Leben

Galerien lernen aus Corona-Krise "Man muss sich trauen, hinzugucken"

McCollum1.jpg

Alles wird gut - versprochen!

(Foto: Allan McCollum)

Kunst tröstet, Kunst hilft - nicht nur dem Betrachter, sondern auch anderen. Der Galerist Thomas Schulte zeigt deshalb gerade serielle Konzeptarbeit von Allan McCollum, der weltweit zu den wichtigsten Vertretern der zeitgenössischen Konzeptkunst zählt. Mit ntv.de spricht Schulte über alte Pfade und neue Wege, seine Herangehensweise an Kunst und Künstler und was die Corona-Krise mit der Galerie-Szene gemacht, aber auch, was sie ihr gebracht hat.

ntv.de: Wie blicken Sie auf die Zeit der Corona-Schließung, nicht nur der Galerien?

Thomas Schulte: Das Bild, das ich davon habe, ist, dass wir mit vollen Segeln in eine Nebelbank gefahren sind, wo man kaum wusste, worauf man da knallt. Ich bin seit 30 Jahren Galerist, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Wir mussten sehr vieles umstellen und von unserem klaren Fahrplan bis weit ins nächste Jahr hinein abweichen. Wir wollten zum Beispiel im Mai Rebecca Horn hier ausstellen, aber die konnten wir ja nicht eröffnen und haben sie ins nächste Jahr geschoben. Ich glaube dennoch, wir haben sehr vieles richtig gemacht.

Wie haben Sie die Zeit genutzt?

Wir sind neue Wege gegangen. Die aktuelle Ausstellung zum Beispiel von Allan McCollum ist so nie geplant gewesen und eine komplette Erfindung dieser Zeit. Er ist ein großartiger Konzeptkünstler, der genau weiß, welche Entscheidungen getroffen werden müssen. Mit ihm haben wir die Ausstellung zunächst als Onlineshop geplant, den wir dann eröffnet haben. Die Bilder ähneln Produkten, die man im Internet bestellen kann. Die Fotos insgesamt bezeichnet er selbst eher als ein Essay, nicht als Kunstwerke. Sie stammen aus Filmen, die er im Laufe der letzten Jahre auf seinem Laptop gesehen hat, und weil er etwas schwerhörig ist, immer mit Untertiteln. Er zeigt alles, was Hollywood an Gewaltpotenzial und Konflikten liefert, hat sich dabei aber besonders für Textzeilen begeistert, die in unendlichen Varianten - oft nur vermeintlich - Trost spenden.

"Everything is going to be OK" - glauben Sie auch, dass alles gut wird?

Ja, hoffentlich! 30 Prozent der Erlöse aus den Verkäufen von Allan McCollums Bildern gehen hälftig an die C/O Galerie in Berlin und ans ICA Miami, wo eine McCollum-Retrospektive hängt, die kaum jemand bisher gesehen hat aufgrund der Corona-Maßnahmen. Daher liegt es nahe, dass ein Teil der Erlöse auch dorthin geht. Und für die C/O Galerie muss man einfach ein Herz haben, denn sie leistet großartige Kulturarbeit in Berlin und wird nicht wirklich gefördert.

Der richtige Eindruck eines Kunstwerks entwickelt sich erst, wenn man ihm gegenübersteht, aber für einen ersten Eindruck ist der digitale Besuch in einer Galerie natürlich auch super.

Ja. Wir haben unsere Kommunikationskanäle, wie viele andere auch, noch mehr modernisiert. Man muss darauf vorbereitet sein, dass wir digitaler und variantenreicher agieren müssen. Wir wollen unsere Kunden zugleich natürlich auch nicht digital überlasten, denn vor allem mögen wir es, wenn sie wieder in der Galerie sind. Es war aber sehr interessant, zu sehen, was Kunst alles leisten kann.

Waren die Kunst und auch die Kunstszene zu schnelllebig?

Alles war zu schnelllebig. Wir haben in einem unglaublich schnellen Zug gesessen, wir haben uns auf eine Art und Weise bewegt, die kaum zu fassen ist. Galerien mit 300 Mitarbeitern und mit vielen Millionen, manchmal sogar Milliarden an Umsätzen waren keine Seltenheit. Auktionen sind ein unglaubliches Investitionsmittel geworden, Asien hat nach Kunst verlangt. Man kann sich das alles nicht vorstellen.

Haben wir Werte eventuell neu entdeckt? In Form von Kunst, Design, Möbeln?

McCollum9.JPG

Auch nach den anstrengenden Corona-Schließwochen sagt Thomas Schulte: "Es macht Spaß, ich liebe meinen Beruf."

(Foto: Courtesy Galerie Thomas Schulte)

Ich glaube tatsächlich, dass die Leute sich nach Dingen sehnen, die Bestand haben, vor allem, wenn man kaum vor die Tür gekommen ist. Ich glaube, dass Menschen wieder in Museen gehen wollen, auch in Galerien zum Glück. Also wir hatten schon Schlangen vor der Tür.

Wenn man nicht so viel von Kunst versteht - wie nähere ich mich ihr?

Man darf nicht alles verstehen wollen. Das kann intuitiv sein, man darf fragen. Kunst erschließt sich bei genauer Betrachtung - und das genaue Hinschauen haben wir oft verlernt. Wir vertrauen einer Beschreibung manchmal mehr als dem, was wir wirklich sehen. Kunst kann uns beibringen, dass wir wieder genauer beobachten und versuchen, Inhalte ganz einfach zu erfahren. Man muss nicht wissen, man kann lernen. Man muss sich trauen, hinzugucken.

Wann ist man ein guter Galerist?

Wenn man sich um seine Künstler kümmert: Man muss ihnen das Pferd satteln, raufhelfen auch wieder runter (lacht). Man muss versuchen zu verstehen, welche Hilfe der Künstler braucht, ohne in seine Arbeit einzugreifen. Man muss verstehen, bis wohin man gehen darf. Man muss Dinge bereitstellen und wissen, wann man aufhören muss. Es ist ein heikles Spiel, das man nur über Jahre lernt. Mein Sohn hat davon allerdings erfreulicherweise schon viel verstanden, der ist ein richtig guter Producer geworden. Mein Resümee, selbst nach diesen anstrengenden, ungewöhnlichen Wochen: Es macht Spaß, ich liebe meinen Beruf. Ich kann nur raten: Gehen Sie in Galerien - das kostet nicht mal Eintritt.

Viele Sammlungen verlassen momentan Berlin - wie beurteilen Sie dieses Phänomen?

Die Sache mit den Sammlern ist kompliziert und es ist kein strukturelles Problem, denke ich. Es liegt natürlich einiges an der Berliner Politik, das ist kein Geheimnis. Und die hofft bei vielen Problemen ja, dass sich die Dinge von selbst erledigen. Das tun sie ja auch meist (lacht). Die Situation mit den Sammlern hätte man sehen und viel besser behandeln können, aber das ist nicht nur in der Hauptstadt so. Dass die Sammlung Flick geht, ist ja eine Sache, wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass Herr Flick sehr viel in Berlin gelassen hat. Er ist ja einer der größten Spender in der Geschichte der Nationalgalerie überhaupt. Ich finde, wir haben sehr lange etwas von ihm gehabt, er hat sehr viel in die Stadt investiert und irgendwann ziehen Menschen eben weiter.

Sie sind also hoffnungsvoll.

Es ist ja nicht alles verloren, es entsteht auch Neues. Wir bekommen zum Beispiel das Museum der Moderne. Manche der Sammler sind aber auch nicht im Recht, sich zu beschweren, da gibt es Eitelkeiten und Dinge, die man wirklich anders machen kann. Jeder muss sich grundsätzlich so gut wie möglich um seine eigenen Dinge kümmern, dann wird sich alles in ein paar Jahren wieder normalisiert haben.

Das klingt auf jeden Fall versöhnlich. Entsteht Kreativität nicht auch aus dem Nichts? Oder aus dem Nicht-Idealen?

Ja, auf jeden Fall. Berlin ist eine besondere Stadt. Wir schwanken noch immer zwischen einer Ost-West-Identität. Das ist wirklich nicht einfach, das zusammenzubringen, und trotzdem haben wir doch langsam eine funktionierende Stadt, vielleicht bald sogar mit einem neuen funktionieren Flughafen (lacht). Es passiert gerade eine Menge.

Was ist das genau?

Wir sind ja ein Haufen von Individualisten, die die Politik nicht so mögen, weil wir nichts bekommen - und warum bekommen wir nichts? Weil wir nicht organisiert genug sind. Und da fangen wir nun endlich an, gute Strukturen aufzubauen. Das ist eine zarte Pflanze, die jetzt gegossen werden muss, denn nichts blüht von allein. Da muss man etwas tun und dafür steht diese Zeit jetzt gerade. Es kommen auch neue, jüngere Galerien in der Stadt zum Zuge, das ist gut. Denn die bringen auch eine andere Einstellung mit, anders als die Galerien der 1990er-Jahre. Allein die Einbindung in die Gesellschaft ist eine ganz andere.

Mit Thomas Schulte sprach Sabine Oelmann

Die Ausstellung "Allan McCollum - Everything is Going to be OK" läuft bis zum 11. Juli in der Galerie Thomas Schulte, Charlottenstraße 24, 10117 Berlin

Quelle: ntv.de