Leben

Galerist mit Glück im Unglück "Ich habe so viel gearbeitet wie noch nie"

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Spiegel-Selfie im Atelier von Brigitte Kowanz. Die Arbeit "Relations" wird aktuell in der Galerie gezeigt.

(Foto: Max Goelitz)

Der Anfang ist die Hälfte des Ganzen, sagt ein Sprichwort. Was aber, wenn der Anfang im ersten Lockdown liegt? Wenn der Galerist allein mit der Kunst hinter verschlossenen Türen bleibt - kann so ein ausgebremster Start gelingen? Zumal der Betrieb in 14 Monaten mit Corona immer wieder lahmgelegt wurde. Verzweifelt man da als junger Unternehmer nicht doch irgendwann? "Einfach machen, denn am Ende kann man alle Dinge lösen. Oft ist es das größte Hemmnis, gar nicht anzufangen. Es wird mein Credo bleiben, Projekte einfach zu beginnen", sagt Max Goelitz. Der gebürtige Augsburger hat im April vor einem Jahr in München seine Galerieräume unweit der Oper eröffnet. Goelitz ist kein überpräsenter Systemsprenger. Er setzt in der sich gerade verändernden Kunstindustrie eher auf klassische Galeriearbeit. Der Erfolg gibt ihm jedoch recht: Im weltweiten Netz ist seine Galerie mit einem ausgefeilten Auftritt und allen Künstlerinnen und Künstlern, die er vertritt, Tag und Nacht erreichbar. Und da der 36-Jährige den mit 15.000 Euro dotierten "Digital Leaders Art Award" gewonnen hat, hat er mit dem Preisgeld ein Tool entwickelt, das Kunst aus seiner Galerie zu jedem virtuell nach Hause bringt. Jetzt ist SharedVision.art online - unkomplizierter Kunst-Genuss für alle in den eigenen vier Wänden und total Pandemie-konform. Über das geglückte Jahr als Chef der eigenen Galerie, Unsicherheiten und die neue Kunstwelt hat Max Goelitz mit ntv.de gesprochen.

ntv.de: Das erste Jahr ist geschafft, Gratulation. Wie war es im Rückblick?

Max Goelitz: Das Jahr unterscheidet sich komplett von dem, was ich bisher erlebt habe. Als selbstständiger Unternehmer trage ich Verantwortung für meine Künstler:innen und mein Team. Alle meine angelernten "Werkzeuge" mussten stetig erweitert werden. Ich hatte ständig mit den Unwägbarkeiten des Corona-Jahres zu kämpfen.

Was war die größte Unwägbarkeit?

Es gab eher immer wieder Nackenschläge gleicher Intensität, wie ständig neue Hygiene-Regelungen. Kein einziger Event hat ohne Restriktionen stattgefunden. Die letzte Ausstellung war nur zwei Wochen geöffnet, obwohl sie vier Monate lief. Zudem habe ich mich als Neugründer am Anfang im Stich gelassen gefühlt. Alle zu Beginn der Pandemie in Aussicht gestellten Förderungen waren von Vorjahresumsätzen abhängig, die ich als Neugründer nicht hatte. Es hat mich getroffen, am 2. April 2020 nicht starten zu können. Aber auch noch aus dem Raster der Hilfen rauszufallen, hat mir größte Sorgen gemacht.

Sie haben Kunstgeschichte und Kulturmanagement in Karlsruhe studiert, danach zehn Jahre für die Galerie "Häusler Contemporary" gearbeitet. Diese renommierte Galerie haben Sie unter eigenem Namen übernommen, weil sich die Häuslers nach 30 Jahren aus dem Geschäft zurückzogen. Wie war es, als Sie begriffen haben, dass es keine Eröffnung gibt?

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Bei der Eröffnung im April 2020 gab es "zwar einen knallenden Korken, aber auch einen Kloß im Hals", erinnert sich Max Goelitz.

(Foto: Fritz Beck)

Es gab zwar einen knallenden Korken, aber auch einen Kloß im Hals. Ich weiß nicht, ob es emotional danach noch eine Eskalationsstufe nach oben gab. Jahrelang habe ich darauf hingearbeitet, die Galerie zu übernehmen, die Räume für meine Eröffnung in kürzester Zeit umgebaut und eine aufwändige Ausstellung realisiert. Wir hatten alles geplant, was man in der alten Kunstwelt so gemacht hat - von der großen Party bis zum Galeriedinner, ein Eröffnungswochenende ...

... mit vielen Besuchern, die wegen des Lockdowns ausblieben.

Ja. In einer Krisensitzung mit meinem Team haben wir fast alles von unserer Liste gestrichen. Wir mussten radikal neu denken. Als Quintessenz kam heraus, dass wir nah an unseren Künstler:innen bleiben und eng mit Inhalten arbeiten. Bereits mit der ersten Ausstellung im April letzten Jahres haben wir alles, was eine Ausstellung ausmacht, genauso online gestellt. Jedes Kunstwerk wird gezeigt, gefilmt und mit einem Text beschrieben. Das ist nicht revolutionär, aber wir haben es in aller Konsequenz bis heute umgesetzt.

Ihre Galerie war von Beginn an digitalisiert und arbeitet hybrid. Andere Galerien brauchten Monate, bis sie online sichtbar wurden. Manche arbeiten heute noch daran.

Ich hatte großes Glück, zusammen mit einem dynamischen Team, mit Digital Natives, neu zu starten. Die Erwartung, die ich bei anderen in der digitalen Content-Vermittlung habe, muss ich natürlich als Erster selbst erfüllen. Die Idee, den digitalen Auftritt so professionell und ansprechend wie möglich zu gestalten, war schon vor Corona geboren und dank neuester IT-Struktur gut umsetzbar. Zudem war es die einzige Möglichkeit, auch international gesehen zu werden.

Messen, Biennalen werden weiterhin verschoben. Wie sieht die neue Kunstwelt aus?

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Aufbau von "poetics of reality (encoded)" - hier mit Kunst von Troika. Die Ausstellung ist derzeit in München zu sehen.

(Foto: Galerie max goelitz)

Alles was gut ist, um neue Kontakte zu machen, fiel plötzlich weg, bis heute. Die bestehende Galerie, die ich übernommen habe, war meine Basis, von der ich operieren musste. Eigentlich war ich es gewohnt viel zu reisen, durch die Pandemie habe ich München jedoch neu betrachten können. Die Zukunft sehe ich im klaren Bekenntnis zum Standort, bei geöffneter Tür mit vielleicht sogar größeren Räumen dahinter. Reisen und Messen werden irgendwann wieder normal. Das Digitale bleibt, wird ausgebaut, und ebenso unser Ansatz, international vernetzt zu arbeiten.

Neue Kunst zeigen Sie oft in Kombination mit etablierter Kunst, arbeiten mit internationalen Größen zusammen. Ist München ein guter Standort für junge Positionen?

Das Potenzial ist groß. Mir ist es wichtig, aufstrebende Positionen mit internationaler Relevanz nach München zu holen.

Warum?

Das Publikum ist interessiert und hohe Qualität gewohnt. Allerdings hat es sich in der Vergangenheit nicht auf München konzentriert. Durch die Pandemie traf man sich plötzlich nicht auf internationalen Großevents, sondern hier. Wir haben versucht, maximal aktiv zu sein. Im Rahmen der Möglichkeiten luden wir im kleinsten Format Besucher ein. Wir hatten als Start-up nichts, worauf wir uns ausruhen konnten.

Einen Teil des Galerieprogramms haben Sie übernommen ...

Das stimmt. Dennoch musste ich ein neues Profil entwickeln, aktiv bleiben, alle geplanten Ausstellungen durchziehen und konnte eben nichts absagen.

Wie sieht der Alltag in Wirklichkeit aus? Vernissagen, Dinnerpartys, internationale Kunstmessen - das klingt glamourös, ist momentan aber nicht machbar.

(lacht) In den letzten Monaten haben mich Leute tatsächlich gefragt, was ich den ganzen Tag mache, wenn ich doch in einer geschlossenen Galerie sitze. Dabei habe ich so viel gearbeitet wie noch nie. Für unsere Künstlerinnen und Künstler übernehmen wir ein ganzes Bündel an Aufgaben, damit sie frei arbeiten können. Das ist mit der Rolle eines Managers vergleichbar.

Oder der eines Agenten?

Ja, wir entwickeln Kunst-Karrieren. Galerien leisten einen Beitrag für die kulturelle Produktion, für ein Kunstsystem, das alle lieben. Alle gehen gerne ins Museum, schauen sich in Galerien kostenlos Kunst an. Am Ende sind wir Agenten aber die einzigen in dem gesamten Betrieb, die die Künstler:innen bezahlen. Der Kommerzialisierungsvorwurf, der uns gemacht wird, irritiert mich.

Die Galerie "Max Goelitz" hat einen Preis bekommen, den sie jetzt mit allen teilt ...

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Hier geht´s in die Welt von SharedVision.art. Damit kann sich jeder Kunst von Niko Abramidis&NE nach Haus holen.

(Foto: Alexander Rehn Designstudio)

Und zwar sehr gerne. Das Besondere bei SharedVision.art ist, dass sich jeder die Kunstwerke unseres Künstlers Niko Abramidis &NE virtuell nach Hause holen kann, aber sie existieren auch in Wirklichkeit. Man braucht keine spezielle App. Mit unserer Technologie kann sich jeder die Kunstwerke an die Wand setzen. Natürlich wollen wir mit Künstlern wie Abramidis auch eine neue Zielgruppe erreichen. So werden Kunstprojekte für Leute mit einer Affinität für die Themen unserer Zeit zugänglich.

Mit Max Goelitz sprach Juliane Rohr

SharedVision.art ist einfach anzuwenden und kann hier ausprobiert werden

Das analoge Gegenstück Vision HQ wird ab Mitte Mai in der Brienner Straße 12, 80333 München zu sehen sein, genauere Informationen werden zeitnah bei Max Goelitz veröffentlicht

Sehenswert ist auch die Ausstellung poetics of reality (encoded)/Brigitte Kowanz und Troika bei "Max Goelitz", Maximiliansstraße 35, Eingang Herzog-Rudolf-Straße, 80503 München. Zum online-viewing room geht es hier.

Quelle: ntv.de

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