Leben

Männer? Die Kolumne. Let's talk about Sex, Baby

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Wer so einen Blick von seiner (Sex-)Partnerin erntet, wenn's mal nicht klappt, darf berechtigte Zweifel daran haben, ob diese Beziehung wirklich für die Ewigkeit gemacht ist.

(Foto: imago images / Panthermedia)

Performance und Sex sind zwei Wörter, die nicht zusammengehören, es im Fall der Sexualität von Männern aber leider immer noch tun. Auch unser Autor kann ein Lied vom selbstgemachten Leistungsdruck singen - und freut sich heute über eine erstaunliche Entdeckung.

Männer sind einfach gestrickt: Sie wollen, und zwar immer. Was sie wollen, habe ich bewusst offengelassen, aber ich gehe jede Wette ein, dass so gut wie niemand den Satz mit "kicken", "kochen" oder "kuscheln" vervollständigt hat - sondern mit einem der vielen Synonyme für "vögeln". Kein Wunder, schließlich ist der Mythos vom immergeilen Mann einer, auf den man sich geschlechter- und schichtenübergreifend einigen kann wie bei kaum einem anderen Thema. Er ist aber eben auch genau das: ein Mythos. Und zwar einer, ohne den wir alle besser leben würden - Männer wie Frauen gleichermaßen.

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"Männer bekommen, was Frauen und Sex betrifft, eine simple Botschaft mit auf den Weg", schreibt der Männlichkeitsforscher Jens van Tricht in seinem Buch "Warum Feminismus gut für Männer ist" und bringt die Ausgangslage in wenigen Sätzen auf den Punkt: "Wenn du mit einer Frau zusammen bist, musst du immer Lust haben. Wenn du Lust auf Sex hast, musst du immer einen Steifen bekommen. Wenn du einen Steifen hast, muss immer penetriert werden." Das ist, grob zusammengefasst, genau das, was ich als Heranwachsender auch mit auf den Weg bekommen habe - und zwar weniger durch mein Elternhaus als vielmehr durch die schiere Masse an äußeren Eindrücken, die auf jeden von uns einprasseln und die eine Meinung festigen, die schon in der Pubertät fest zementiert ist: Nur wer immer Sex will, ist ein echter Kerl - James Bond, smarte Typen aus der Werbung und jeder x-beliebige Pornostar machen es schließlich vor.

Ich fand das schon immer schwierig, weil ich mir insgeheim schon bei meinen ersten Erfahrungen mit Frauen eingestehen musste, dass ich mitnichten ständig Lust auf Sex habe. Ganz im Gegenteil, Lust war für mich zu Beginn eine ziemlich mysteriöse Sache: Ich verstand nicht genau, warum ich manchmal genauso am Start war, wie ich mir das in meinen pubertären pornogefärbten Fantasien ausgemalt hatte - viel öfter aber aus Angst um meine Standhaftigkeit ins Schwitzen geriet oder mir gleich abstruse Ausflüchte einfallen ließ, warum es einfach nicht klappen wollte. Dass Kondome ganz allgemein als Lustkiller akzeptiert waren und sind, hat mich aus vielen Situationen "gerettet", zumindest war ich damals davon überzeugt - heute muss ich allerdings vor allem daran denken, wie schwer ich mir das Leben selbst gemacht habe.

Dem Sex abschwören?

Ich kenne keine Jungs und nur ganz wenige Männer, die wirklich ehrlich über ihre Sexualität reden. Die meiste Zeit meines Lebens war ich da keine Ausnahme, ganz im Gegenteil: In spätpubertären Jungsrunden habe ich angegeben wie ein Sack Sülze und meine Frauengeschichten grandioser gemacht als sie waren, ich wollte ja vor den anderen nicht zurückstehen. Dass es denen genauso gehen könnte und wir durch unsere Heldengeschichten den Druck auf uns selbst nur noch größer machten, war mir nicht klar. Später, in meinen 20ern, funktionierte ich dann vor allem über Masse: Mit je mehr Frauen ich geschlafen hatte, desto toller musste ich als Typ sein. Klare Sache, oder?

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Stockfotos, in ihrer Sinnlosigkeit ein Quell ewiger Freunde: Mein absoluter Favorit ist dieser junge Mann.

(Foto: imago images / Panthermedia)

Natürlich nicht, denn während ich einem diffusen Ideal hinterherlief, wurde die Leere in meinem Inneren immer größer und wollte mit immer neuen Superlativen gefüllt werden - bis zu einem Punkt, an dem ich kurz vor einer Art sexuellem Burnout stand. Ich war gerade dabei, die Reißleine zu ziehen, ins andere Extrem umzuschwenken und der Lust ganz und gar abzuschwören, als ich ausgerechnet in dieser Situation das Glück hatte, der Liebe meines Lebens über den Weg zu laufen. Erst durch sie habe ich verstanden, dass ich nicht immer und überall performen muss, sondern dass es völlig in Ordnung ist, auch mal faul zu sein, den Kopf in ihren Schoß zu legen, mir die Haare kraulen zu lassen und dabei das Gefühl von Geborgenheit zu genießen. Dass sich der Sex selbst mit weniger hausgemachtem Druck für mich tausendmal besser anfühlt als früher, erklärt sich wahrscheinlich von selbst, oder?

Auch männliche Lust ist komplex

Erstaunlicherweise war ich auch nach meiner "Entdeckung" davon überzeugt, irgendeine Art von Sonderfall oder zumindest in der gefühligen Minderheit zu sein - bis ich über eine repräsentative Studie der US-amerikanischen Vanderbilt-Universität mit mehr als Tausend Teilnehmern stolperte: "Im Gegensatz zu üblichen Geschlechtsstereotypen ist die Lust von Frauen sehr stark mit sexuellen Praktiken verknüpft, wohingegen die Lust von Männern stärker mit Beziehungsfaktoren zusammenhängt."

Das stellt zwar zunächst mal alles Bekannte auf den Kopf, ergibt aber auf den zweiten Blick, zumindest für mich, Sinn: Ich war schon immer fasziniert davon, wie unterschiedlich, bunt und lang weibliche Orgasmen sein können, während männliche Höhepunkte im Großen und Ganzen immer gleich ablaufen, auch wenn die Intensität natürlich variiert. Dass kanadische Sexualforscher in einer anderen Studie herausgefunden haben, dass der größte Lustfaktor für Männer sei, von ihrer Partnerin begehrt zu werden, passt für mich dabei ins Bild: Auch ich finde kaum etwas schärfer als die Tatsache, dass sie mich scharf findet. Das heißt natürlich nicht, dass es andersherum nicht genauso wäre - aber es entschärft das ultimative Rein-raus-Argument, das besagt, dass Männer vor allem über ihre Schwänze funktionieren, solange man ihnen nur ein Paar Brüste vor die Nase setzt.

Vielleicht bin ich sensibler als andere Männer und ziemlich sicher ist die Sache nicht so schwarz-weiß, wie sie in den beiden Studien dargestellt wird. Deswegen habe ich mich auch besonders über das Schlusswort einer Meta-Studie gefreut, die 64 Einzelstudien zum Thema seit 1950 miteinander verglichen hat und zu einem Ergebnis kommt, von dem ich instinktiv spüre, dass es uns allen gerechter wird als die bisherigen Vorurteile. Kristen Mark, die Autorin der Studie, schreibt darin: "Wir nehmen allgemeinhin an, dass viele Männer immer noch glauben, wie ein An- und Ausschalter funktionieren zu müssen, während wir das Verlangen von Frauen als komplex betrachten - dabei sind sie beide komplex."

Quelle: ntv.de