Leben

Aus der Schmoll-Ecke Endlich benennt Berlin Straßen nach Säufern

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König statt Prinz - Berlin bekommt den Rio-Reiser-Platz.

(Foto: picture alliance/dpa)

Für Harald Juhnke fand sich niemand, der einen Platz oder eine Straße nach ihm benennen wollte. Rio Reiser hat es dagegen geschafft. Der gehörte aber auch zu den Guten.

Wunderbar! Haben Sie es auch gesehen, das Finale!? Großartig. Unsere Frauen. Und so viele. Alle mit guter Technik und Herz. Dieser Kampf bis zur letzten Frau. Da gerät man ins Schwärmen. Da wurde eine "ungeahnte Euphorie entfacht", wie es überall hieß ob der Sensation, die die Deutschen im Fernsehen bestaunen konnten, dass Frauen etwas können, was auch Männer können. Für mich der endgültige Beweis: Die Welt funktioniert auch ohne Männer. Das ist die eigentliche Botschaft der EM gewesen.

Was kümmern mich da Sieg oder Niederlage? Haben auch wir Herz und gönnen es dem Land des Fußballs, statt über die ukrainische Schiedsrichterin zu mosern und wie die eine Trainerin einen "kleinen bitteren Beigeschmack" zu beklagen, weil "ein möglicher Elfmeter und ein mögliches 1:0 das Spiel verändert hätten". Andere Möglichkeiten, denken wir an einen Blitzeinschlag im Wembley-Stadion oder einen Atomkrieg, hätten das Spiel womöglich auch verändert, womöglich zugunsten der deutschen Frauen. Möglicherweise wäre alles möglich gewesen.

Alte weiße Männer am rechten Spielfeldrand wittern glatt Betrug an deutschen Volkskörpern in Frauengestalt, weil DAS HANDSPIEL nicht während der Partie in TV-Wiederholungen gezeigt wurde, sondern erst danach. Absicht, rufen sie! Orwell lässt grüßen, stellen sie fest. Wozu haben wir denn den Videobeweis? Noch eine Frage: Warum wurden keine "Spielermänner" im Publikum gezeigt - das Pendant zu den "Spielerfrauen", für mich einer der dämlichsten Begriffe in der deutschen Sprache, mindestens so bescheuert wie "Ärztegattin". Frauen als bloße Anhängsel - reduziert auf den Beruf des Mannes - das erträgt ein Sehr-Gutmensch wie ich nicht.

Männerfußball und Geld

Was die Männer auf dem Feld treiben, sei schmutzig, da vom Geld verdorben, das Schaffen der Frauen dagegen edel und rein. Da sollten sich die Männer ein Beispiel nehmen, träumen alte Männer, die wollen, dass alles wieder so rein und gut wird wie früher, als die Welt noch in ihrer Ordnung war. Wieso sind Männer der Maßstab für Frauen? Haut denn Martha Argerich Grigori Sokolow nach einem Vorspiel auf die Schulter und sagt: "Gut gespielt"? Ist mir nicht bekannt. Ich finde beide klasse.

Ich bitte um Verzeihung für die erkennbare Stümperhaftigkeit, mit der ich zum Thema Musik übergeleitet habe. Mir fiel nichts Besseres ein. Der Heinrichplatz in Berlin-Kreuzberg wird nach Rio Reiser umbenannt. Seit dem 7. April 1849 trug er den Namen von Prinz Heinrich von Preußen. Wenn Linke "Preußen" hören, denken sie an Krieg und Kadavergehorsam. Also wird der Prinz gegen einen Sänger ausgetauscht, der davon träumte, "König von Deutschland" werden zu wollen. Hätte das Heino gesungen, wäre er bezichtig worden, ein Erzreaktionär zu sein.

Aber "der Rio" stand auf der richtigen Seite, wollte in die "USA reisen, Ronny (Reagan) mal wie Waldi in die Waden beißen", wäre er "Rio der Erste, Sissi die Zweite", was eine lustige Anspielung auf seine sexuelle Orientierung meinte. Andererseits sollten die Straßenumbenenner bedenken, dass "der Rio" Anspruch auf "200 Schlösser" erhob, was die Wohnungsnot nur verschärft hätte.

"König von Deutschland" kam 1986 raus und wurde ständig gespielt. In der Leipziger Punk- und New-Wave-Szene, in der ich mich damals tummelte, gehörte der Song zu den peinlichsten Lieblingsliedern. Ein Ohrwurm, trotzdem nicht mein Ding. Ich mochte - heute darf ich es zugeben - "Lass uns 'n Wunder sein" von Ton, Steine, Scherben von 1983, weil es so etwas wie eine ideale Liebesbeziehung wunderbar beschrieb. Rio Reisers Menschlichkeit hat bewegt, auch mich. Ehre, wem Ehre gebührt.

Noch ewig bis fifty-fifty

Und dennoch ist es bedauerlich, dass historische Straßenbezeichnungen verschwinden und wie in diesem Fall gegen den Namen eines Sängers ausgetauscht werden, den schon jetzt in der jüngeren Generation kaum jemand kennt. Seltsam ist, dass der seit Ewigkeiten von Grünen und Linke absolutistisch regierte Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg den Beschluss des Kommunalparlaments von 2005 ignoriert, Plätze und Straßen so lange nur noch nach Frauen zu benennen, bis es fifty-fifty steht. Das wird noch Jahrhunderte dauern.

Oliver Nöll, ein ziemlich alter weißer Mann und stellvertretender Bezirksbürgermeister von den Linken, bestand dem RBB zufolge auf die "Ausnahme", weil Rio Reiser "Verdienste um das linksalternative Bild von Friedrichshain-Kreuzberg" erworben habe und "bekennend schwul war zu einer Zeit, in der Homosexualität in Deutschland noch nicht so selbstverständlich war und damit vielen jungen Menschen das Selbstvertrauen gegeben hat, sich für ihre Rechte zu engagieren".

Eine politisch nicht korrekte Erklärung, das wird Ärger geben. Denn Homosexualität war auch schon damals eine absolute Selbstverständlichkeit, nur sich zu outen war alles andere als alltäglich, den irren Paragrafen 175 gab es ja noch. Abgesehen davon: Rio Reiser als Vorbild für die Jugend? Ein Typ, der heftig gesoffen und Drogen genommen hat? Ich weiß ja nicht. Und hat es echt keine Frau gegeben, die politisch korrekt war, prima singen konnte und gerne gebechert sowie gekifft hat?

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Man könnte nun endlich auch eine Berliner Straße nach Harald Juhnke benennen, wie Reiser ein Trinker, aber nicht so beliebt war bei fortschrittlichen Parteien, obwohl er sang: "Ich bleib euch ewig grün." Marc Schulte, nach wie vor Stadtrat in Charlottenburg-Wilmersdorf, wo der Entertainer zur Welt kam, sagte im März 2012 dem "Tagesspiegel", warum niemand eine Juhnke-Straße oder -Platz will: "Trotz aller Leistung wird er eben doch auch mit den negativen Folgen des Alkoholismus in Verbindung gebracht."

Vielleicht geht ja jetzt was und Berlin nennt seine Afrikanische Straße in Harald-Juhnke-Damm um. Denn soweit ich weiß, war Juhnke politisch korrekt, tolerant und kein Kolonialist.

Quelle: ntv.de

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