Leben

In Vino Verena "Rassistisch? Jesus, ich doch nicht!"

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Floyds letzte Worte waren: Ich kann nicht atmen.

(Foto: imago images/Hollandse Hoogte)

Der Tod von George Floyd durch Polizeigewalt erschüttert nicht nur die USA. Weltweit kommt es zu Protesten. Unsere Kolumnistin über strukturellen Rassismus in all seinen widerwärtigen Formen und die Unmöglichkeit, weiter wegzusehen.

"Wir wollen nicht, dass die hierherziehen. Wenn die erstmal da sind, kann man förmlich zusehen, wie die Gegend den Bach runtergeht." Ich sitze mit ein paar Leuten in einem kleinen Café in einem fast flächendeckend von Hellhäutigen bewohnten Stadtteil von Los Angeles. Über meine Auszeit in den USA habe ich in dieser Kolumne bereits geschrieben. Es waren Texte über den wilden Verkehr, riesige Karren, die gnadenlose Obdachlosigkeit, die mich schier umgehauen hat und meine Naivität, die Stadt der Engel allen Ernstes zu Fuß zu erkunden.

Worüber ich bislang geschwiegen habe, ist der Rassismus, mit dem ich "im Land der Freien und der Heimat der Tapferen" konfrontiert gewesen bin. Ich will damit nicht im Geringsten andeuten, dass Rassismus ein rein US-amerikanisches Problem ist - mitnichten. Aber tatsächlich habe ich diese menschenverachtende Sichtweise in den Staaten in einer Offensichtlichkeit erlebt, die mir buchstäblich die Sprache verschlagen hat.

Anfangs habe ich noch versucht, mir das alles irgendwie zurechtzubiegen. Ich habe mir eingeredet, gewisse Sachen einfach nur nicht richtig verstanden oder schlicht in den falschen Hals bekommen zu haben. Ach, sagte ich mir, die haben das bestimmt nicht so gemeint. Die Wahrheit: Ich war so platt, dass ich es einfach nicht wahrhaben und überhören wollte. Ich habe weder nachgefragt noch gesagt: Das ist rassistisch.

Ich habe den Mund gehalten! So nette Leute. Die meinen das nicht so. Doch die Sache ist die: Der Rassismus ist so offensichtlich, dass man ihn schon gar nicht mehr als solchen wahrnimmt, sondern ihn als gängige und nicht selten als akzeptable Meinung verteidigt. Nicht nur in den USA, überall auf der Welt. So erzählte eine Frau aus der Nachbarschaft, in dem Ortsteil, in dem ich wohnte, frei von der Leber weg, das schöne, saubere Viertel habe neuerdings leider von seinem hervorragenden Ruf eingebüßt, weil sich ein "paar Schwarze, so schreckliche Rapper" hier niedergelassen hätten. Und "die Schwarzen" seien ja sowieso alle "berühmt-berüchtigt für ihre lauten Partys bis weit nach Mitternacht, weil sie ja eh nicht arbeiten gehen wie normale Leute." Und wenn man an den Häusern "dieser Leute" vorbeiginge, "würde man schon in hundert Metern Entfernung das Gras riechen."

"Das wird man ja wohl noch sagen dürfen ..."

Ich habe etlichen Gesprächen gelauscht und mich jedes Mal danach furchtbar gefühlt. Später wurde ich wütend auf mich selbst. Jede dieser "Meinungen" war immer offen heraus, frei nach dem Motto: "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen ..."

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen, "dass man vermehrt Security braucht, die nachts patrouilliert, seitdem das Viertel nicht mehr rein weiß ist." Das wird man ja wohl noch sagen dürfen, "dass die Kriminalität angestiegen ist, seitdem die da sind. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen, dass die alle gefährlich sind.

Mit einem Mann, der in der Nähe meines Gästehauses seine Hunde Gassi führte, habe ich eines Morgens über die Obdachlosen gesprochen, die nur wenige Straßen weiter ihre Zelte und Nachtlager aufgeschlagen hatten. Grinsend quittierte er all meine Ansätze mit einem nicht enden wollenden Kopfschütteln. Im Nachhinein betrachtet waren meine Fragen sicherlich naiv, aber die Anzahl der vielen, vielen Menschen, die unter Brücken dahinvegetieren und am Straßenrand betteln, hat mich in den ersten Tagen meines L.A.-Aufenthalts zutiefst schockiert.

Und gewiss hatte er in dem Punkt recht, als er sagte, dass vermehrt Afroamerikaner von Obdachlosigkeit bedroht seien. Doch das Schlimme war nicht, was er über die Obdachlosen sagte, sondern wie er es sagte: despektierlich, genervt, ungehalten. Er selbst sprach das Thema Rassismus an: "Rassistisch? Jesus, ich doch nicht!"

Und ich: Habe vollkommen neben mir gestanden, unfähig, etwas Sachdienliches zu sagen. Diese bekloppten Gedanken hallen in meinem Kopf bis heute nach: Du hast keine richtige Ahnung von Politik, halt lieber die Schnauze. Dabei kann man im Grunde gar nicht nicht politisch sein.

Rassismus - "Normal" im Jahre 2020

Neulich unterhielt ich mich mit dem Theologen und Kolumnisten Stephan Anpalagan, der sich seit vielen Jahren gegen Rassismus und Rechtsextremismus einsetzt. Er schlug mir ein paar Themen für einen gemeinsamen Podcast vor und ich erzählte ihm, dass ich über Trash-TV und meist über humoristische Gesellschafts- oder Frauenthemen schreibe. Politik sei überhaupt nicht mein Steckenpferd, ich habe sogar regelrechte Angst vor großen politischen Themen.

Ich sagte ihm auch, dass ich schon zusammenzucke, wenn ich böse Leserpost bekomme, weil ich mal wieder über Sexismus geschrieben habe. Er verstand das natürlich und erzählte fast schon beiläufig, dass er die schlimmsten Kommentare erhalte, angefangen bei sogenannten DruKos (verkürzter Ausdruck für "Drunter-Kommentare") bis hin zu Morddrohungen. Wenn er dann doch mal etwas von dem Hass, der sich über ihn ergießt, veröffentlicht, seien die Leute jedes Mal schockiert, während er, der sich - so irre das klingt - daran gewöhnt hat, nur denkt: "Das ist the new normal. Aber schön, dass es die Leute nicht kaltlässt."

"Normal" im Jahre 2020 wegen seiner Hautfarbe beschimpft zu werden. Normal als PoC-Mensch "damit zu leben."

Und da begriff ich: Das ist genau diese "normale" Art, mit der die ach so netten Leute, die mir von ihrer Sorge um ihr Viertel berichteten, ihren rassistischen Dünnpfiff ablassen. Rassismus wird als etwas "Normales" empfunden - als eine Meinung, "die man ja wohl noch sagen darf." Aber es ist weder normal noch eine akzeptable Meinung zu pöbeln: "Schwarze sind das Übel." Es ist schlicht: Hetze. Und Hetze darf niemals normal sein. Damals nicht und heute nicht.

Es wird sich nichts ändern, wenn man nicht endlich aufsteht und NEIN zu strukturellem Rassismus in all seinen widerwärtigen Formen sagt. NEIN zu Leuten, die sich nur darüber echauffieren, dass in Minneapolis der sogenannte links-radikale Mob durch die Straßen zieht. 52 Jahre nach der Ermordung von Martin Luther King scheint sein Traum erneut zu zerbersten. Wieder einmal starb ein Mensch in Polizeigewahrsam, weil er in den Augen der Rassisten die falsche Hautfarbe hatte. Er verlor sein Leben wie schon viele vor ihm. Man kann sich natürlich mehr über Plünderungen und zu Bruch gegangene Fensterscheiben aufregen als darüber, dass ein hellhäutiger Polizist am helllichten Tage minutenlang auf dem Nacken eines dunkelhäutigen Mannes sitzt und sein Flehen, nicht mehr atmen zu können, ignoriert. Man kann stattdessen aber auch aufstehen und laut NEIN zu Rassismus sagen. Am besten jeden Tag. In jedem Land der Welt. Bis auch der letzte Tropf endlich kapiert, dass es nur EINE Menschheit gibt und keine verschiedenen Rassen.

Quelle: ntv.de