Leben

Corona sorgt für tierischen Boom Wenn ein Hund - dann jetzt!

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Ordentlich was los im Hundeauslaufgebiet!

(Foto: L. Freudenreich)

Homeoffice und keine echten Kontakte - kein Wunder, dass immer mehr Menschen sich einen Hund zulegen. Züchter, Hundetrainer und Dogwalker berichten von einem Anstieg der Nachfrage. Leo Busch, selbst ausgebildet als Hundetrainerin, hat sich umgehört.

Heinrich hat diesen Blick. Den Blick, dem Hundeliebhaber nicht widerstehen können. Von unten herauf, bittend, mit angelegten Ohren, runder Schnauze und einem kleinen schüchternen Wedeln. Kein Wunder, dass Silvia D. nicht nein sagen konnte, als sie auf die Fotos des Mischlings im Internet stieß. "Es war eine Mittagspause im April - mitten im Lockdown - und irgendwie surfte man dann ja privat am Küchentisch - und ich dachte, warum eigentlich nicht?"

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Auf die Größe kommt es nun wirklich nicht an. Oder?

(Foto: L. Freudenreich)

Heinrich lebt nun seit fünf Monaten bei der 54-Jährigen. Und beide scheinen glücklich zu sein. Der Tag hat Struktur, Gassi-Runden wechseln sich mit Büroarbeit ab und werden unterbrochen von Schmuse- und Spiel-Einheiten. Und was, wenn die Homeoffice-Zeit wieder vorbei ist? Silvia hat Glück. Ihre Chefin in der Steuerberatungsfirma, in der sie arbeitet, hat signalisiert, dass Silvia den Hund mitbringen darf. Und sie hat auch Glück gehabt, dass der Züchter ihres Hundes nicht zu den vielen Kriminellen gehört, die derzeit vom Hundeboom profitieren. Denn Unzählige züchten Hundewelpen unter miesesten Bedingungen und schmuggeln sie dann ohne Papiere ins Land. Auch diese Hunde werden übers Internet verkauft.

Anruf bei Ulf Kopernik, Pressesprecher beim Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH). "Ich befürchte zwei Wellen", sagt er und meint damit ausnahmsweise mal nicht Corona-Wellen. Sondern Wellen, die auf die Tierheime treffen werden. "Die erste wird die Welle sein, in der die Menschen schon relativ früh bemerken, dass so ein Welpe nicht nur süß ist, sondern auch Arbeit macht." Und die zweite Welle? "Das sind dann häufig die Hunde, die über Ebay von unseriösen Vermehrern gekauft wurden, viel zu früh abgegeben wurden und daher nicht sozialisiert sind", so Kopernik. Die könnten anfangen, irgendwann zu beißen, und damit sind die meisten Menschen dann überfordert.

Diese Sorge treibt auch viele Tierheim-Leitungen um. Profitierten sie zu Beginn der Corona-Krise noch von der erhöhten Nachfrage, müssen sie sich nun darauf einstellen, bald einen gewaltigen Schwung von Tieren zu bekommen, die womöglich schnell in der Kategorie "Problem-Hund" landen. Oder andere, die gesundheitliche Probleme haben.

Hunde aus Qualzucht

Auffällig findet Kopernik derzeit, dass ihm immer mehr Hunde wie Französische Bulldoggen und Möpse begegnen. Hunde also, die durch ihre zu kurz gezüchteten Nasen erhebliche Einschränkungen haben können. Kritiker sprechen gar von Qualzuchten. Diese hohe Anzahl von Bulldoggen und Möpsen können kaum alle von seriösen Züchtern stammen. Denn im VDH werden jährlich um die 120 Mops-Welpen geboren. Bei Tasso, einem freiwilligen Tier-Register, wurden dieses Jahr schon 6000 dieser Mode-Hunde registriert.

Aber Kopernik sieht auch Vorteile, wenn sich die Menschen das mit dem Hund gut überlegt und nicht spontan einen Welpen aus dem Internet bestellt haben: "Gesellschaften, in denen eine gute Hundehaltung stattfindet, sind in der Regel angenehme Gesellschaften. In ihnen haben Menschen Verständnis für die Natur, lernen viel über soziales Verhalten und über analoge Kommunikation."

Erst einmal schön

Lars Thiemann, ein vom Berliner Senat anerkannter Sachverständiger für das Hundewesen, kann das nur bestätigen. Schmunzelnd sagt er: "Wenn Leute durch die zwangsverordnete Entschleunigung zu sich selbst finden und ihnen klar wird, dass ein Hund ein wunderbarer Begleiter ist, dann ist das erst einmal schön." Doch er bedauert, dass es manchen verwehrt bleibt, die Hundeschule zu besuchen. "Kollegen in Nordrhein-Westfalen erleben derzeit ein Berufsverbot. Sie dürfen dort nicht einmal Einzeltraining draußen anbieten."

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Lara Freudenreich hat viele Anfragen - zur Not kommt das Fellbündel in die Tragetasche.

Klar, dass dort auch keine Welpenstunden stattfinden. Hundetrainer in anderen Regionen haben es da leichter. Aber auch sie müssen nachweisen, dass Abstand und weitere Corona-Regeln eingehalten werden. Und auch das führt zu einem verknappten Angebot. Unsozialisierte Hunde sind die Folge. Auch Thiemann befürchtet, dass im kommenden Jahr die Auswirkungen des Hunde-Booms nicht immer erfreulich sind.

Lara Freudenreich, Dogwalkerin in Berlin, bezieht das nicht nur auf soziale Verhaltensweisen von Hunden. Sondern auch auf ganz praktische Folgen. Sie ahnt, dass es "zu vielen Ups-Würfen kommen wird." Ups-Würfe? "Ja, Hundehalter, die sich mit läufigen Hündinnen nicht auskennen und sich dann wundern, dass die Hündin, obwohl sie nicht mehr blutet, gedeckt werden konnte." Sie selbst hat seit Anfang des Sommers mehr Anfragen, als sie bewältigen kann. Sogar im Wald merkt sie die gestiegene Anzahl der Hunde. Bei unserem Telefonat steht sie auf einem Waldparkplatz in einem Berliner Hundeauslaufgebiet bei Nieselregen. 30 Autos zählt sie dort an einem Dienstag Nachmittag. Vor einem Jahr wären es vielleicht 5 gewesen.

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Passt doch.

(Foto: privat)

Natürlich findet sie es erst einmal gut, dass Menschen jetzt Zeit und Gelegenheit haben, sich einen Hund anzuschaffen. Aber muss es ein Berner-Sennenhund-Pudel-Mischling sein, ein Berner Doodle also, und das für 3900 Euro aus dem Internet? Zudem ahnt sie, dass "der schwarz-weiße Border-Collie, den man sich passend zur Wohnungseinrichtung besorgt hat, irgendwann doch zu viel Arbeit macht und dann gehen muss". Schön aber sei, dass viele lustige Junghunde in ihre Runde kommen.

Kann man sich das leisten?

Pudel-Züchterin Sandra F. freut sich auch über mehr Nachfrage. Sieht aber kritisch, dass das manche Züchter ausnutzen, ohne sich viel Gedanken über die Folgen zu machen. Sie beispielsweise legt großen Wert darauf, dass die genetische Vielfalt bei ihrer Pudelfamilie erhalten bleibt. Daher würde sie nie immer nur ein und denselben Rüden decken lassen. Und ihre Sorgen sind mehr zukunftsgerichtet. Wird ihre Hündin für den nächsten Wurf im Frühjahr einen der Deckrüden aus Schweden, Finnland oder Russland treffen können? Auch die Preisentwicklung betrachtet sie mit Sorge. Ist es gerechtfertigt, 3600 Euro für einen Pudelwelpen zu nehmen? "Ich finde, eine Familie soll sich immer noch einen Hund leisten können", sagt sie.

Zudem macht sie sich Gedanken über ihre Kundschaft. Zum ersten Mal in ihrer langen Züchter-Karriere bekam sie in diesem Jahr zwei ihrer Welpen zurück. Einen davon nach zwei Tagen. Angeblich, weil die Kunden keinen Bezug zu dem Tier entwickeln konnten. Das sei ihr noch nie passiert. "Sind die Menschen durch Corona gestresster als sonst?", fragt sie sich besorgt. Als Sachbearbeiterin im Landesamt für Finanzen ist sie glücklicherweise nicht finanziell abhängig von der Hundezucht. Aber ein Herzensanliegen ist es ihr. Und daher hofft sie, dass sich alles wieder beruhigen wird.

Junghund Heinrich jedenfalls muss jetzt mal raus. Und Silvia ist froh, dass wenigstens einer ihr sagt, wie ihre Work-Life-Balance auszusehen hat. Es klappert am Telefon, als sie sich die Hundeleine schnappt und sagt: "Sorry, aber wir müssen los - Heinrich ist der Boss in meinem Homeoffice."

Quelle: ntv.de