Leben

In Vino Verena Transgender: Wann ist ein Mann ein Mann?

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Ricky Jank: "Es ist mein Leben, und ich bin ein stolzer Mann."

(Foto: privat)

Für die meisten Menschen ist ihr Geschlecht von Geburt an klar definiert. Doch was, wenn man im falschen Körper geboren wurde? Über einen mutigen Transmann, der mitten unter uns um seine Akzeptanz kämpft.

Der Kommentar lautet: "Du bist und bleibst eine verstümmelte Frau." Ich lese ihn - wie viele noch beleidigendere - auf der Instagram-Seite von Ricky Jank, einem Transmann, den ich kürzlich kennengelernt habe. Tja, denke ich zuerst, Idioten, die unter dem Deckmäntelchen der Anonymität ihren Hass ins Netz ballern, gibt es zuhauf. Und ich weiß natürlich, sollte man ihnen mal in der Eisdiele oder im Foyer eines Kinos begegnen, würden sie sich natürlich niemals trauen, einem ins Gesicht zu sagen, dass man sich doch am besten einfach "wegmacht".

Ich möchte in meiner heutigen Kolumne von Ricky erzählen. Wenn ich nur einen Einzigen mit diesem Text zum Nachdenken inspiriere, wäre das ein großes Glück. Zwei wären auch schön, drei schon fast ein Lottogewinn, denn die Jahre haben mich pessimistischer werden lassen. Ich verstehe einige Menschen einfach nicht mehr. Vor allem jene, die am lautesten brüllen, gehen mir auf den Zünder. Zwar sehe ich auch in Zeiten wie diesen Gutes, aber ich bin dennoch der festen Überzeugung, dass die Ellenbogen-Mentalität immer mehr zur Normalität wird. Manchmal möchte ich mir dann am liebsten die Decke über den Kopf ziehen und erst wieder aufstehen, wenn es besser wird. Durchpennen, bis sich was ändert. Das hat fast etwas von Dornröschen. Es geht aber nicht darum, ob unsere Gesellschaft sich mit Ruppigkeit und Verrohung abfindet, sondern darum, wie wir damit umgehen und was wir selbst dagegen tun können. Und hier kommt Ricky ins Spiel.

Geschlechtsidentität ist kein Modetrend

Ricky wurde als Mädchen geboren. Er hat mir seine Geschichte erzählt, so wie inzwischen immer mehr Transmenschen den Mut aufbringen, sich zu outen und offen über ihr Leben im falschen Körper zu sprechen - auch, um unter dem Druck des Schweigens nicht zu zerbrechen. Von der Gesellschaft werden sie für diesen Mut nach wie vor kritisch beäugt, teils sogar angegriffen. Es gibt Menschen, die der Meinung sind, es sei heutzutage halt einfach en vogue, Transgender zu sein. Als wäre ein Leben im falschen Körper ein Modetrend.

Rickys Geschichte von ihm zu hören, hat mich so ergriffen, dass ich danach mit den Tränen kämpfen musste. Dass Transgender Vorurteile und Hass täglich ertragen, ohne dabei vollends zu verzweifeln, grenzt an ein Wunder - sie sind für mich absolute Superhelden! Natürlich auch Heldinnen, klar.

Vor dem Gespräch wühlte ich mich durch Rickys Social-Media-Accounts, auf denen er Aufklärung betreibt und sich tatsächlich die Mühe macht, auf einzelne Hass-Posts explizit einzugehen. Das macht er mit einem so herrlich schwarzen Humor und Sarkasmus, dass ich laut loslache und mich frage: Wie schafft er es bloß, den fiesesten Sacknasen mit so viel Freundlichkeit zu begegnen?

"Es gibt Leute, die Medikamente brauchen, welche sie nicht bezahlt bekommen, die sie aber dringend benötigen, und du machst Schönheits-OPs", schreibt ein anonymer User. Ich möchte mit dem Kopf auf die Tischplatte knallen. Ricky erzählt mir von seiner Mastektomie - also der chirurgischen Entfernung der Brust - und den Komplikationen, die damit verbunden waren. Zwei Operationen. Innere Blutungen. Schmerzen über Schmerzen. Lieber sterben, als so weiterleben zu müssen. Ich sehe die tiefen, blutroten Narben und lausche den Qualen, die er sein ganzes Leben lang erdulden musste: in der Schule gemobbt, verprügelt, weil er anders als die anderen Kinder war. Dazu die große Einsamkeit und das Gefühl, sich niemandem anvertrauen zu können.

"Weil ich ein Mann bin"

Ein Junge, gefangen im Körper eines Mädchens. Ein Junge, dem sein Vater aus dem Urlaub "die schönsten Kleider mitbringt", ein Junge, der "die liebe Tochter mit den tollen langen Haaren" seiner Mutter sein muss. Dieser Junge wurde - wie viele Transgender - oft gefragt, warum er unbedingt ein Mann sein wolle. Die Antwort, sagt Ricky, ist "ganz einfach: weil ich ein Mann bin".

Während er mir aus seinem Leben erzählt, starre ich ihn ein bisschen zu sehr an. Seine Stirn ziert ein großes Tattoo - eine Krähe. Ich denke mir in meiner Naivität: Himmel Herrgott, mit diesem Riesen-Tattoo starren ihn erst recht alle an! Aber Ricky lächelt, erklärt mir die Bedeutung und erzählt von dem Verlust seiner Eltern, denen er sich zeitlebens nicht anvertraut hat. Aufgewachsen im Liechtenstein der Siebziger- und Achtzigerjahre - Transgender in jenen Tagen: Ist das ein Film, der Titel eines Buches, eine neue Vorabendserie? Nicht einmal er selbst wusste lange, dass es für Menschen wie ihn überhaupt einen Begriff gibt.

So lausche ich der Geschichte und den damit verbundenen, wohl niemals enden wollenden Vorurteilen gegenüber Transmännern und Transfrauen. Besonders dreist empfinde ich Fragen über die Sexualität. Ich verstehe die Neugier - wirklich! Aber einen fremden Menschen auszufragen, ob er denn nun schwul oder lesbisch ist: hallo?

Aber für Transgender, so sind sich anscheinend viele einig, gibt es wohl so etwas wie einen Freifahrtschein, ihnen nach Lust und Laune sexuelle Fragen zu stellen. Als wären Transmänner oder Transfrauen Leute von der Auskunft! Diese fehlende Sensibilität, sie macht mich sprachlos.

"Jeden Tag aufs Neue kämpfen"

Eines der größten Vorurteile: Viele Leute sind der Meinung, nur eine vollständige Angleichung des Geschlechts mache aus einem Transmann einen Mann - ganz im Sinne von: Ein Mann, der keinen Penis hat, ist kein richtiger Mann. Tatsächlich aber gibt es viele Transmänner, die sich aus vielerlei Gründen, vor allem gesundheitlichen, gegen eine Komplett-Anpassung entscheiden und sich nur die inneren weiblichen Geschlechtsteile wie die Gebärmutter entfernen lassen. Also - weil sie keinen Penis haben, dürfen sie sich nicht als Mann fühlen?

Für mich ist das in etwa so, als würde man zu einer Frau, die sich nach einer Amputation infolge von Brustkrebs gegen den Wiederaufbau entscheidet, sagen: Ohne Brüste bist du keine richtige Frau. Und Frauen, die keine Gebärmutter mehr haben, sind die dann auch keine richtigen Frauen mehr?

Das Leben ist nicht schwarz oder weiß. Es ist voller Narben, sichtbaren und unsichtbaren. Und wenn ich in Rickys Augen sehe, bin ich stolz, diesen starken Mann kennengelernt zu haben, einen mutigen, feinfühligen, großartigen Mann, der "jeden Tag aufs Neue kämpft, nicht aus diesem Leben zu entschwinden" und seinen Weg weiter geht. Ein wahrer Superheld eben.

Quelle: ntv.de