Leben

In Vino Verena Kinderfotos im Netz: "Kleine, süße Diva"

Screenshot eines von unzähligen Kinderaccounts.JPG

Ganz normale Kinderfotos im Internet.

Immer mehr Eltern verletzen die Persönlichkeitsrechte ihrer Kinder aufs Schärfste und stellen Fotos des Nachwuchses unreflektiert ins Internet. Unsere Kolumnistin über kleine Kinder, die sexy posen und Eltern, die Warnungen als Hysterie abtun.

Die Bildunterschrift lautet: "Mein süßes Babygirl macht Business". Auf dem Foto ist ein etwa vier Jahre altes Mädchen zu sehen, das wie ein Model vor einem Laptop posiert. Sie ist gekleidet wie eine Erwachsene, das Oberteil im Leopardenprint rutscht über ihre winzigen Kinderschultern. Die Mutter findet das "niedlich". Die Haare der Kleinen sind aufwendig hochgesteckt. Mal trägt sie Highheels, mal ein schwarzes Mieder. Ihre Beinchen glänzen oft, als wären sie extra für die Fotos eingeölt worden. Ich bin, Sie ahnen es bereits, auf einen der inzwischen unzähligen Instagram-Kinder-Accounts gestoßen.

Ich scrolle mich also durch den Feed. Er hat unheimlich viele Abonnenten - Hunderttausende. Zu sehen sind mehr als 600 Fotos eines kleinen Mädchens, meist eindeutig in aufreizenden Posen. Mal süß, mal "ganz erwachsen" in Leggins und mit bauchfreiem Shirt. Dann wieder trägt sie einen offenen Trenchcoat und ist darunter halbnackt. Es gibt Fotos, die sie im Bikini, in kurzen Röcken und als "kleine Diva" zeigen. "Sie sieht so unschuldig aus - wie eine Puppe!", schreibt ihre "stolze Mami" gern unter die Fotos. Manchmal stehen da aber auch Sätze wie: "Der härteste Teil der Posen ist, sie überhaupt dazu zu bringen", oder aber: "Okay, ich bin fertig gestylt, wohin gehen wir heute Nacht?"

Explizite Posen bei Kindern? Kein Problem!

Ich muss mich wirklich beherrschen, nicht ausfallend zu werden und "Mami" zu fragen, ob das letzte Gewitter ihr vielleicht das Hirn gegrillt hat. Für mich total irre: Die Plattform Instagram löscht rigoros Bilder von Frauen, auf denen ihre Brustwarzen zu sehen sind. Auch jene, die zur Aufklärung dienen. #freenipples kommen Instagram nicht in die Tüte, aber Accounts mit kleinen Kindern in expliziten Posen? Kein Problem! Wie mir geht es vielen anderen Kommentatoren: "Schämen Sie sich nicht, Ihre Tochter so zu sexualisieren?" Doch wie so oft werden kritische Kommentare entfernt. "Fze066" postet Herzchen. "Ich will auch so eine Süße", lautet ein anderer Kommentar. Mir wird immer übler.

Ich melde den Account. Tage später schaue ich nochmal nach und sehe, was passiert ist - gar nichts! Dies ist nicht nur mein eigener, subjektiver Eindruck, sondern auch die Meinung des Cyberkriminologen Thomas-Gabriel Rüdiger, der dem Bildungsmagazin "News4Teachers" sagte: "Das Thema gibt es nun schon seit Jahren, und ganz ehrlich: Es hat sich fast nichts geändert." Klar, es scheint auch reichlich naiv von mir, zu glauben, Instagram würde einschreiten und dem Ganzen einen Riegel vorschieben, schließlich gibt es auf der Plattform (und nicht nur dort) unzählige dieser Kinder-Accounts.

Was ich hingegen vollkommen legitim finde: Mutti und Papi sind am Strand und im Hintergrund tollt die kleine Annalena quietschvergnügt herum. Derlei Fotos des geliebten Nachwuchses meine ich nicht. Doch auch hier hofft man immer ein bisschen, dass Eltern ihren Grips eingeschaltet und vorher überlegt haben, ob es so gut ist, die süßen Urlaubsfotos vom nackten Dreijährigen mit Schippe und Buddeleimer öffentlich ins Netz zu stellen.

Das Fotoalbum ist nur noch selten privat

Das eigene Kind im Smartphone-Zeitalter ausgiebig zu fotografieren ist normal: die ersten Schritte, der erste Haarschnitt, bei dem die Kleinen oft weinen und getröstet werden müssen, die ersten ausgepusteten Kerzen auf der Geburtstagstorte. Wir können jeden Moment für die Ewigkeit festhalten. Dieser Zauber, die kleinen Hände, das laute Kinderlachen: Wir müssen nur den Auslöser drücken.

Eltern sind - mit Recht - stolz auf ihre Kinder, aber das Fotoalbum ist in der heutigen Zeit nur noch selten privat. Kinderbilder im Netz sind gang und gäbe und ein kontrovers diskutiertes Thema. Und natürlich kommt es auch immer auf die Art der Fotos an. Ich sehe Kinder als Titelbilder auf Facebook, Kinder auf dem Töpfchen, weil das ja sooo süß ist, wie Malte mit seinen großen, blauen Kulleraugen schmollt. Mein Kind ist ja nicht nackt, verteidigen sich Eltern, die Bilder ihrer Sprösslinge im Urlaub posten. Elternstolz, ich verstehe das - wirklich! Die ganze Welt soll sehen, was man für einen fabelhaften Nachwuchs zustande gebracht hat. Sehet, meine wunderschönen Kinder!

Doch werden die Mädchen und Jungen gefragt, ob es ihnen recht ist, im Netz von Tausenden Fremden angeschaut zu werden? Natürlich nicht, sie sind ja noch zu klein, um eine eigene Meinung zu haben. Und sowieso denken sich viele dieser Eltern: Ich entscheide, was gut für mein Kind ist. In der Regel wird das Recht am eigenen Bild bei Kindern von den Eltern ausgeübt.

"Du warnst nicht, du dramatisiert!"

Mit einer guten Bekannten und Mutter, die ständig Fotos ihrer kleinen Tochter ins Netz stellt, hatte ich mich kürzlich in den Haaren. Ich fragte sie, ob sie denn nie darüber nachdenke, wer sich alles die Fotos ihres Kindes anschaut und berichtete ihr unter anderem von den Warnungen des Cyberkriminologen, aber auch von Chatverläufen zwischen Pädophilen, die sich gegenseitig Links zu Kinder-Accounts schicken, deren Bilder kopieren und Gleichgesinnten im Netz anbieten. Sie sagte, ich würde "zu viele schlechte Krimis gucken" und "maßlos übertreiben". Die Gefahr, ihrer Tochter mit den Fotos eine digitale Identität zu geben, ehe diese sich selbst dazu entschließt und entscheidet, wie sie im Netz gesehen werden will, wiegelte sie rigoros ab: "Du warnst nicht, du klingst hysterisch und dramatisierst!" Okay, dann dramatisiere ich eben.

Seit Jahren gibt es Kampagnen, die auf das Thema aufmerksam machen, darunter beispielsweise die des Deutschen Kinderhilfswerks #ErstDenkenDannPosten. Man versucht immer wieder zu sensibilisieren und jenen Kindern eine Stimme zu geben, die von ihren Eltern offenbar auf "Mute" gestellt worden sind. Zuletzt machten Oliver Pocher und seine Frau Amira auf dieses Thema aufmerksam. Man muss Pocher weder fetzig finden noch mögen, aber es läuft einem eiskalt den Rücken runter, wenn man darüber nachdenkt, dass laut einer US-Studie inzwischen mehr als 90 Prozent aller Zweijährigen im Netz präsent sind.

Perverse Seite der sozialen Medien

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Natürlich landet nicht jedes Foto des geliebten Nachwuchses gleich auf Seiten, die sich Pädophile anschauen. Aber seien Sie gewiss, es sind sehr, sehr viele. Ich schaue mir Hunderte Storys von Eltern an, die ihre Kinder "nicht verstecken wollen". Warum auch? Doch es ist ein himmelweiter Unterschied, ob der Sohnemann mal eben durchs Bild tapst und "Mami" ruft oder ob Mami mit Malte ein Geschäftsmodell und einen Account am Start hat.

Dieser Drang, über die eigenen Kinder Aufmerksamkeit und Likes zu generieren, ist nicht nur eine perverse Seite der sozialen Medien, es ist ein Sumpf, der sich an den Kleinsten und Unschuldigsten unserer Gesellschaft nährt. Ich würde jetzt zu gern so etwas Naives schreiben wie: Lasst ihn uns ganz schnell austrocknen! Aber manchmal können auch die kleinen Dinge, wie etwas mehr Sensibilität und Aufmerksamkeit diesem Thema gegenüber, ein Umdenken einleiten.

Quelle: ntv.de