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Katrin Fuchs (nicht im Bild) entscheidet sich 2016 für den Quereinstieg in den Lehrerberuf.
Katrin Fuchs (nicht im Bild) entscheidet sich 2016 für den Quereinstieg in den Lehrerberuf.(Foto: picture alliance/dpa)
Sonntag, 30. September 2018

Warum Schüler profitieren: Sind Quereinsteiger die besseren Lehrer?

Von Kira Pieper

Um die Personalnot an Schulen zu lindern, werden vielerorts Quereinsteiger eingesetzt. Oft werden sie als "Lehrkräfte zweiter Klasse" kritisiert. Doch haben sie wirklich so große Defizite? Eine Quereinsteigerin bezweifelt das.

"Quereinsteiger sind weniger qualifiziert als 'richtige' Lehrer." Ein Satz, den Katrin Fuchs oft hört. Die 37-Jährige, die eigentlich anders heißt, stieg 2016 als Quereinsteigerin an einer Grundschule in Berlin-Reinickendorf in den Lehrerberuf ein. Seitdem wird sie mit dem Vorurteil konfrontiert - und seitdem verteidigt sie den Quereinstieg in den Lehrerberuf. "Uns pauschal als schlechtere Lehrer abzustempeln, ist Quatsch", sagt sie im Gespräch mit n-tv.de. "Ich denke, dass im Lehrerberuf Erfahrung und Kompetenz zählen. Und das kann man erwerben, ohne jemals Didaktik und Pädagogik studiert zu haben."

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Fuchs gehört zu den 28 Prozent der in Berlin zum Schuljahr 2018/19 neu eingestellten Lehrer, die kein Lehramtsstudium absolviert haben. Damit lindert sie die Personalnot, die besonders die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Berlin betrifft. Nach Angaben des Deutschen Lehrerverbandes fehlen in ganz Deutschland 40.000 voll ausgebildete Lehrkräfte vor allem in Förder- und Grundschulen. 10.000 Stellen davon sind immer noch unbesetzt, 30.000 Stellen sind notdürftig mit Seiteneinsteigern, bereits pensionierten Lehrern und Studenten besetzt.

Eigentlich hatte Fuchs nie vor, Lehrerin zu werden. "Meine Mutter war Lehrerin und sie hat mir von dem Beruf dringend abgeraten." Also studiert Fuchs zunächst Deutsch, Englisch und Medienwissenschaften auf Magister und arbeitet in der Erwachsenenbildung, dann bekommt sie eine Doktoranden-Stelle an der Universität. Doch das wissenschaftliche Arbeiten sagt ihr nicht zu. "Aber Unterrichten, das lag mir schon."

Sprung ins kalte Wasser

2015 kommen dann fast eine Million Flüchtlinge nach Deutschland. Unter ihnen jede Menge Kinder. Die Schulen geraten an ihre Grenzen, händeringend suchen sie nach Helfern und finden sie in den Quereinsteigern. Auch Fuchs bewirbt sich beim Berliner Senat auf eine Stelle und kommt so an die Grundschule in Reinickendorf. Unter 35 "richtigen" Lehrern ist sie die einzige nicht ausgebildete Lehrkraft.

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Sie übernimmt eine sogenannte Willkommensklasse. Die Klasse besteht aus 12 bis 15 Schülern. Die Flüchtlinge sind zwischen 5 und 16 Jahre alt, sie stammen aus unterschiedlichen Nationen. Fuchs muss sofort ins kalte Wasser springen. "Eine Anleitung gab es nicht, es war auch kein zweiter Lehrer im Raum, der mir helfen konnte." Und so ist sie auf sich alleine gestellt. Nur wenige Lerninhalte, wie die Aussprache deutscher Wörter, kann sie mit der gesamten Klasse üben. Doch viele Aufgaben stellt sie den Schülern individuell. "Die Schüler mussten je nach Lernfortschritt betreut werden. Ich musste quasi mehrere Unterrichte vorbereiten", erklärt sie. Die Ideen für ihren Unterricht holt sich Fuchs meist aus dem Internet. Weiteren Input bekommt sie durch den Austausch mit anderen Lehrern bei Fortbildungen.

In der ersten Zeit gerät die Quereinsteigerin an ihre Grenzen. Einige der von ihr betreuten Kinder sind durch die Kriegserlebnisse schwer traumatisiert. Teilweise kann sie die Schüler nur schwer bändigen. "Das hat mich überrascht. Ich habe immer gedacht, dass ich Autorität ausstrahle", sagt Fuchs. Doch an manchen Tagen kann sie sich einfach nicht durchsetzen. "Das hat mich oft nach Unterrichtsschluss noch beschäftigt." Von ihren Kollegen bekommt sie zwar Tipps. "Sie haben mich das eine oder andere Mal mit Unterrichtsmaterialien versorgt." Und auch die Anteilnahme im Kollegenkreis ist groß. Denn Erfahrungen mit Flüchtlingskindern hatten auch die meisten ausgebildeten Pädagogen zuvor noch nie gemacht. Und dennoch spürt Fuchs, dass ihr einige Kollegen mit großer Skepsis gegenübertreten, sie als "Lehrer zweiter Klasse" wahrnehmen.

GEW-Chefin: Quereinsteiger haben klare Defizite

Auch Marlis Tepe, Chefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sieht den Trend zur Einstellung von Quereinsteigern kritisch. Quereinsteiger hätten klare Defizite, erklärt sie im Gespräch mit n-tv.de: So wüssten sie unter anderem zu wenig darüber, wie Schule funktioniere, beispielsweise welche Rechte und Pflichten sie gegenüber Eltern und Kindern haben. Und wer zum Beispiel Chemie studiert habe, verfüge zwar über eine hohe wissenschaftliche Kompetenz. "Das heißt aber nicht, dass er oder sie den Stoff auch Kindern in unterschiedlichen Altersgruppen so vermitteln kann, dass diese das Thema verstehen."

Fuchs ist indes der Meinung, dass sie als Quereinsteigerin klare Vorteile gegenüber ausgebildeten Lehrkräften mitbringe. Denn dadurch, dass sie bereits in ein anderes Berufsleben eingetaucht sei, verfüge sie über mehr Lebenserfahrung und dadurch falle ihr der Umgang mit Schülern und deren Eltern leichter. Sie fügt hinzu: "Bei einigen Kollegen, die nur die Schule und das Lehrerdasein kennen, beobachte ich eine gewisse Weltfremdheit und Ignoranz anderen Lebensentwürfen gegenüber."

Trotz der ihr entgegengebrachten Skepsis ist die 37-Jährige heute froh, den Quereinstieg gewagt zu haben. "Ich bin froh, diesen Weg gegangen zu sein", sagt sie. Und ergänzt: "Ich würde es wieder so machen." Mittlerweile hat sie allerdings beschlossen, doch noch "richtige" Lehrerin zu werden. Aktuell macht sie deswegen ein Referendariat. Da sie das Mangelfach Englisch unterrichtet, muss sie nicht noch mal studieren. Im Gegensatz zu vielen anderen Quereinsteiger-Kollegen, die die Lehrer-Ausbildung an der Universität nachholen müssen. Nun absolviert die 37-Jährige wie ihre Lehramtskollegen das gleiche 18 Monate dauernde Referendariat.

Quelle: n-tv.de