Leben

In Vino Verena Für "Schönheit" gibt's mehr Likes

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Foto-App-Wahnsinn: Wenn normale Körper nicht genug sind.

Lange Beine, große Brüste, Schmollmund: Social Media ist voll von schönen Frauen. Foto-Apps suggerieren: Auch du bist nur einen Klick von der Perfektion entfernt. Unsere Kolumnistin über Body Positivity und den Druck vieler Frauen, schön sein zu müssen.

"Sag mal, findest du deine Lippen wirklich schön so?", fragt Ikke Hüftgold Emmy Russ, die junge, sehr klischeehafte Provokateurin der diesjährigen TV-Trash-Ausgabe von "Promi Big Brother". Der Ballermann-Sänger findet, ihre optimierten Lippen sähen eher "entzündet" und "geschwollen" aus. Jetzt kann man von dieser Emmy natürlich halten, was man möchte, denn das Problem ist nicht eine junge Frau, die meint, sich mit 21 Jahren die Lippen und die Brüste aufblasen zu lassen, sondern unsere Gesellschaft, in der Frauen immer wieder suggeriert wird, sie seien so, wie sie sind, nicht gut genug.

Manchmal fühle ich mich schon wie so eine alte Grantlerin, weil ich die Welt oft nicht mehr verstehe. Ich überlege dann, dass ich mich im Grunde zu den beiden Opis Waldorf und Statler aus der "Muppet Show" gesellen könnte; am besten in deren Mitte, wo wir, auf ein bequemes Kissen gelehnt, den lieben langen Tag aus dem Fenster schauen und zum Weltgeschehen unseren Senf abgeben. Ob das jemanden interessiert - uns doch egal!

Es sind diese verloren gegangenen Aha-Effekte, die mich wurmen - vor allem, was den Feminismus betrifft. Nach so vielen Debatten und langen Grabenkämpfen habe ich gedacht, wow, die Frauen haben viel erreicht. Sie haben endlich den Mund aufgemacht und sich gewehrt gegen Sexismus, zotige Altherrenwitze und alte Schmierlappen, die an einem Frauenbild der Fünfzigerjahre festhalten wollen und nach wie vor der Meinung sind, die Frauen sollten sich jetzt wieder mental sammeln und bitte zur Ruhe kommen.

Dann melde dich bei Social Media ab!

Auf meinen Social-Media-Kanälen folge ich Frauen, die ich bewundere. Für ihren Mut, für ihren Kampf gegen den Selbstoptimierungswahn und dafür, dass sie laut sind. Und vielleicht bin ich ja auch nur technikblöd, denn dem Algorithmus von Instagram & Co. ist es scheinbar wurscht, welche feministischen Leitbilder ich favorisiere. Ständig werden mir irgendwelche Selbstoptimierungs-Apps vorgeschlagen. Ist das ein Zufall?

Nach ein paar Recherchen stelle ich fest: Diese komplett wahnsinnige Foto-App-Werbung mit der Möglichkeit, sich nicht nur einen Pickel wegzuretuschieren, sondern sein Äußeres komplett zu verändern, erhalten viele Frauen. Tausende und Abertausende. Diese Apps werden sogar von Frauen-Seiten empfohlen. Jetzt sind wir uns bestimmt schnell darüber einig, dass man sagen kann: Dann klick doch den Scheiß einfach weg oder melde dich bei Social Media ab. Aber empfehlen Sie mal einer Zwanzigjährigen, sie solle ihren Instagram-Account löschen!

Ich habe nichts gegen Selbstoptimierung und ein bisschen Schummelei, wirklich nicht. Jeder schummelt. Der eine mehr, der andere weniger. Online wie im echten Leben. Ich trage zum Beispiel - Himmel Herrgott, ich glaube gerade nicht, dass ich Ihnen das wirklich verrate, - oft solche Bauchweg-Schlüppis. Einfach, weil ich denke, ach, in 50 Jahren bist du eh tot, du solltest heute Abend nicht auf diese leckere Pizza verzichten, wenn du danach in so eine hammermäßig heiße Buxe schlüpfen kannst.

Waldorf, sag doch bitte was!

Vielleicht bin ich nicht das beste Vorbild für Body Positivity - jene weltweite Bewegung, deren Ziel es ist, Frauen zu bestärken, ihre Körper so zu akzeptieren, wie sie sind. Erst recht, wenn sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. Überhaupt: Wer definiert eigentlich, was schön ist? Die Kardashians? Reiche Damen, die Hunderttausende Dollar ausgeben für (chirurgische) Eingriffe und jedes Jahr anders aussehen? Mit noch voluminöseren Lippen, noch größeren Brüsten?

Von mir aus kann man sich auch den Ausschnitt mit den Bojen der Lübecker Bucht ausstaffieren und sämtliche Kehrbesen dieser Welt klauen, weil man die falschen Wimpern jetzt noch länger, noch dichter trägt. Es gibt Leute, die mir sagen, ach, Verena, du siehst das alles viel zu eng. "Es ist normal, sich heutzutage mit 18 die Lippen machen zu lassen." Allein das Wörtchen normal in diesem Zusammenhang zu benutzen - Waldorf, sag doch bitte was! Der neueste Schrei: Teufelslippen. Die Schnute wird dabei zackenförmig aufgeplustert.

Will die neue Generation nur noch schön sein?

Aber zurück zu diesen furchtbaren Foto-Apps und ihre schmierige Wanderung in die Gehirne: Frauen, die ihre Dehnungsstreifen, ihre Cellulite und Stoppeln an den Beinen posten, werden als "mutig" gefeiert. Ich lese Kommentare, in denen steht, diese Frauenbilder seien "befreiend für die Seele" und "ein Vorbild". Frauen schreiben, sie hätten sich vorher "im Leben nicht getraut, mit unrasierten Beinen in der U-Bahn zu sitzen", so manche wurden als "ekelig" beschimpft, weil sie ein paar Haare an den Beinen hatten.

Wenn ich derlei Kommentare lese, denke ich sorgenvoll: Hilfe, alles, was die Frauenbewegung erreicht hat, geht vor die Hunde! Will die neue Generation denn nur noch schön sein? So sehr diese Beschmu-Apps vorgaukeln, lediglich auf den Spaß-Faktor abzuzielen, so gefährlich sind sie auch. Es kann mir keiner erzählen, dass das Selbstwertgefühl junger Mädchen und Frauen nicht beeinflusst wird, wenn ihnen mit nur einem Klick gezeigt wird, wie viel "schöner" sie doch aussehen könnten, wenn ihre Beine einen Tick länger (oder kürzer), die Taille schmaler oder - bei Männern - der Bauch muskulöser wäre. Hach, dieses Social Media ist eine einzige "Muppet Show".

Waldorf und Statler sagen mir gerade, ich soll den letzten Satz zurücknehmen, sonst darf ich nicht mehr zwischen den beiden Grantlern auf ihrem Kissen lümmeln und meckern.

Quelle: ntv.de