Leben

Aus der Schmoll-Ecke Wendler ist nicht verrückt. Nein. Oder?

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Bei Klammern könnte einem eine despektierliche Beschreibung einfallen, aber auch hier gilt: neutral wie die Schweiz.

(Foto: imago images/Future Image)

"In deinen Fesseln lag ich wie Blei am Boden - ich war wohl geistig völlig verwirrt", singt Herr Wendler. Wen hat er damit gemeint? Sich selbst? Seinen Manager? Fragt unser Kolumnist. Lesen Sie hier seinen neutralen und unpolitischen Befund.

Geschätzte Lesende, hier ist es wieder, das politisch hyperkorrekte und moralisch tadellose kolumnistische Manifest direkt aus der Schmoll-Ecke. Ich möchte mich angesichts der aktuellen Situation an Sie wenden. Ich lasse mich nicht scheiden, denn ich bin es schon seit Jahren. Wir, meine Ex und ich, haben bis heute unterschiedliche Meinungen. Das ist auch gut so. Jeder sollte seine eigene Meinung haben, deshalb ist man ja auch individuell, manche sogar intellektuell. Bezüglich des Themas Syphilis bin ich wie die Schweiz. Ich bin neutral und unpolitisch. Das wollte ich Ihnen nur mitteilen. Ich bedanke mich für Ihre Unterstützung. Haben Sie noch einen wunderschönen Tag und fühlen Sie sich von mir umgarnt, aber nicht umarmt, da das wegen Corona momentan brandgefährlich ist. ENDE!

Beinahe hätte ich die kürzeste Kolumne der Welt geschrieben und mir allen Ärger erspart. Von Laura Müller lernen heißt siegen lernen. Ein kurzes Statement und gut ist. Laura Müller ist nicht irgendeine Frau Müller, sondern DIE Gemahlin von DEM Wendler. Bis vor wenigen Tagen kannte ich beide nicht, weil ich mich in einem musikalisch anderen Umfeld bewege und kein RTL empfange. Ich war überrascht zu erfahren, dass ein Fernsehender bereit ist, eine ganze Hochzeit von Paaren zu übertragen, dessen männliche Hälfte nicht weiß, dass Verfassung und Grundgesetz dasselbe sind. Ein weiteres Indiz dafür, dass ich nicht von dieser Welt bin, sondern aus der Ostzone.

Herr Wendler ist, wie ich inzwischen weiß, ein durchaus populärer Barde, dessen Gesangskunst nach meinem Dafürhalten zu wünschen übrig lässt. Aber das ist ja hier kein Wunschkonzert, sondern eine Kolumne, die von sinnvoll aneinandergereihten Buchstaben lebt. Ich zitiere daher aus einem Text DES Wendlers: "Die ganzen Jahre stand ich wohl unter Drogen - von meinen Zaubersprüchen hypnotisiert." Jaja, Selbsthypnose ist so ein Ding. Ich sage mir auch jeden Tag, ich sei ein toller Hecht, aber die Realität zeigt mir beständig, dass ich mehr zum langweiligen Karpfen neige.

Geistig suboptimaler Zustand

Weiter heißt es bei Herrn Wendler: "In deinen Fesseln lag ich wie Blei am Boden - ich war wohl geistig völlig verwirrt." Könnte es sein, dass er in diesem Lied eine traumhafte, wenn nicht gar traumatische Begegnung mit Vati Drosten oder Mutti Merkel verarbeitet hat? "Feuer, Feuer, Feuer, Feuer", singt er, "und ich ruf nicht die Feuerwehr." Das spricht nicht unbedingt für Empathie und Sozialkompetenz. Wie auch immer: Nun hat sich DER Wendler in das Heer aufgewachter Schlafschafe eingereiht und macht der Bundesregierung und RTL schlimme Vorwürfe, was die oben erwähnte Gattin veranlasste, Klartext zu reden: "Bezüglich des Themas Corona bin ich wie die Schweiz: Ich bin neutral und unpolitisch." Eine Eidgenossin wie aus dem Alpen-Bilderbuch.

Noch einmal für alle zum Mitsingen: "Ich war wohl geistig völlig verwirrt." Ich bin relativ sicher, dass Herr Wendler nicht der einzige Mensch auf der Welt ist, der sich solche Sachen dieser Tage, Wochen und Monate inbrünstig von der Seele trällert im Glauben oder Wissen, temporär geistig umnachtet (gewesen) zu sein. Wobei ich hier sofort anfüge, keine Ahnung zu haben, ob er sich mit dem Text selbst, eine andere, ihm bekannte oder - last but not least - fiktive Person meinte. Egal, ob real oder erfunden: Das "war" in dem Liedtext deutet darauf hin, dass besungener Mensch den geistig suboptimalen Zustand überwunden hat und es ihm nun besser geht.

"Ich habe ihm ganz klar gesagt, dass es ein No-Go war, mich als verrückt zu bezeichnen", sagte DER Wendler denn auch zur Diagnose seines früheren oder noch amtierenden Managers Markus Krampe, der mich schwer beeindruckt hat, weil er die Aussagen seines Mandanten tadelte, ihn aber als Mensch und Freund verteidigte, also nicht aus opportunistischen Gründen fallen ließ. Das ist mehr wert als das unzählige Durchhalte-Gerede aus Politik und Show-Business, falls es überhaupt einen Unterschied zwischen Politik und Show-Business gibt.

DER Schmoll

Jedenfalls machte Herr Krampe im Fernsehen folgende öffentliche Mitteilung über seinen Schützling: "Für mich ist er krank, tatsächlich krank." Die No-Go-Äußerung DES Wendlers könnte man als Zurückweisung des Verdachts verstehen, nicht ganz bei Trost zu sein. Streng genommen bedeutet sie jedoch, dass der Schlagersänger den Wunsch hat, von Herrn Krampe nicht "verrückt" genannt zu werden, was dieser allerdings auch gar nicht getan hat, so ich denn richtig informiert bin. Es lässt also offen, wie sich Herr Wendler selbst einschätzt, als irre oder nicht.

Zugegeben: Da der Manager viele andere Dinge zur jüngeren Entwicklung DES Wendlers sagte, konnte man sehr wohl schlussfolgern, dass ihm der Geisteszustand seines Klienten Sorgen bereitet(e). Herr Krampe deutete an, dass sein Mandant einen Psychologen aufsuchen sollte. Allerdings hat Herr Krampe neuerdings Hoffnung auf Besserung. "Vieles kommt bei ihm erst im Nachklang an." Was für ein gewisses Maß an Reflektion spräche.

Warum schreibe ich diesen Quatsch eigentlich? Ah ja, ich wollte RTL anbieten, meine Heirat zu übertragen. Statt DEN Wendler gibt es dann halt DEN Schmoll. Unterschätzen Sie bitte nicht meine Telegenität. Wenn ich nur vor dem Altar "Ja" sagen muss, hört man nicht meinen ostzonalen Dialekt. Nur fehlt mir aktuell noch DIE Braut, die ich vor den Traualtar führen könnte oder besser: würde. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Es ist nicht alles schlecht in Zeiten des fiesen Virus. Verantwortungsbewusste Sehr-Gutmenschen wie ich präsentieren sich bei Tinder selbstverständlich mit Maske, was meine Chance, die Frau meines Restlebens zu finden, um einiges erhöhen dürfte, wie ich - frei von der Saufleber weg - zugebe.

Beherbergungsverbot und Quarantäne

Die Selbstkritik kommt nicht von ungefähr. Die Bewegungslosigkeit meiner monatelangen Sozialquarantäne hat zu einer Erweiterung meines Bauchumfangs geführt. Der Muskelabbau geht schneller als der Klimawandel, wobei ich zugeben muss, dass dieser Vergleich hinkt wie eine Hafennutte. Allerdings beginne ich wieder, die Arme zu trainieren, damit ich demnächst abermals auf dem Balkon allen Krankenschwestern und -brüdern sowie Patientenbehandelnden, wie Ärzte neuerdings politisch korrekt bezeichnet werden müssen, damit sich Frauen nicht ausgeschlossen fühlen und die Welt besser wird, lautstark Beifall spenden kann. Denn bald müssen die Helden wieder ihre Heldenhaftigkeit beweisen.

Derweil vermeide ich Kontakt zum fiesen Virus. Ich habe mir ein scharfes Beherbergungsverbot verordnet und lasse mich nicht mehr in meine Wohnung, wenn ich nach der Sperrstunde um 23 Uhr nach Hause komme, was jedoch sowieso nicht passiert, da ich den Müll tagsüber runterbringe und die Wohnung nur zum Klopapierkauf verlasse. Telefoniere ich unterwegs, kommt mein Handy in eine 28 Tage lange Quarantäne. Denn nachdem ich gelesen habe, dass das fiese Virus auf glatten Flächen bis zu 28 Tage überleben kann, gehe ich hier auf Nummer sicher.

Klar, ich könnte natürlich auch das Display zerkratzen. Dann wäre es nicht mehr glatt. Das hätte auch den Vorteil, dass ich keine Whatsapps mehr sehen würde mit Hinweisen, wie ungefährlich das fiese Virus ist, mehr Menschen an Krebs und bei Verkehrsunfällen sterben und dass wir unaufhaltsam in eine Diktatur marschieren. Ach, Schmoll, jetzt sei mal nicht so negativ. Wieso? Negativ ist doch voll cool. Nur wer negativ ist, darf in den Urlaub.

Quelle: ntv.de