARD und ZDF zuhörst, dann hast du praktisch die Kontrolle über dein Leben verloren", glauben manche in Deutschland. Was für eine Anmaßung, so etwas zu sagen und anderen die Fähigkeit abzusprechen, sich selbst eine Meinung bilden zu können, meint unser Kolumnist.

Geschätzte Leserschaft, ich heiße Sie willkommen zum kolumnistischen Manifest dieser Woche. Nehmen Sie Platz in meiner Gedankenwelt und genießen Sie meine Verlautbarungen über die Welt, die - ich gehe davon aus, Sie hörten bereits davon - nun viel viel viel besser wird, weil jetzt der letzte Idiot begriffen hat, dass wir am Wendepunkt von irgendetwas stehen. Wobei ich noch nicht sicher bin, ob es für alle Regionen unseres Planeten besser wird. Um einige Flecken mache ich mir Sorgen. Gera zum Beispiel. Doch dazu später mehr.

Jawoll, ich bin ins Leben zurückgekehrt. Ich traue mich neuerdings sogar schon wieder ohne Maske, Taucherbrille und Regenmantel zu meinem Weinladen, der sich in den vergangenen Wochen wahrlich nicht über mangelnde Unterstützung durch meine erlauchte Person beschweren kann, die schwerste Wirtschaftskrise seit den 30er-Jahren zu überstehen. Wobei ich gar nicht weiß, ob es das Geschäft damals schon gab. Aber es klingt so schön dramatisch, weshalb ich es hier aufgeschrieben habe. Denn jede_r soll wissen: Auch ich habe meinen Beitrag dazu geleistet, dass die Welt nicht untergeht.

Ob der Untergang noch zu stoppen ist? Ich fürchte: Nein. Jedenfalls nicht, solange wir Menschen das Sagen haben. Es wird Zeit, dass wir den Dinosauriern wieder den Planeten überlassen. Sie merken schon, mir sind mein ansonsten unnachahmlicher Optimismus und mein Fortschrittsglaube abhandengekommen. Er wird gerade wegdemonstriert von lauter Irren, die gegen das nicht existente "Merkel-Regime" und ihren Komplizen Bill Gates auf die Straße gehen - Verfolgungswahnsinnige, die offen ihren Egoismus und ihre Saudämlichkeit zur Schau stellen. Geht was schief, sind ja Kliniken, Ärzte und Pfleger zur Stelle.

Selbstimmunisierung vs. Schutzanzug

"Brüder, Schwestern, nie wieder Faschismus", rufen die Durchgeknallten, mit denen man auch noch "reden" soll, wie es Kretzsche - der Sachse und nicht etwa der Handballer -, getan hat. Gerne. Nur worüber? Dort funktioniert doch die Selbstimmunisierung gegen andere Meinungen besser als jeder Schutzanzug gegen das Coronavirus. Was wären Fragen für eine Diskussion? Warum sie ständig im Internet Daten hinterlassen, aber glauben, dass sie eine Corona-App ausspionieren soll? Ob hinter Schutzimpfungen für Tiere auch Bill Gates oder die Impfmafia oder beide stecken? Zu welchem Friseur Barbie-Ken-Jebsen geht? Ob sie Francesco Cavalli oder Pietro Antonio Cesti besser finden? (Für alle, die es wissen wollen: Ich tendiere schon wegen "La Didone" zu Cavalli.)

*Datenschutz

Die erbärmlichste Gestalt unter den Gestörten war der Typ in Gera, der auf den Rentner Alfons Blum einredete. Wieso trug der Kerl eigentlich eine Maske, wo doch das Coronavirus eine Erfindung ist? "Lass dich doch nicht veralbern! Wenn du ARD und ZDF zuhörst, dann hast du praktisch die Kontrolle über dein Leben verloren."

Was für eine Anmaßung, so etwas zu sagen und anderen die Fähigkeit abzusprechen, sich selbst eine Meinung bilden zu können. Es ist mir unbegreiflich, wie man derartig aggressiv auf einen alten Mann einreden kann, der heult, weil er nicht zu seiner Frau kann. Unbegreiflich ist mir auch, wie man sich selbst nur so ein Armutszeugnis ausstellen und zwei total langweiligen Fernsehsendern derartig viel Macht zuschreibt, deren Kernzielgruppe Rentner sind.

Ich sehe ihn vor mir, den suggestivsten Reporter aller Zeiten: Theo Koll, wie immer mit astrein geknöpfter Krawatte und dramatisch eng geknotetem Hemd, dass man auf der Intensivstation den Ärzten erklären muss: Nein, es ist nicht das fiese Virus gewesen, es ist das Hemd. Theo, der zugeknöpfte Obermanipulator, der in Gera für Kontrollverlust sorgt. Ich lach mich schlapp.

Bescheuertste Moderationsüberleitung mit grandiosem Wortspiel

imago0095354416h.jpg

Jessy Wellmer bekommt den Preis für die bescheuertste Überleitung.

(Foto: imago images/Andre Poling)

Oder Jessy Wellmer, der ich höchstpersönlich den Preis für die bescheuertste Moderationsüberleitung der Corona-Zeit zugesprochen habe. Erst fiel sie mit einem zwar deplatzierten, dafür aber grandiosen Wortspiel auf: "Überall versuchen sich seit den Lockerungsbeschlüssen von gestern alle, mal ein wenig lockerer zu machen." Applaus! Applaus! Auf den Satz muss man erst einmal kommen. Und da die "ARD extra: Die Corona-Lage" zu Ende war, sagte sie: "Nicht nur das Thema Corona sorgt für Zündstoff, auch der Bozen-Krimi jetzt hier bei uns im Ersten tut es. Die Folge heißt nämlich 'Zündstoff'. Bleiben Sie also dran - und bleiben Sie optimistisch." Hallo?! Ich soll also optimistisch bleiben und gleichzeitig zusehen, wie in Bozen gemordet wird?! Das entlarvt jeder Geraer auf Anhieb als Manipulationsversuch. Ob der Geraer optimistisch ist oder nicht, überlassen Sie ihm man schön selbst, gute Frau Wellmer.

Ich kann mich in einem freien Land doch entscheiden, was ich schaue und was nicht und auch, welche Rückschlüsse ich daraus ziehe, ob ich also weiter ARD und ZDF oder Barbie-Ken-Jebsen glotze. Wenn man glaubt, dass zwei Fernsehender es schaffen, Leben zu kontrollieren, muss man wirklich nicht ganz bei Trost sein. Fürchte ich. Beweisen kann ich es nicht. Ich möchte betonen, dass es sich bei meiner Meinung nicht um absolutes Wissen handelt. Es ist ein Preprint, also eine Rohfassung, gefüttert von angelesenem Wissen und etwas Bauchgefühl, beruht allerdings auf zugegebenermaßen statistischen Schwächen. Kritik daran ist erwünscht, das ist der Sinn demokratischer Meinungsbildung. Schreiben Sie mir gerne die üblichen Verwünschungen und Morddrohungen. Und Julian Reichelt von der "Bild"-Zeitung rufe ich gleich zu, dass ich mich der Diskussion stelle: "Ich bin zu jeder Zeit und an jedem Ort bereit." Solange Sie dabei Abstand halten. Ihnen will ich nicht zu nah kommen!

Ich habe gegoogelt mit: "Ich will die Kontrolle über mein Leben zurück." Und wurde fündig. Das Angebot ist reichhaltig: "Vier Wege, um die Kontrolle über dein Leben zurückzugewinnen." Gerne auch: "Fünf Wege, Kontrolle über dein Leben zurückzubekommen." Von ARD und ZDF stand da nichts zwischen all dem üblichen, banalen Psycho-Quassel-Quatsch der Marke: "Investiere in deine Träume - du solltest einen Weg finden, um auch etwas für dich selbst übrigzuhaben." Ja, 40 Euro für das nächste große Gewächs in meinem Weinladen.

Aber wenigstens fand ich auf einer Webseite einen Hinweis zum Thema Fernsehen:
"Ein wichtiger Aspekt in deinem Leben ist die Kontrolle. Damit ist nicht die Kontrolle der Fernbedienung gemeint, sondern die einzelnen Bereiche deines Lebens." Aha, die Lage ist also nicht völlig aussichtslos. Außer in Gera.

Quelle: ntv.de