Leben

Mehr Hürden, mehr Sprengstoff Freundschaft von Frau und Mann ist möglich

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Die sexuelle Spannung funkt oft dazwischen.

(Foto: imago images / Panthermedia)

Können Männer und Frauen einfach nur befreundet sein? Es gibt wohl kaum eine Frage, über die so viel Uneinigkeit herrscht. Laut einer Beziehungsexpertin sind gemischtgeschlechtliche Freundschaften durchaus möglich.

Sind eine Frau und ein Mann lediglich gut befreundet, werden sie von anderen oft belächelt. Da läuft doch was, oder? Auch wenn die beiden noch so sehr beteuern, lediglich eine platonische Beziehung zu pflegen, ruft das bei außenstehenden Personen oft Skepsis hervor. Und die ist nicht ganz unberechtigt, denn nur allzu oft funkt die sexuelle Anspannung bei der Freundschaft zwischen beiden Geschlechtern dazwischen.

Das sehen auch viele Deutsche so, wie eine Umfrage des IfD Allensbach zeigt: Etwa 52 Prozent der Befragten sind sich sicher, dass eine solch platonische Verbindung auf Dauer nicht gut gehen wird. Gleichzeitig glauben aber auch 29 Prozent von ihnen an die Freundschaft zwischen Frau und Mann. Doch wer hat nun recht?

Nicht wenige Menschen stellen bei der objektiven Betrachtung ihrer Freundschaften fest, dass sie nicht nur Interessen und Lebensauffassungen mit ihren Freunden teilen, sondern auch das Geschlecht. Das ist kaum verwunderlich, denn Frauen und Männer haben jeweils unterschiedliche Ansprüche an Freundschaften. "Bei Frauen ist das wesentliche Kriterium für Freundschaften die emotionale Verbundenheit. Deswegen reden sie auch so gerne, weil es das einfachste Mittel ist, diese emotionale Nähe herzustellen", sagt die Psychologin und Beziehungsexpertin Felicitas Heyne im Gespräch mit ntv.de. Bei Männerfreundschaften spielen hingegen vor allem gemeinsame Aktivitäten die größte Rolle: "Da geht es eher darum, gemeinsame Interessen oder ein gemeinsames Hobby zu pflegen", so Heyne weiter.

Sexuelle Spannung möglich

Eine gemischtgeschlechtliche Freundschaft hat laut der Psychologin jedoch auch Vorteile: "Männer und Frauen schauen in vielen Bereichen unterschiedlich auf das Leben. Da ist es interessant, eine andere Perspektive zu kriegen", sagt sie. Männer finden in einer Freundschaft mit einer Frau oft einen emotionalen Anker. Bei der besten Freundin kann man schließlich auch mal das Herz ausschütten, während es unter Männern eher rau zugeht und oftmals Konkurrenzdenken sowie Status eine Rolle spielen. Frauen empfinden eine Freundschaft mit einem Mann häufig als unkomplizierter, da Männer in ihrer Kommunikation viel direkter sind.

Auch wenn eine reine Freundschaft zwischen Mann und Frau durchaus vorteilhaft sein kann, scheitert sie oft in der Praxis. Der Grund dafür ist die gegenseitige sexuelle Anziehung, denn jede Person des anderen Geschlechts ist prinzipiell ein potenzieller Fortpflanzungspartner. Diese Tatsache macht solche Freundschaften oft schwierig: "Es gibt mehr Sprengstoff, über den man stolpern kann, und im Zweifelsfall muss man die Grenzen immer wieder neu definieren. Es ist machbar, aber mehr Arbeit", sagt Heyne. Immerhin hat eine Befragung von 88 gemischtgeschlechtlichen Freunden gezeigt, dass ein Drittel es als belastend empfindet, wenn sie sich zum anderen sexuell hingezogen fühlen. Auf Frauen traf das übrigens häufiger zu als auf Männer - und das, obwohl diese ihre platonische Freundin wesentlich öfter als sexuell anziehend beschrieben. "Frauen ziehen die Linie oft früher und klarer. Sie entscheiden schneller, ob jemand als potenzieller Partner infrage kommt oder nicht", sagt Heyne.

Günstig für die Freundschaft ist es, wenn man den Freund oder die Freundin schon seit dem Kindesalter kennt. Das gemeinsame Aufwachsen sorgt für besonders viel Vertrautheit und Intimität. Das wirkt sich eher hinderlich auf die sexuelle Anziehung aus, aber für eine Freundschaft ist das natürlich praktisch. Ebenso gut funktionieren Freundschaften, in denen sich beide Beteiligten in einer glücklichen Beziehung befinden. Wenn einer von beiden Single ist, kann das schon wieder zu einem gefährlichen Ungleichgewicht führen. Häufig ist der Partner der vergebenen Person nämlich eifersüchtig auf den platonischen Freund.

Freundschaft plus hat Tücken

Sind beide Single, kommt es in nicht wenigen Fällen früher oder später doch zu Zärtlichkeiten oder sogar Sex. Laut der Beziehungsexpertin hängt das Fortbestehen der Freundschaft dann vor allem davon ab, wie die Beteiligten dieses Erlebnis im Nachhinein bewerten. "Wenn sich beide darüber einig sind, dass das eine schlechte Idee war und es schade wäre, die Freundschaft zu begraben, kann man relativ unproblematisch zum Status Quo zurückkehren", sagt sie. In allen anderen Fällen rät Heyne erst einmal zu ein wenig Abstand, um sich darüber klar zu werden, was man eigentlich vom anderen erwartet. Manchmal scheint die sogenannte "Freundschaft plus" eine hervorragende Möglichkeit, die Freundschaft aufrechtzuerhalten und dennoch die sexuelle Anspannung nicht als belastend zu empfinden. Diese Konstellation wird vor allem von Männern gern gewählt. Langfristig funktioniert eine solche Verbindung jedoch laut Heyne nicht: "Das ist ein Spiel mit dem Feuer", warnt sie. Unrecht hat sie damit nicht, denn nur allzu oft verliebt sich einer von beiden.

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Wer sich verliebt hat, sollte laut Heyne die Karten offen auf den Tisch legen und das Risiko einer Ablehnung eingehen: "In dem Moment, wo man sich verliebt hat, hat die Freundschaft das Unproblematische sowieso schon verloren", erklärt sie und ergänzt: "Von daher steht nicht mehr so viel auf dem Spiel". Das gilt ebenso für unglücklich Verliebte in einer Freundschaft-plus-Verbindung.

Manchmal fällt es jedoch enorm schwer, dem langjährigen Freund die Gefühle zu gestehen. Schließlich möchte man den anderen auf keinen Fall komplett verlieren. Wer nicht sofort mit der Tür ins Haus fallen will, kann das Ganze auch etwas subtiler angehen. Die Psychologin rät dazu, eine romantische Situation zu schaffen (zum Beispiel den Freund zum Candle-Light-Dinner einladen). Wenn dann beim Gegenüber nichts passiert, kann man fast schon davon ausgehen, dass da wirklich keine anderen Absichten als freundschaftliche Gefühle beim Gegenüber im Spiel sind. "In 90 Prozent der Fälle, in denen Menschen sich unsicher sind, ob der andere auf sie steht, lautet die Antwort nein, aber viele wollen das nicht wahrhaben und eiern deswegen herum", sagt sie.

Quelle: ntv.de