Leben

Nackte Gefühle, große Not Trauer trifft einen mit voller Wucht

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Zu Beginn fühlt es sich für viele so an, als könne man selbst kaum weiterleben.

(Foto: imago images / Panthermedia)

"Trauer ist wie Kinderkriegen, man kann es sich nicht vorstellen, bis es so weit ist", sagt die Autorin Anna Funck. Sie ist 35, als ihre Mutter stirbt. Die Trauer füllt ihr ganzes Fühlen, Denken und Leben. Nur langsam findet sie darin ihren eigenen Weg.

"Trauer tritt in so vielen Formen auf. Sie ist da, sie ist nicht auszuhalten, dann verschwindet sie, weil sie unerträglich ist, weil man sie nicht permanent ertragen kann." Der norwegische Autor Stig Sæterbakken lässt das in dem Roman "Durch die Nacht" seinen Protagonisten Karl Mayer denken, dessen 18-jähriger Sohn sich selbst getötet hat.

Der Tod ist längst nicht mehr so tabuisiert wie noch vor einigen Jahren, aber wie ist es eigentlich mit der Trauer? Früher einmal erkannte man Trauernde daran, dass sie schwarz gekleidet waren. Erfuhr man von einem Todesfall, gab es Kondolenzanrufe und Trauerkarten. Doch inzwischen schalten immer weniger Menschen Traueranzeigen, Beileidsbekundungen wirken seltsam altmodisch.

Dabei hat die Trauer nichts von ihrer Wucht eingebüßt. Anna Funck, deren Mutter 2016 an Krebs starb, schreibt in ihrem Buch "Mama ist tot" über ihre Verfassung: "Es trifft einen wie ein Steinschlag, und jeden Morgen wacht man auf und denkt: Oh Gott, es ist tatsächlich passiert." Selten ist man seinen Gefühlen so nackt ausgeliefert, wie in dieser Verlustsituation. Tiefe Traurigkeit mischt sich vielleicht mit Erleichterung, dass eine furchtbare Krankheit ihr Ende gefunden hat, Angst trifft auf Verzweiflung, Wut auf Schuldgefühle.

Viel mehr als Traurigkeit

"Trauer ist wie Kinderkriegen, man kann es sich nicht vorstellen, bis es soweit ist", sagt Funck im Gespräch mit n-tv.de. Trauer ist mehr als Traurigkeit, sie ergreift den ganzen Menschen, verändert sein Fühlen, Denken und Handeln. So beschreibt es die Hamburger Beratungsstelle CHARON in ihrem Ratgeber "Leben mit Sterben, Tod und Trauer". Trauernde berichten immer wieder, dass sie die einfachsten Dinge nicht mehr bewältigen können. Sie wissen nicht mehr, wo sie das Auto geparkt haben oder sind voller Wut auf einen wildfremden Menschen auf der Straße, nur weil er lebt und dem Verstorbenen entfernt ähnlich sieht.

Das Gefühl, dass man nicht in der Lage ist, den Alltag zu meistern, wird manchmal übermächtig. Und auch die Angst, das könnte jetzt so bleiben. "Man fühlt sich, als hätte man Alzheimer. Man ist so voll mit dem Thema Trauer", erzählt Funck über diese erste Zeit. Die Autorin und Moderatorin war erst 35 als ihre Mutter starb und damit die erste in ihrem Freundeskreis, die diese einschneidende Erfahrung machte. "Ich hatte auch eine Situation, in der ich lachen musste. Da habe ich mich fast geschämt."

Die Schweizer Psychologin Verena Kast hat den Trauerprozess in vier Phasen gegliedert. Am Anfang steht das Nicht-Wahrhaben-Wollen, dann brechen sich die Emotionen Bahn, es folgt eine Zeit des Suchens, bis man schließlich die neue Situation akzeptieren kann. "Dieses Modell hat mich ein bisschen beruhigt", erzählt Funck. "Ich habe mir dann in der jeweiligen Phase die Gefühle auch gegönnt. Aber mir hat es auch geholfen zu arbeiten. Manchmal hat es mich herausgefordert, aber es war auch ein bisschen wie eine Pause vom Trauern."

Keine Trauer ist wie die andere. Wie lange jemand trauert und wie intensiv die verschiedenen Phasen verlaufen, kann ganz verschieden sein. Es gibt kein falsch oder richtig, kein gut oder schlecht. "Ich habe versucht alle Gefühle auszuleben, aber auch mir zu helfen, damit es mir besser gehen kann", sagt Anna Funck über ihre Trauer. Was ihr gut tat, fand sie nach und nach heraus. "Ich war spazieren, habe im Tagebuch meiner Mutter gelesen, Fotos angesehen. Ich habe auch immer wieder versucht, die Dankbarkeit überwiegen zu lassen. Das war vor allem am Anfang sehr schwer."

"Ich kann das überstehen"

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Selbst in der Trauer gibt es jede Menge gesellschaftliche Erwartungshaltungen, eine gewisse Ungeduld beispielweise, dass man über den Todesfall hinwegkommen müsse. Oder auch eine konkrete Erwartung, wie viel Zeit man mit den Sachen des Verstorbenen oder auf dem Friedhof verbringen, wie viele Tränen man weinen muss. Funck erinnert sich an den Rat, dass sie richtig trauern müsse, sonst könne die Trauer sie krank machen. "Da habe ich gedacht, jetzt muss ich trauern und das auch noch richtig machen. Davon war ich ganz überfordert, das hatte mir ja keiner gezeigt." Später verstand sie, dass sie mit dem Schreiben ihren richtigen Weg zu trauern längst gefunden hatte.

Als wirkliche Hilfe empfand Anna Funck ihre "Trauerbuddys", wie die junge Mutter Menschen nennt, mit denen sie immer wieder sprechen konnte. Das können Freunde sein, die in einer ähnlichen Lage sind, der Pastor oder auch der Bestatter. "Es ist immer gut, wenn man jemanden findet, der die gleiche Sprache spricht und es auf eine ähnliche Weise macht", sagt Funck, die oft einfach nur verstehen wollte, was gerade geschieht.

Allerdings machte Funck auch die Erfahrung, dass der Tod nicht jeden Menschen mitfühlend oder gar sensibel macht. Niemand will hören, dass ein geliebter Mensch jetzt "wenigstens nicht mehr leiden muss". Auch: "Du kommst drüber hinweg" oder "Das Leben geht weiter", helfen kaum jemandem, der tief trauert. Funck fand manche dieser Sätze "richtig zum Kotzen". Es waren Sätze, die ihr nicht halfen und auch nicht gut getan haben. Ein wenig Verständnis hat sie aber auch. "Viele Leute weinen am Grab mehr über ihre eigene Endlichkeit. Das ist natürlich wahnsinnig schwer zu ertragen."

Geholfen hat ihr aber immer Freundlichkeit und Mitgefühl und dieser Spruch, den sie für ihr Buch aus dem Englischen übersetzt hat: "Ich weiß, dass du traurig bist, deshalb wünsche ich Dir keinen schönen Tag. Stattdessen gebe ich Dir den Rat, einfach nur einen Tag zu verbringen. Bleib am Leben, iss etwas Gutes, trag etwas Bequemes und gibt nicht auf. Es wird besser werden, aber bis dahin verbring einfach nur den Tag. "

Trauer ist eine Krise, oft aber auch eine Pause, in der das Nachdenken über die eigenen Lebensentscheidungen irgendwann mindestens genauso viel Raum einnehmen kann wie das Vermissen der Toten. Funck sagt, sie sei in ihre Trauer hineingewachsen. Kein Verstorbener wolle ja, dass die Hinterbliebenen für immer traurig sind. Lange habe sie dennoch geglaubt, sie könne das nicht schaffen. Aber das war nicht so. "Diese Regenerationskraft war schon immer in mir, aber ich wusste es nicht. Ich weiß, dass ich das überstehen kann und wie und das tut mir gut."

Quelle: n-tv.de

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