Liebe und Familie

In Vino Verena über den Tod "Es sind immer die anderen, die sterben"

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Über den Tod reden? Lieber nicht, sagen sich viele.

(Foto: imago images / Westend61)

Alle Dinge sind endlich. Alles, was wir wissen, fühlen, besitzen und lieben, wird eines Tages nicht mehr existieren. Auch wir werden nicht mehr existieren. Das sind die Fakten. Doch warum ist es so schwer, darüber zu sprechen?

"Der Tod ist total demokratisch, von hundert Menschen sterben hundert", hat der Politiker Heiner Geißler einst gesagt. Eines Tages sterben wir alle und es gibt absolut nichts, was wir dagegen machen können, es ist der Lauf der Zeit, der Tod holt jeden, "er packt den Josef Ackermann genauso wie den Arbeiter von der Müllabfuhr".

Menschen, die über den Tod und das Sterben grübeln, machen dies oft, wenn sie durch eigene Erfahrungen, sei es durch den Tod eines Angehörigen oder von Freunden, damit konfrontiert worden sind. Sich mit der Endlichkeit eines Menschen auseinandersetzen, der uns am Herzen liegt, ist das eine. Sich aber mit der eigenen Endlichkeit zu befassen, das ist etwas, womit wir am liebsten nichts zu tun haben möchten. Weil wir oft in dem Irrglauben sind, der Tod käme immer erst später, der Tod gehöre zum Leben nicht dazu, der Tod mache traurig. Wir möchten selten über etwas nachdenken, das wie eine dicke Gewitterwolke über unserer gesamten Existenz schwebt.

"So schnell stirbt es sich nicht"

Der Tod kann warten, heißt es oft. Oder: "So schnell stirbt es sich nicht". Diesen Satz habe ich oft von meiner Mutter gehört. Und somit rückt der Tod und alles, was mit ihm zu tun hat, immer wieder in den Hintergrund. Der Tod ist ein Tabuthema, vollkommen zu unrecht, wie ich finde. In meinem Leben habe ich, neben meinem Vater, schon einige Menschen verloren, die mir wichtig waren, und es wird, machen wir uns nichts vor, nicht bei diesen Menschen bleiben. Wir müssen dem Tod seine schwarze Schwere nehmen. Ich weiß, das ist alles andere als einfach. Aber es ist ein guter Anfang, sich mit dem Ende zu beschäftigen.

In den letzten Jahren bin ich öfter auf Menschen getroffen, deren Tod unmittelbar bevorstand. Und mir scheint, die Ansichten über den Tod hätten sich gewandelt. So sagt der österreichische Philosoph und Professor für Kulturgeschichte Thomas Macho in einem Interview mit Zeit online: "Früher war ein Tod gut, wenn die Sterbenden sich vorbereitet hatten, wenn die irdischen und himmlischen Dinge geregelt waren und man Abschied nehmen konnte von den Angehörigen und Freunden. Heute höre ich immer häufiger, dass Menschen für einen guten Tod halten, wenn sie sich nicht lange darauf vorbereiten müssen. Ideal wäre es scheinbar, am Abend schlafen zu gehen und am Morgen einfach nicht mehr aufzuwachen."

Die Dinge regeln. Uff. Lange habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, was mit meinen Sachen geschieht, sollte ich nicht mehr sein. Was bleibt für wen? Soll ich jetzt schon ein Testament schreiben? Was hinterlasse ich meinen Hinterbliebenen? Ich traf Menschen, die, angesprochen auf ein Testament, antworteten: "Nach mir die Sintflut." Das mag zuerst egoistisch und, salopp gesagt, ein bisschen nach Leck-Arsch-Mentalität klingen, frei nach: Sollen sich die anderen die Köpfe einschlagen, ich kriege es ja eh nicht mehr mit. Aber diese Haltung zeigt vielmehr die enorme Angst davor, dass es eben nicht einfach immer so weitergeht. Dass irgendwann Schluss ist.

Die Dinge regeln: vielleicht morgen

Ich kannte eine Frau, bei der mit 60 Jahren ein genetischer Defekt in der Wirbelsäule festgestellt worden war. Die Frau liebte und lebte das Leben in all seinen Facetten - bis die Ärzte ihr attestierten, dass sie an den durch den Defekt ausgelösten Tumoren sterben würde. Ihr blieben drei Jahre. Drei kurze Jahre, lang genug, um die Dinge zu regeln. Doch sie beschäftigte sich nicht einen einzigen Tag mit ihrem Tod. Sie wollte leben - wer kann es ihr verübeln? So reiste sie mehr als je zuvor, kaufte ein Haus und zog um. Beim Thema Testament machte sie dicht. Das Einzige, was ihr je über ihren Tod über die Lippen kam, war der Wunsch, neben ihrer Mutter beerdigt zu werden. Den Tag ihres Todes hatte sie in einem Lampengeschäft verbracht, der Flur sollte heller leuchten.

Ich erinnere mich an die große Ohnmacht der Familie. Kein Testament. Was war ihr letzter Wille? Wer bekommt das Haus? Vielleicht ist Lisa gekränkt, wenn Tanja das gute Kaffeeservice bekommt, schließlich habe sie sich nur einmal im Jahr blicken lassen! Und so begann es: Die übrig Gebliebenen zerstritten sich und waren sich schon kurz nach der Beerdigung spinnefeind. Irgendwann, die Frau war inzwischen mehr als zwei Jahre verstorben, erfuhr die Familie durch Zufall von Konten im Ausland, Geld, das gerade Tanja nach einem Sportunfall gut gebrauchen konnte. Doch wie das alles nun regeln?

Wer braucht 32 Kuchenplatten?

Gerade zieht meine Mutter um. Nach dem Tod meines Vaters lebte sie alleine in der viel zu großen Wohnung, in der mein Bruder und ich aufwuchsen: Die Kinderzimmer verwaist, die riesige Schrankwand, auf die man zu DDR-Zeiten lange warten musste und dann ganz stolz war - alles ist viel zu überladen. Die Wohnung atmet die Vergangenheit. In jedem Fach der Schrankwand steht geerbtes Geschirr. Das gute Kaffeeservice von Uroma, ein Teeservice von Tante Hilde, Meißner Porzellan von Oma Edith, ein Bowle-Set von 1899. "Das kommt nicht weg, das ist uralt, das ist wertvoll!" Mutter tut sich schwer, Dinge loszulassen. Und auch für mich ist es nicht einfach, aber ich versuche ihr klarzumachen, dass wir wirklich keine 32 Kuchenplatten und 19 Kuchengabeln brauchen.

Obwohl Mutter mit Mitte 60 nicht alt ist, spricht sie jetzt manchmal mit mir über den Tod. Sie besiegte den Krebs und jetzt ist da dieses zu große Herz und das Vorhofflimmern, aber sie sagt: "Naja, man redet sich halt ein, es geht schon irgendwie weiter. Es sind immer die anderen, die sterben, nie man selbst."

"Wir sind die Menschen auf den Wiesen"

Für gewöhnlich sind es die Menschen, die uns nahestehen - Eltern und Großeltern, - die uns ihre Einstellung zum Tod vorleben. So viele um mich herum wollen mit dem Sterben und den damit verbundenen Vorbereitungen nichts zu tun haben. Der Tod wird buchstäblich unter den Teppich gekehrt, als verschone er einen, wenn man nur brav die Wohnungstür abschließt. Der uns so geläufige Satz, der Tod kommt am Ende des Lebens, er ist ein großer Irrtum. Wie oft erwischt er uns mittendrin: Auf dem Weg in den Supermarkt, beim Mittagessen oder wenn wir gerade die Balkonblumen gießen, egal wann und wo, jedenfalls oft, wenn wir ihn überhaupt nicht gebrauchen können. Weil wir mit LEBEN beschäftigt sind. Aber das ist dem Tod vollkommen schnurz, er bittet um keinen Termin, er fragt nicht am Montag: "Entschuldigung, werte Dame oder werter Herr, könnten Sie es eventuell einrichten, wenn ich Sie am Donnerstag zwischen 17 und 18 Uhr aufsuche?"

Wir müssen aufhören, den Tod zu tabuisieren. Manchmal, wenn mein Herz bei dem Gedanken an ihn doch zu heftig pocht, lese ich das Gedicht "Sommerlied" von Ernst Jandl. Das klingt jetzt vermutlich ein bisschen schräg, ich weiß, aber ich verspüre dann jedes Mal so etwas wie inneren Frieden.

Es geht so: "Wir sind die Menschen auf den Wiesen, bald sind wir die Menschen unter den Wiesen und werden Wiesen, und werden Wald; das wird ein heiterer Landaufenthalt".

Quelle: n-tv.de

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