Leben

In Vino Verena "Die wurde doch vom Freund erstochen"

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Verängstigte Frau: Femizide sind mehr als eine Familientragödie.

(Foto: imago images/ankihoglund)

Zu Hause wie im Netz: Frauen sind nach wie vor Opfer von Gewalt. Von Eifersuchts- oder Familiendramen ist die Rede, wenn Männer Frauen töten. Doch es sind: Femizide. Unsere Kolumnistin zeichnet das Bild einer ermordeten Frau. Für Petra.

"Heiliger Bimbam, Verena!" Petra steht mit weit aufgerissenen Augen vor mir und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Ich bin ungefähr sieben Jahre alt und habe gerade ihrem Sohn, dem vierjährigen Timmy, mit einer Papierschere die Haare geschnitten. Erst sollte es nur der Pony sein, den musste ich dann aber leider permanent korrigieren, sodass er irgendwann nicht mehr vorhanden war. Timmy sieht auf dem Kopf dementsprechend verunstaltet aus. Petra nennt die Löcher zwischen den Haaren "Einflugschneisen". Sie holt hektisch meine Mutter, alle schimpfen wild durcheinander, es gibt ein Riesen-Trara, dann lachen sich alle kaputt.

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So ähnlich sahen die Balkone aus, auf denen Petra und die Mutter der Autorin in den 80er-Jahren immer gesessen haben.

(Foto: imago/CHROMORANGE)

Es sind die 80er-Jahre. Wir wohnen in der DDR im Plattenbau. Die Straßen tragen sorbische Namen. Manchmal passt Petra, die Freundin meiner Mutter, auf mich und meinen Bruder auf, manchmal meine Mutter auf ihre Kinder. Petras Nachname ist kompliziert, wir nennen sie deshalb: "Tante Kuckuck". Tante Kuckuck ist eine lebenslustige junge Frau und Mutter dreier Kinder. Ihren Mann nennen alle nur "den Langen". Gerade gab es Ärger mit Tante Kuckucks Ältestem, weil der "schon wieder unterm Balkon gekokelt hat".

Unsere Familien sind eng miteinander befreundet. Vater und "der Lange" gehen gemeinsam zum Frühschoppen, während die Frauen auf dem Balkon sitzen, paffen und über das Leben reden. Ihr Lachen schallt dabei über die Plattenbaudächer. Petra hat helle Augen und lange dunkle Locken und Mutter ist ein bisschen eingeschnappt, als ich sage, dass ich, wenn ich groß bin, mal so cool und modisch wie Tante Kuckuck sein will. Karierte Röcke, bunte Strümpfe, Taschen mit langen Fransen und Absatzschuhe. Gelegentlich lässt sie mich hineinschlüpfen. Dann stakse ich wie auf rohen Eiern durchs Wohnzimmer wie über einen Laufsteg und Tante Kuckuck moderiert spontan die große Modenschau.

Femizide werden verschwiegen

Es ziehen einige Sommer ins Land und kalte Winter. Die Wende kommt, die Freundinnen verlieren ihre Arbeit. Tante Kuckuck trennt sich vom Langen und trinkt immer mehr Alkohol. Irgendwann ist sie verschwunden und mit ihr die Erinnerung an ihr Lachen, ihr langes, dunkles Haar und ihre Tanzeinlagen während der Modenschauen.

Lange habe ich nicht mehr an Tante Kuckuck gedacht, bis ich neulich mit meiner Mutter über meine Arbeit sprach. Sie fragte mich, wovon meine nächste Kolumne handelt und ich erzählte ihr, vielleicht etwas über Hass im Netz, Misogynie oder Mobbing zu schreiben, am 25. November sei der "Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen."

Wir sprachen lange über meine Kindheit in der DDR, jenes vermeintlich so tolle sozialistische Land, in dem es offiziell keine Verbrechen, keine Morde und keine Femizide gab. Ich fragte Mutter nach der ermordeten Lehrerin, die in der Nähe, in der wir wohnen, im Wald gefunden worden war und von der damals alle sprachen, aber nichts in der Zeitung stand. Gewalt gegen Frauen, die bis zum Femizid führt: Es wurde damals geschwiegen, so wie noch heute oft darüber geschwiegen wird. Morde an Frauen werden oft als Eifersuchtsdrama abgetan, das eben leider eskaliert ist.

Frauenfeindlichkeit und häusliche Gewalt

Nie zuvor hatte meine Mutter den Begriff Femizid gehört, aber das musste sie auch nicht, um mir davon zu berichten, dass sie einige Frauen kannte, die von Männern umgebracht worden sind. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nur genauer um die Geschichte ihrer Schulfreundin Marion, die 22-jährig auf dem Weg nach Hause von einem Mann, dessen Avancen sie kurz zuvor abgelehnt hatte, ermordet worden war. Damals wie heute: Es sind so viele Frauen, denen Gewalt widerfährt. Weil sie Frauen sind. "Freche" Frauen, die Widerworte geben und nicht schweigen, wenn man es ihnen befiehlt.

Kürzlich habe ich über Misogynie und Gewalt gegen Frauen im Netz geschrieben. Hunderte Männer (aber auch wenige Frauen) strömten daraufhin auf mein Instagram-Profil und beleidigten mich. Doch Frauenfeindlichkeit, auch wenn sie vermeintlich Satire sein soll, bleibt am Ende dennoch nichts anderes als Frauenfeindlichkeit.

Wenn Frauen im Netz Gewalt erfahren, ist diese fast immer sexistisch. In den Augen der Täter sind sie ständig "ungebumst" oder "untervögelt" und müssen mal wieder "anständig rangenommen werden, damit sie wieder klarkommen". Wenn sie nicht sexistisch beleidigt werden, dann für ihr Aussehen. "Hässlich (…), Gesichtsgrätsche, Rattenfresse". Das Ziel natürlich: Einschüchterung. Während der Shitstorm gegen mich tobte, musste ich parallel einen Podcast aufzeichnen, dessen Termin lange zuvor ausgemacht war. Das Thema: Cybermobbing. Was das für die Seele bedeutet, möchte ich hier nicht näher ausführen.

Ein Opfer häuslicher Gewalt

Zurück zu Petra. Mutter erzählt mir zum ersten Mal die ganze Geschichte über "Tante Kuckuck". Dass Petra immer mehr trank, so viel und oft, dass sich "der Lange" irgendwann getrennt habe. Die Kinder zogen früh aus und sie blieb eine Zeitlang allein, bevor sie schließlich verschwand. Es hieß nur, sie sei in eine andere Stadt gezogen.

Eines Tages, so Mutter, seien Ermittlungen eingeleitet worden. Die Kripo habe in einer Wohnung eine blutüberströmte Frau gefunden. Todesursache: mehrere Messerstiche in den Rücken. Die Tote: Petra. Fünf Jahre zuvor war sie noch einmal Mutter geworden. Oft habe es lauten Streit mit dem neuen Freund gegeben. Ihr kleiner Sohn habe alles mit ansehen müssen.

Mutter erzählt, alle, die sie kannten, haben nach dem Mord nur noch über die schreckliche Tat gesprochen, aber niemand mehr über Petra. Darüber, wer diese Frau war. Was für Träume sie hatte, welche Sorgen, was sie bewegte oder liebte. Sie war jetzt die Frau, die ermordet worden war, ein "Opfer häuslicher Gewalt". "Ach ja, die Petra. Die wurde doch so grausam von ihrem Freund erstochen."

Vielmehr aber war sie eine Mutter, Freundin, Tochter und die Frau, die, als ich ein Kind war, mit mir durch die ganze Wohnung tobte. Die Frau, die mich erst in ihre hohen Schuhe schlüpfen ließ und mich schließlich auf dem elterlichen Wohnzimmerteppich, der gleichzeitig der Laufsteg war, so lange durchkitzelte, bis wir beide umplumpsten. Die Frau, die mich ihre langen Locken flechten ließ und stets laut bis über die Dächer unseres Viertels lachte. Die Frau, die gern feierte und Sorgen meist mit sich selbst ausmachte. Mutter sagt, Petra sei wie ein Wirbelwind gewesen, bevor sie verschwand. In meinen Erinnerungen bleibt sie lebendig. Sie wurde 45 Jahre alt.

Quelle: ntv.de