Liebe und Familie

In Vino Verena über Depressionen "Mit etwas Glück bin ich bald tot!"

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Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Depressionen.

(Foto: imago/blickwinkel)

Wenn ein Familienmitglied depressiv ist, leiden oft auch die Angehörigen. Unsere Kolumnistin über Hoffnungsschimmer, den Aufenthalt ihres Vaters in einer Psychiatrie und die Gleichgültigkeit, mit der sie dort konfrontiert worden ist.

"Jetzt ist Schluss, so geht das nicht weiter! Wir müssen was unternehmen", sagte ich zu meinem Vater, der im Wohnzimmer zwischen Bücherstapeln saß und dort im wahrsten Sinne des Wortes seit Jahren festgewachsen war. Mein Vater litt unter schweren Depressionen, jeder Tag war anders und es gab sehr viele sehr schlechte Tage, in denen die Hilflosigkeit die Familie halb ohnmächtig machte.

Vater mied Ärzte, er wollte sich weder reinreden noch helfen lassen, er wollte immer nur "seine Ruhe". Das Schicksal meines Vaters sorgte in mir von klein auf für einen emotionalen Ausnahmezustand, der mich, anders als ihn, umso lebenshungriger machte. Irgendwann, nach jahrelangen Versuchen, ihm zu helfen, haben wir uns mit Vaters Krankheit arrangiert und feierten die Momente, in denen er fröhlich war, doppelt und dreifach. Wie ein Schwamm saugten wir jedes Lachen und jeden seiner Witze auf, in der Hoffnung, der Glücksspeicher möge sich nicht so schnell erschöpfen wie beim letzten Mal.

"Das Leben kann so schön sein!"

An seinem 61. Geburtstag nervte ich meinen Vater mit einer meiner vielen oft blöden Fragen. Ich wollte wissen, was er sich wünscht, wenn er nur einen einzigen Wunsch frei hätte. Mein Vater sagte: "Bloß nicht 70 zu werden!" Und: "Mit etwas Glück bin ich bald tot." Er klang dabei voller Zuversicht. Lange wollte ich die Krankheit meines Vaters nicht akzeptieren und kämpfte mit naiven Mitteln dagegen an. "Mensch, das Leben kann so schön sein", sagte ich unbeholfen.

Aber für meinen Vater war das Leben nicht schön. Er war eine sehr lange Zeit sehr traurig. Wenn wir ihn doch mal zum Arzt bekamen, attestierte der ihm zusätzlich diese und jene Anpassungsstörung (F43.2), und verschrieb ihm alle möglichen Antidepressiva. Vater sagte, die Medikamente machten ihn "tattrig auf den Beinen und dusslig in der Birne".

Die vielen Versuche, an ihn heranzukommen - manchmal erreichte ihn einer. Mein Vater lächelte dann und sagte irgendwas Freches. Das tat er stets auf seine ganz eigene rotzig-witzige, ironische Art und alle lachten sich darüber kaputt. Auch Vater.

Eines Tages fuhr meine Mutter für zwei Wochen zur Kur und Vater blieb mit der Katze alleine zu Hause. Er schnauzte ein bisschen rum, von wegen wir bräuchten niemanden vorbeizuschicken, der ihm Essen brächte, er sei weder geistig verwirrt noch zu blöd, sich eine Stulle zu schmieren. Wir sollten "nicht solches Tamtam machen". Und weil er seit Längerem eine gute Phase hatte, dachten wir, es würde schon alles gutgehen, er käme allein zurecht.

Aber er kam nicht zurecht.

Ich rief ihn jeden zweiten Tag an. Manchmal war er gut drauf und veräppelte mich, dann wieder war er maulfaul, irgendwann nahm er den Hörer nicht mehr ab. Also fuhr ich sofort in die alte Heimat, wo ich meinen Vater in einem Zustand vorfand, dessen Anblick ich nicht fähig bin, in Worte zu fassen.

Stationärer Aufenthalt in der Psychiatrie

"Jetzt ist Schluss, so geht das nicht weiter! Wir müssen was unternehmen!", flennte ich drauf los und versuchte ihn in die Badewanne zu hieven. Der Körper meines Vaters war in der Wanne, mein Vater selbst aber war an einem Ort, an dem man nicht zu ihm durchdringen konnte.

Wir vereinbarten einen Termin mit dem sozialpsychiatrischen Dienst und einem Arzt. Kurz darauf begab sich mein Vater zur Aufnahme für einen sechswöchigen, stationären Aufenthalt in die Psychiatrie. Der Familie fiel ein Stein vom Herzen. Die werden ihm helfen, die kennen sich mit depressiven Menschen aus. Unsere Hoffnung, sie wurde jäh enttäuscht und mein Vertrauen in unser Gesundheitssystem zutiefst erschüttert.

Unlängst sorgten Recherchen des Investigativ-Journalisten Günter Wallraff für ein großes Medienecho. Er hatte mit einem Team verdeckt die Versorgung psychiatrischer Patienten stichprobenartig untersucht. Es waren erschreckende Bilder, die unhaltbare Zustände auf psychiatrischen Stationen zeigten: fixierte Patienten auf den Gängen, überfordertes Pflegepersonal, Gleichgültigkeit, Hygienemängel, viel zu wenig Ärzte. Ein Dilemma, das seit Jahren besteht.

Der Gesundheitsökonom Professor Thomas Busse von der Frankfurt University of Applied Sciences sagte zu diesen Recherchen: "Nach wie vor erscheint es unglaublich, wie wir in einem hochzivilisierten Land mit unseren Patientinnen und Patienten umgehen, gerade wenn diese keine Lobby haben."

Die psychiatrische Station, auf der mein Vater landete, hat ihm weder geholfen noch gutgetan. Wenn ich heute darüber nachdenke, fühle ich mich schuldig, ihm gut zugeredet zu haben, sich einweisen zu lassen. Diese blauäugige, unbedarfte Naivität: Sie macht mich auch immer noch wütend.

Vater begab sich in diese Einrichtung für uns, nicht für sich. Wir besuchten ihn jeden Tag und mit jedem weiteren, an dem die Eindrücke wie ein einstürzendes Dach auf uns einschlugen, machte uns dieser Ort ratloser.

"Ich will heim!"

Mein Vater teilte sich ein Zimmer mit Peter. Peter war auf Drogenentzug, litt unter Psychosen und hörte Stimmen. Er redete und redete und das war manchmal lustig, weil Peter sich freute, wenn die Leute lachten, aber meistens war es für Vater belastend, besonders nachts. Die Station war ein Auffangbecken für Alkoholiker und Drogensüchtige, die dort auf Entzug oder zur Entgiftung waren, einige waren sehr aggressiv und brüllten. Es gab einen Aufenthaltsraum mit einem großen Esstisch, an dem wir jeden Tag zu den Besuchszeiten saßen. Meist schwiegen wir, zweimal aßen wir mit Peter und Vater Zitronenkuchen, während zwei Patienten vor dem Fernseher in Streit gerieten und sich gegenseitig Schläge androhten. In der TV-Ecke saßen immer etwa zehn, teils sehr junge Männer und sahen fern.

Die meiste Zeit haben wir mit Warten verbracht. Warten auf den Arzt, auf Antworten, darauf, dass sich überhaupt jemand meinen Vater länger als fünf Minuten anschaute oder mit uns sprach. In den sechs Wochen lernte ich zwei Pfleger kennen. Sie waren freundlich, wirkten aber immer gehetzt und wie unter Strom. Bald schon sagte Vater fast bettelnd: "Ich will heim!"

Mir fiel ein Patient auf, der immer, wenn wir Vater besuchten, mit eingenässten Hosen über den Flur schlurfte. Die Pfleger eilten an ihm vorbei, ohne Notiz von ihm zu nehmen. Er roch furchtbar. Mutter flüsterte: "Warum geben die ihm keine Vorlage oder eine Windel?" Einmal stand seine Zimmertür offen und ich warf einen Blick hinein. Seine Bettdecke war zurückgeschlagen, das Bettlaken war mit Urin-Flecken übersät. Auf dem Tisch stand noch das Abendessen vom Vortag.

Gruppentherapie: "Fernsehgucken alle Mann"

Wir haben mehrfach vergeblich das Gespräch zum behandelnden Arzt gesucht. Zweimal gelang es uns. Die Sprechstunde dauerte nicht länger als zehn Minuten, in denen er mehrfach auf seine Uhr schaute. Zudem sprach er nur gebrochen Deutsch und wir waren schnell beschämt, weil wir wegen der Sprachhürde ständig nachfragen mussten.

Rat und Nothilfe

  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222 oder 116-123, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111; Mo-Sa von 14 bis 20 Uhr)
  • Auf den Seiten der Deutschen Depressionshilfe sind Listen mit regionalen Krisendiensten und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige, um die Situation und die Versorgung Depressiver zu verbessern. Sie bieten Depressiven ein E-Mail-Beratung als Orientierungshilfe an.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

In seinem Entlassungsschein steht unter Therapien: Einzelgespräche, Gruppentherapie, Physiotherapie, Ergotherapie und Musikstunde. "Einzelgespräche? Gruppentherapie? Mit anderen Depressiven?", fragten wir Vater. Er antwortete: "Fernsehgucken alle Mann." Und Musikstunde? "Triangel schlagen."

Im psychopathologischen Befund heißt es: Patient wach, Stimmung indifferent, sozialer Rückzug, keine Fremdaggressivität, Verdacht auf schwere depressive Episode. Fehlende Wirkung der angeordneten Medikation, derzeitiges Antidepressivum bei Verträglichkeit aufdosieren. Patient wird auf eigenen Wunsch in die Häuslichkeit entlassen.

Die Negativerfahrung motivierte ihn und brachte kurzfristig Aufschwung, denn in die Psychiatrie, so Vater, wolle er unter keinen Umständen mehr. Viele Einrichtungen sind mit Sicherheit gut und haben Vorbildcharakter, doch die meiste Unterstützung, auch zu lernen, ohne Scham über Depressionen zu sprechen, fanden wir in der deutschen Depressionshilfe.

Am frühen Morgen eines schönen Augusttages fand mein Vater endlich seinen Frieden. Ich schloss seine Augen und gab ihm Küsse auf Stirn und Wange. Er wurde 65 Jahre alt. Es war ein gnädiger Tod.

Quelle: n-tv.de

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