Leben

In Vino Verena "Hilfe, dein Hintern ist einfach zu fett!"

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Unser Körper ist unser Zuhause.

Ob Body Positivity oder Body Neutrality: Frauenkörper werden noch immer als Objekte verstanden. Unsere Kolumnistin über "fette Hintern" und Komplimente und mit einem Mutmach-Appell an alle: "Keine Macht für Ärsche!"

Irgendwann, ich war 14, höchstens 15 Jahre alt, da besuchte ich mit meinen Freundinnen oft so eine Schüler-Dorfdisko. Natürlich nur wegen der guten Musik, wie wir uns selber vorgaukelten. In Wahrheit trieben sich in diesem piefigen Etablissement die für uns coolsten Jungs rum, die derbsten Depeche-Mode-Fans, für die wir schwärmten - "absolute Traumboys aus der Oberstufe", bei denen nur die schönsten Mädchen landeten.

Wie so oft saßen wir an jenem frühen Abend an einem klapprigen Bierzelttisch und gackerten verstohlen in unsere Brause-Gläser, als mich plötzlich einer dieser coolen Jungs tatsächlich zum Tanzen aufforderte und mir anschließend ein ganz tolles Kompliment machte. Er sagte: "Du bist echt süß!" Und nach einer Pause schob er nach: "Aber, Hilfe, dein Hintern ist einfach zu fett!" Dann kam der Vergleich mit dem Buslenker, der mich - das pubertierende, unsichere Mädchen, das ich war - glatt umhaute und mich fortan in eine Essstörung schlittern ließ, denn Kommentare wie diese hörte ich von Jungs jetzt öfter.

Von nun an band ich mir oft meine Strickjacke um die Hüften, was nicht nur aus heutiger Sicht bescheuert aussieht, mir aber ein Gefühl von Sicherheit gab. Überall prangten Plakate von Kate Moss und ich sportelte viel und aß nur noch Gurke. Doch der Hintern wollte einfach nicht weniger werden! Was folgte, war eine vorwurfsvolle Konsultation mit meiner Mutter, der ich ihre grottenschlechte Genetik an den Kopf warf: "Und wieso, bitteschön ...", echauffierte ich mich, "... habe ich nicht einfach Vaters Hintern geerbt?"

"Lass dir von einem Arsch nicht die Flügel stutzen!"

Beinahe vergnügt berichtete Mutter in ihrer unablässig pragmatischen Art, als sie mit mir schwanger gewesen sei, habe sie alle Schwangerschaftskleider immer verkehrt herum aufgetragen, weil ihre Kiste im Vergleich zum Bauch exorbitante Ausmaße angenommen habe. "Haha, nicht witzig!", pfefferte ich ihr entgegen.

Ich kam blöderweise überhaupt nicht auf die Idee, die vermeintliche Fettheit meines Hinterns zu hinterfragen. Auch nicht, als die Waage 48 Kilo anzeigte. Der Hintern schien genauso "fett" wie mit 65 Kilo. Alleine dieses F-Wort - ich hasste es viele Jahre. Bis zu jenem Tage, an dem ich auf die Lyrik von Hugo von Hofmannsthal stieß, wo es an einer Stelle heißt: "Wir sind nicht mehr als ein Taubenschlag."

Ich hatte wenig am Hut mit Gedicht-Interpretationen und Reimschema-Analysen in diesen Literatur-Seminaren, aber diese Metapher auf unser Selbst ließ mich nicht mehr los. Ich philosophierte lange mit meinem zu diesem Zeitpunkt schon sehr traurigen, depressiven Vater darüber. Er sagte, gemessen an der Zeit des Universums sei die Verweildauer eines Menschen auf der Erde nicht einmal ein Taubenschlag, sondern lediglich "ein Fliegenschiss" - "aber von einer Eintagsfliege". Und in seiner oft knallharten Ehrlichkeit: "Mein schönes Kind, in 70 Jahren biste tot, lass dir von einem Arsch nicht die Flügel stutzen, flattere so hoch hinaus, wie de kannst!"

Ich glaube, er meinte zwar mit dem "Arsch" ungehobelte Typen wie den aus der Disko, aber damals dachte ich, er sprach von meinem.

"Für Komplimente bedankt man sich"

Und so entwickelte ich langsam und mit der Zeit eine richtiggehende Arsch-Leck-Fett-Mentalität. Soll er doch dick und rund sein, dachte ich angriffslustig; mein Lebenshunger ist zu groß, um mich mit meinem vermeintlich zu fetten Hintern zu beschäftigen. Es ärgerte mich, wie viel Zeit ich diesem Hintern überhaupt eingeräumt hatte, in der ich sogar davon träumte, mich einfach unter unsere Brotmaschine zu legen und mir einen Teil des Schinkens wegzuschneiden.

Erst später fiel mir auf, dass Vaters Rat an mich im Grunde das erste Kompliment war, das er mir gemacht hatte, seit ich eine junge Frau geworden war. Vollkommen bekloppt jedoch war, wie ich generell auf Komplimente reagierte, obschon Großmutter mir früh beigebracht hatte: "Für Komplimente bedankt man sich." Stattdessen kicherte ich, lief rot an und unterstellte dem Komplimente-Macher Lügen. Ich dachte lange darüber nach, wie wenig Komplimente ich selbst anderen gemacht hatte - vornehmlich Frauen.

Wie oft stand ich in der U-Bahn und sah Frauen, die ich wunderschön fand. Zarte, kräftige, runde, große, kleine. Manchmal starrte ich sie einen Tick zu lange an und glaubte zu spüren, dass es ihnen vermutlich ähnlich erging wie mir: Wenn jemand guckt, hat das meist nichts Gutes zu bedeuten. Gehe selbstschützend in Angriffsmodus und frage, ob der- oder diejenige ein Passbild will. Damit mich diese Frage nie ereilen möge, schaute ich oft lieber zu Boden. Ich beschloss, mutiger zu werden, denn jedes ehrliche Kompliment gehört ausgesprochen!

Frauen sollten sich viel öfter untereinander Komplimente machen! Natürlich nur, wenn sie sie auch wirklich so meinen. Als ich zum ersten Mal all meinen Mut zusammennahm und einer fremden Frau, die - wie ich einst - die Jacke um die Hüften gebunden hatte, sagte, ich würde sie nur gerade so ankieken, weil ich sie einfach schön fände, strahlte sie übers ganze Gesicht. Dieses so verzückte Lächeln - ich habe es mitgenommen.

In diesem Sinne: für mehr aufrichtige Komplimente und weniger Gedanken um Schönheitsideale, für die sich so viele Frauen abmühen! Lasst uns weit nach oben flattern und unsere dicken, dünnen, delligen, vernarbten Körper für uns ein gutes Zuhause sein! Keine Macht für Ärsche!

Quelle: ntv.de