Leben

Zwischen Gott und Geschäftsmann Johann König über das, was ein Galerist ist

b57339fad39f741850da04be74d1f91e-20-153285322.jpg

"Das soziale Kapital, das aufgebracht werden muss, um sich etwas kostenlos anzugucken, ist viel höher als wenn einer sagt, ich zahl' dir Geld - und danach bin ich dir nichts mehr schuldig." (Pierre Félix Bourdieu)

Man muss irre sein, hierzulande eine Galerie zu eröffnen, sagt er selbst, aber auch, dass es seiner Galerie den Umständen entsprechend gut geht. Johann König geht neue Wege, kooperiert ungewöhnlich und holt die Art Basel wieder nach Berlin zu sich.

Die letzte "Messe in St. Agnes" im Juni hat alle seine Erwartungen übertroffen - deswegen hat er sich entschieden, eine zweite Runde zu wagen: Johann König, Galerist. Der Mann scheint überall zu sein, mit neuen Ideen und Projekten, er brennt für das, was er macht. Der 39-Jährige ist eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Kunstbetrieb: Er spaltet Kenner - oder zumindest die, die sich dafür halten - von den Neugierigen, er lässt die Nörgler einfach weiter nörgeln, er zieht neues Publikum an, er sagt genau, was nicht geht für ihn. Er ist vernetzt, verdrahtet, on air, online, er klagt an - zum Beispiel den Fakt, dass Galerien weiterhin sterben, wenn die Politik nichts unternimmt. Er wollte eigentlich selbst Künstler werden, fand sich aber zu untalentiert. Er scheint nie zu schlafen. Er ist eine Mischung aus Popstar und Prediger, aus Gott und Geschäftsmann. Aber gleichzeitig traut man ihm zu, auch Ikea-Regale zusammenschrauben zu können. 2002 hat er Freibier ausgeschenkt zur Eröffnung seiner Galerie, 2020 nimmt er Eintritt von den Pilgern. Manchmal. Er ist stolz auf das, was er macht.

Was macht ein Galerist eigentlich?

Ein Galerist braucht Mut und Durchhaltevermögen. Ein Galerist braucht viel Idealismus. Er, und natürlich auch sie, die Galeristin, fördert und vertritt Künstler, vertraut in sie, geht in Vorleistung, investiert, bietet ihnen einen Raum. Galeristen sind überdies nicht nur das Bindeglied zwischen Kunst und Käufer, sondern vermitteln auch zwischen Künstlern, staatlichen Institutionen und Sammlern. Ihre einzige Einnahmequelle ist der Verkauf von Kunst. Oft erscheint Kunst uns sehr teuer. Aber der Galerist trägt auch das ganze Risiko eines wirtschaftlichen Unternehmens und erhält darüber hinaus weder Mitgliedsbeiträge noch Steuergelder. Der Galerist erhebt normalerweise, wie gesagt, keinen Eintritt. "Das wäre generell allerdings eine Überlegung wert", so König im Gespräch mit ntv.de und lacht.

imago0092057014h.jpg

Manchmal wird ihm selbst angst und bange – vor sich. Beziehungsweise vor der Vorstellung, noch einmal als Galerist starten zu müssen.

(Foto: imago images / Future Image)

Warum nicht? Er hat im Juni damit bereits gute Erfahrungen gemacht, fast 25.000 Euro Ticketeinnahmen sprechen eine eigene Sprache. Er wollte einfach, dass nur Leute kommen, die es wirklich interessiert, was er zeigt. Das Geld konnte er bereits in neue Projekte stecken. Eintritt zu nehmen verhindert seiner Meinung nach nämlich auch, dass eine Erwartungshaltung aufgebaut wird: "Man hat mir schon gesagt, dass es durchaus suspekt ist, dass man einfach so in eine Kunst-Galerie hineingehen kann. Man hätte sogar das Gefühl, unter Kaufzwang zu geraten." Das liegt ihm jedoch fern, auch wenn er gerne verkauft. 2,5 Millionen Umsatz hat er auf seiner Messe gemacht. König lacht, aber er meint es ernst: "Wir hatten bei der letzten Messe um die 4000 Besucher, und die Leute fühlten sich bei uns gut aufgehoben und nicht eingeschüchtert. Die Preise hängen direkt an den Kunstwerken, jeder kann gucken, ob das was für ihn wäre."

Kunst und Kapital

In der weitläufigen Galerie, die in einer schnörkellosen, alten Kirche untergebracht ist, und die König für Jahrzehnte gepachtet hat, laufen Menschen zwanglos herum, teilweise mit Kindern. Alle können miteinander ins Gespräch kommen - und tun es auch. Es ist wenig elitär, die Mitarbeiter sind ansprechbar. "Ich will niemanden catchen oder zwingen", sagt König. "Ins Kino geht ja auch niemand umsonst. Aber wir sind eben auch keine Sekte", sagt er und wirkt ganz unbekümmert, bevor er wieder ernst wird. "Kunst hat in der Corona-Zeit vielleicht einen neuen Stellenwert bekommen. Nicht nur, weil Kunst Menschen auf so vielfältige Art und Weise anspricht, beruhigt oder aufregt, sondern weil vielleicht endlich mal verstanden wurde, dass das ein großer, immer größer werdender Wirtschaftszweig ist", so König, der nicht nur ein Mann der Künste, sondern auch des Kapitals ist. Vielleicht versteht das ja der eine oder andere Politiker langsam und legt ihm und den Kollegen nicht weiterhin Steine in den Weg.

"Galerien ermöglichen Künstlern, Geld zu verdienen, das ist die eine Seite. Die andere Seite sind die Arbeitsplätze, die Galerien schaffen", betont König. 35 festangestellte Mitarbeiter hat er, seine Galerie vergibt zudem Aufträge an Unternehmen, Aufbauhelfer, Transportunternehmen, Versicherungen, Messen, Rahmenbauer, Restaurateure, Designer, Autoren, Grafiker. Obendrein muss eine Galerie Miete zahlen, Messen, Ausstellungskosten, Reisen, Dinner für Kuratoren und Sammler geben. Eine Menge Holz, oder? "Ja, aber wir haben sehr gut verkauft bei der letzten Messe, von Damian Hirst Edition bis zu Daniel Richter, aus allen Preis- und Altersgruppen. Und wir sind weiterhin in Verhandlungen. Ich kann nur sagen, dass ich sehr glücklich darüber bin, wie das gelaufen ist. "Vor allem auch deswegen, weil er viele Erkenntnisse gewonnen hat: "Ich muss noch besser kommunizieren, wie die Kunstwerke verkauft werden. Wenn man privat verkauft, fällt ja zum Beispiel gar keine Mehrwertsteuer an, das müssen wir noch deutlicher kennzeichnen."

König sucht immer nach kreativen Lösungen, die dennoch regelkonform sein müssen. Mit seiner "Messe in St. Agnes" hat er eine Alternative gegenüber Auktionshäusern oder auch den Messen, die gerade nicht stattfinden, geschaffen. Während seiner Veranstaltung sind keine Handyfotos erlaubt, das gibt ihm Sicherheit und den Werken einen geschützten Rahmen.

Warum Kunst kaufen?

imago0064481838h.jpg

Pilgerstätte für alle: St. Agnes in Berlin-Kreuzberg.

(Foto: imago/Mike Schmidt)

Es ist ganz sicher in vielerlei Hinsicht eine gute Idee, sich mit Kunst zu beschäftigen, und sie auch zu kaufen. "Weil das eine gute Geldanlage ist, vor allem, wenn der Künstler schon ein Standing hat. Kunst hat sich zu einer Klasse für sich entwickelt, und wenn man richtig agiert, kann man damit ein Vermögen aufbauen", weiß König. Aber man kann es auch erhalten: "Wenn man sich jetzt einen Neo Rauch kauft, ist die Wahrscheinlichkeit nicht so hoch, dass er in zehn Jahren drei Prozent weniger wert ist, aber wenn du das Geld einfach nur auf der Bank anlegst, kann du sicher davon ausgehen, dass es bald fünf Prozent weniger wert sein wird." So einfach? Eigentlich schon. "Kunst ist darüber hinaus, eine Geldanlage zu sein, etwas Schönes, etwas worüber man sich freut", sagt König. Denn in der Kunst spiegeln sich Emotion und Zeitgeist, aber auch Beständigkeit. "Das ist kein Widerspruch, sondern die nicht zu vernachlässigende Teilhabe an der Gesellschaft, die Kunst einem geben kann."

Seine Art, sowohl mit den Kunstinteressierten als auch mit den Künstlern umzugehen, gibt ihm Recht, denn wenn seine Künstler sich als so erfolgreich wie zum Beispiel Katharina Grosse entpuppen, dann bekommt er immer etwas zurück. "Sie hat sich hier und da schon für mich und meine Künstler eingesetzt, auch gegenüber Politikern mal was gesagt, das schätze ich sehr." Am Ende geht es aber immer um die Künstler und Künstlerinnen, nicht um den Galeristen. "Aber ohne uns geht es eben auch nicht", so König, lacht, zuckt mit den Schultern und wuselt weiter. Denn die nächste Messe in St. Agnes steht an, die Art Week und das Gallery Weekend werden viele Menschen nach Berlin spülen, die ausgehungert sind nach Kunst, da so vieles andere ja ausfällt.

Kunst ist demokratisch!

Johann König macht vieles anders als andere, er nennt sich selbst schonmal "größenwahnsinnig" oder "hyperaktiv" - macht er sich damit nicht gar mehr Feinde als Freunde? Er denke darüber nicht viel nach, verrät er ntv.de. "Ich bin sowie ich bin, jeder muss selbst wissen, wie er seine Künstler vertritt und wie er seine Projekte durchzieht. Ich werde wieder jungen Galeristen in meiner Galerie die Chance geben, sichtbar zu sein, ihre Sachen aufzuhängen, auch wenn es nicht sofort erfolgreich ist. Man muss da dran bleiben." Damit lotet König auch aus, was Galerie überhaupt noch sein kann; man spürt, dass für Johann König ein Leben mit Kunst sehr viel lebenswerter ist als ohne: "Man wird der Kunst oftmals nicht gerecht, am Ende ist Kunst sehr viel demokratischer als man denkt."

Er selbst zieht das beispielhaft durch: Seine Galerie gibt ein Magazin heraus, macht einen Podcast, hat einen Shop. Merchandising eben, wie nach jedem guten Konzert. Und er betont letztendlich noch einmal, was einen Galeristen ausmacht: "Wir verstehen uns als Kunstvermittler. Eine Galerie besteht aus mehreren Teilen. Eine Galerie ist aber vor allem Mittel zum Zweck", so König. "Und am Ende geht es nur darum, Kunst unter die Leute zu bringen."

Messe in St. Agnes, Public Days vom 12. - 20. September, 12-20 Uhr

Berlin Art Week vom 11. - 15. September

Gallery Weekend 11.- 13. September

Quelle: ntv.de