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Spaß bei der Arbeit - das ist wichtig für Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner.
Spaß bei der Arbeit - das ist wichtig für Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner.(Foto: imago/Future Image)
Sonntag, 27. September 2015

Doppelt ermittelt besser: "Polizeiruf 110" in zwei Teilen

Von Ingo Scheel

Beim "Polizeiruf 110" wird diesmal geklotzt statt gekleckert: zwei Folgen, zwei Reviere, zwei Kommissarinnen, dazu jede Menge Spuren und Buckow hat eine Leiche am Hals. Die erste Hälfte der Doppelfolge "Wendemanöver" macht neugierig auf Teil zwei.

Er passt wieder einmal in die Zeit, der neue Polizeiruf, der rund um den Tag der Deutschen Einheit als Zweiteiler daherkommt, dabei die Reviere in Magdeburg und Rostock miteinander bekannt macht und zum Teamwork nötigt. 25 Jahre Wiedervereinigung, ein Vierteljahrhundert ist das neue Deutschland alt, die Äste der alten Stammbäume ragen jedoch noch immer in die Jetzt-Zeit, schreiben die unterschiedlichsten Biografien weiter und lassen auch noch so tief in Kellern verstaute Leichen nicht ruhen. "Wendemanöver" nennt Eoin Moore seinen mittlerweile achten "Polizeiruf" und breitet hier einen Fall aus, der in die Zeit von Treuhand und Transferrubelbetrug zurückreicht.

Rostock und Magdeburg arbeiten Hand in Hand.
Rostock und Magdeburg arbeiten Hand in Hand.(Foto: imago/Future Image)

Bei einem Brand in einem Magdeburger Unternehmen kommt die Juniorchefin ums Leben, kurze Zeit später wird in einem Rostocker Hotel die Leiche eines Wirtschaftsprüfers entdeckt. An der Ostsee beginnt Katja König (Anneke Kim Sarnau) ihre Ermittlungen, für sie ein etwas ungewohnter Angang, muss sie doch ohne Buckow (Charly Hübner) auskommen, der suspendiert-frustriert sein Dasein zwischen dem runtergekommenen Boxschuppen seines Vaters und dem Büro der unbarmherzigen Polizeipsychologin fristet. Statt seiner ist nun der nassforsche Pöschel (Andreas Guenther) an ihrer Seite. In Magdeburg nehmen Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und ihr chronisch schwer zu durchschauender Partner, Jochen Drexler (Sylvester Groth), die Arbeit auf.

Als klar wird, dass die beiden hier wie dort Ermordeten nicht nur ein Verhältnis hatten, sondern unmittelbar vor den Untaten auch miteinander telefonierten, schließen sich Magdeburg und Rostock erst kurz und später zusammen, um gemeinsam das Geflecht zu entwirren, das ihre beiden Einsatzbereiche in diesem Fall miteinander verbindet. Alle Spuren scheinen in der Firma Richter zusammenzulaufen, drumherum breitet Eoin Moore eine ganze Landkarte aus Verfehlungen und Fehltritten, alter Schuld und neuer Sühne, fast vergessenen Weggefährten und gebeugtem Recht aus.

Buckow wie Fuck off

Andreas Guenther, Anneke Kim Sarnau, Charly Hübner, Claudia Michelsen, Uwe Preuss und Sylvester Groth.
Andreas Guenther, Anneke Kim Sarnau, Charly Hübner, Claudia Michelsen, Uwe Preuss und Sylvester Groth.(Foto: imago/Future Image)

Nicht nur, dass Moore hier zwei Reviere fallbedingt miteinander vermählt, das komplexe Verbrechen breitet sich zudem auch über zwei Folgen aus. Wie oft hatte man schon gedacht, wie es wohl wäre, wenn es die verschiedenen Teams einmal miteinander zu tun hätten, wie oft gerieten 90-Minuten-Folgen so randvoll mit Plots und Subplots, dass eine Mehrfach-Folge angeraten gewesen wäre, um all die Knoten und Verstrickungen aufzulösen. Moore macht nun beides und ganz sicher braucht die Geschichte das, die Verdoppelung der Sendezeit macht das Geschehen nicht eben übersichtlicher. Nicht nur dass in der ersten Hälfte noch viel zwischen den Städten hin- und hergesprungen wird, zusätzliche Zeitsprünge und Rückblenden sorgen zudem für Konzentrationsbedarf.

Schräg bis skurril gerät das erste "Kennenlernen". Wie in einer jener "Fringe"-Folgen, da die beiden Teams aus den Gegenwelten aufeinandertreffen – "Aha, so seht ihr also aus" – stehen die Magdeburger und Rostocker auf dem Gang des Reviers, mustern einander und wähnen sich kurz in der Replikanten-Werkstatt. Die Ähnlichkeiten verfliegen jedoch schnell, die unterschiedlichen Mentalitäten geraten zum reizvollen Unterton des "Wendemanövers", wie überhaupt noch ein ganzes Füllhorn an Quasi-Kontroversen ausgeschüttet wird. Buckow – "wie Fuck off" – beschimpft zuerst und besticht später seine Psychologin, Doreen Brasch gerät zum verhuschten Gegenstück zur burschikos-betörenden König und qua Drexlers Liebesszene wird nicht nur einer der Hauptverdächtigen zum Bettgesellen, sondern auch mal eben einer der Kommissare wohltuend unaufgeregt – und längst überfällig – als homosexuell auserzählt. Zu schade, dass Schauspieler Sylvester Groth just seinen Abschied von der Rolle bekannt gegeben hat.

Am Ende des ersten Teils jedenfalls flattern die losen Drähte funkensprühend durch die Nacht, die Tat ungeklärt, die Verwirrung eher noch gestiegen und Buckow, per Taser außer Gefecht gesetzt, sitzt im Auto neben einer Leiche. Es bleibt, es wird spannend am kommenden Sonntag. Das Experiment Zweiteiler darf man jetzt schon als gelungen bezeichnen. Fortsetzung folgt.

Quelle: n-tv.de