Leben

Neue Rollen sind unbequem Was will der Mann?

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Was ist männlich? Darauf darf inzwischen jeder seine eigene Antwort finden.

(Foto: imago images / Panthermedia)

Beim Thema Gleichberechtigung schauen alle auf die Frauen. Dabei besteht bei den Männern dringender Handlungsbedarf. Sie sind immer öfter ratlos, verzweifelt und oft auch wütend. Auf dem Weg zu einem modernen Männerverständnis sind sie gerade auf unbekanntem Terrain unterwegs.

Richard Schneebauer nennt sich selbst "Männerkenner". Es ist sein Markenzeichen als Trainer und Vortragsredner. Es ist aber auch die Zusammenfassung seiner Erfahrungen nach 20 Jahren und Tausenden Beratungsgesprächen mit Männern. "Zu mir in die Männerberatung kommen immer mehr Männer, immer früher", erzählt Schneebauer ntv.de. "Das bedeutet, dass sowohl die Bereitschaft zunimmt, sich beraten zu lassen, als auch der Druck."

Nach Jahrzehnten, in denen die Emanzipation der Frauen im Mittelpunkt stand, rücken nun die Männer in den Fokus. Die Trendforscher des Frankfurter Zukunftsinstituts kamen schon vor fünf Jahren zu dem Schluss, dass sich erstmals die Männer den Frauen anpassen müssen, um soziokulturell mithalten zu können. Bisher sei das immer umkehrt gewesen.

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Schneebauer nennt diesen Zustand den "Zwiespalt zwischen den Männern und der modernen Frau". Gerade erschien sein Buch "Männerherz", in dem er sich der ratlosen, verzweifelten und oft auch wütenden Seite der Männer von heute zuwendet. Die Grundidee des studierten Soziologen ist, dass es Zeit wird, dass die Männer ihr Schicksal wieder in die eigenen Hände nehmen. Er höre oft die Frage, ob Männer im Zuge der Emanzipationsbewegung der Frauen übersehen wurden, erzählt Schneebauer. "Ich antworte dann immer, sie haben sich selber übersehen."

Passives Opfer?

Denn auch diese Sichtweise mache schon das Grundproblem vieler Männer deutlich: Die meisten Männer wollen über ihre Frauen oder Kinder, die Arbeit und das Geld, das sie dabei verdienen, glücklich werden. Daraus entstehen tiefe Widersprüche, die der Männerkenner am Beispiel erläutert. "Viele Männer wollen Frauen immer noch verstehen, damit sie sie dann reparieren und der Held sein können. Gefühlt wollen Männer etwas für die Frau tun, damit es ihr gut geht, damit es dann ihm gut geht." Das äußere sich unter anderem in sehr langen Arbeitszeiten.

"Die Frau denkt, der Mann ist sowieso nie zu Hause und arbeitet immer nur. Der Mann denkt aber, er tut das nur für die Frau und die Familie, damit sie es gut haben." Für Schneebauer ist das eine typische passive Opferkonstruktion, denn natürlich arbeite der Mann auch für Geld, Anerkennung oder auch einfach, weil es ihm Spaß macht.

Die wenigsten Männer machen sich diese inneren Themen jedoch klar. Denn die Frage "Was will ich eigentlich?" in all ihren verschiedenen Betonungen ist alles andere als angenehm zu stellen und noch schwerer zu beantworten. Was bringe ich mit? Was erwarte ich? Wie viel Nähe brauche ich, wie viel Distanz? Bis hin zu: Will ich mit diesem Partner überhaupt zusammen sein oder nicht? Der Männertherapeut Schneebauer ist überzeugt, dass sich im Geschlechtergefüge inzwischen so viel verändert hat, dass alle etwas neu lernen müssen. "Das gilt für Frauen und Männer und wird wahrscheinlich auch ein Dauerbrenner." Die alte Regel "Happy wife, happy life" funktioniere einfach nicht mehr.

Trennung als Katalysator

Bei den meisten Männern, die in Schneebauers Beratung kommen, geht es um ihre Beziehung. "Der Klassiker ist: Bis gestern hat es noch gepasst, heute verlässt sie mich." Doch das sei eben nur die halbe Wahrheit. Denn nach zwei Stunden erzähle der gleiche Mann, "dass er schon vor fünf Jahren gedacht hat, ob er seine Frau überhaupt noch mag". Trotzdem sind es überwiegend die Frauen, die mit der Trennung oder Scheidung schließlich den Schlussstrich ziehen.

Seit Schneebauer selbst eine Trennung durchgemacht hat, fühlt er sich seinen Gesprächspartnern noch näher. "Ich habe viele Gespräche mit Männern hinter der Fassade geführt, und der große Vorteil ist, dass ich weiß, das ist nicht angenehm." Er selbst hat in der Trennungszeit und danach seine Freundschaften intensiviert und in einer Band musiziert. "Das ist ein Freund-Hobby-Projekt, wo wir mindestens so viel reden wie musizieren", erzählt er. In seinen Gesprächen höre er aber oft, dass viele Männer gar keinen guten Freund haben, mit dem sie in dieser emotionalen Ausnahmesituation offen sprechen können.

Das mache Männer abhängig von Frauen. "Wenn da die emotionale Versorgungsleitung nicht steht, dann wird es für viele Männer eng." Sie werden von ihren eigenen Gefühlen überwältigt und stehen ihnen hilflos gegenüber, oft reagieren Männer dann mit Depression oder Aggression. Die Auseinandersetzung damit ist jedoch auch die Chance zur Veränderung. "Wenn man durch eine schwere Zeit geht, bekommt das einen anderen Tiefgang", sagt Schneebauer seinen Klienten. "Alle müssen lernen, gut für sich zu sorgen, um etwas zu haben, das sie in die Partnerschaft geben können. Das Thema ist einfach Selbstliebe."

Oft wird behauptet, Männer sollten nun wohl die besseren Frauen werden. Manche versuchen, den Veränderungen mit einer besonderen Betonung von traditioneller Männlichkeit zu begegnen. Toni Tholen, der an der Universität Hildesheim zu Männlichkeit forscht, glaubt nicht an diesen rückwärtsgewandten Weg. Er hofft, dass noch mehr alternative Geschlechtervorstellungen entwickelt werden, die "herrschafts- und gewaltfreier sind".

Denn auch Männer stehen inzwischen vor zahlreichen gesellschaftlichen Erwartungen. Früher durften Väter nicht bei der Geburt dabei sein. "Heute müssen sie dabei sein und trauen sich nicht zu sagen, ich möchte das nicht." Keineswegs jeder Mann will unbedingt Familienvater und Ehemann sein. "Dann soll er das doch einfach nicht machen. Er soll aber nicht so tun, als wäre es anders", versucht Schneebauer Wege zu zeigen. "Wenn ich aber sage, Frau und Kinder sind das Wichtigste, muss ich danach handeln und zum Chef gehen und sagen, heute muss ich pünktlich weg."

Das Männerbild ist inzwischen deutlich vielfältiger geworden. "Du kannst ein erfolgreicher Manager und ein mitfühlender Familienvater sein und du kannst in beidem Seiten haben, wo es nicht so gut läuft. Das ist auch okay." Vielleicht hilft dabei die Erkenntnis, dass Frauen schon lange mit genau diesen Fragen kämpfen und versuchen, Kompromisse zu finden. Schneebauer hält es für richtig, "dass die Männer verunsichert werden". Nur dadurch werde es gelingen, wieder festen Boden unter den Füßen bekommen. "Dazwischen wackelt es halt."

Quelle: ntv.de