Unterhaltung

Die Demontage des Zampanos Thomas Gottschalks Super-GAU

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"Spendet für Thommy": Thomas Gottschalk.

(Foto: picture alliance / dpa)

Aus. Schluss. Vorbei. Mit "Gottschalk Live" endet ein für alle Beteiligten unwürdiges Schauspiel der Fernsehgeschichte. Thomas Gottschalk nimmt seine Demontage wie gehabt mit Selbstironie. Doch die Spuren der Katastrophe werden für ihn schwer zu beseitigen sein.

GAU - im Bereich der Kernenergie stehen diese drei Buchstaben bekanntlich für den "größten anzunehmenden Unfall". Wem das - nach Tschernobyl und Fukushima - im Zusammenhang mit Thomas Gottschalk womöglich zu hoch gegriffen und pietätlos klingt, der sollte flugs seine Fantasie walten lassen. GAU - das könnte schließlich auch stehen für das "gemeinste abzusehende Ungemach", das "gigantischste aller Unheile" oder schlicht den "größten anzunehmenden Unfug".

Weshalb jede dieser Umschreibungen ziemlich zutreffend ist, konnte man in den vergangenen Wochen und Monaten Vorabend für Vorabend live und in Farbe bei der ARD erleben. Der Entertainer führt sowohl Gott als auch den Schalk im Namen. Doch der Schalk saß ihm bei "Gottschalk Live" ebenso wenig im Nacken wie die Sendung stets alles andere als gar göttlich war. Eher schon ließ sie einen manchmal "Oh, mein Gott" ausrufen und hier und da an einen Schildbürgerstreich glauben.

Wünsch Dir was

Dass auch die letzte Ausgabe daran nichts ändern würde, war klar. Ja, die Sache mit den 66 Träumen, deren Erfüllung sich die Sendung nach dem Beschluss ihrer Absetzung auf den letzten Metern zum Ziel gesetzt hatte, ist als gutmenschliche Idee natürlich nicht zu kritisieren. Als Fernseh-Format versprühte das jedoch zur besten Sendezeit den Charme eines Potpourris aus längst vergessen geglaubten TV-Anekdoten - irgendwo zwischen "Wünsch Dir was", "Nur die Liebe zählt" und "Bitte melde Dich". Dabei konnte es sich Gottschalk natürlich auch zum Finale nicht verkneifen, selbstironisch auf dem eigenen Scheitern herumzureiten: "Dieser Applaus geht schon mehr in Richtung 'Spendet für Thommy'."

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Das Schicksal Samuel Kochs lässt Thomas Gottschalk nicht los - hier sind sie gemeinsam bei einer Buch-Präsentation.

(Foto: picture alliance / dpa)

Gut, dass er noch scherzen kann. Schließlich war "Gottschalk Live" so etwas wie ein Super-GAU für Thommy. Der eigentliche GAU passierte schon bei "Wetten dass..?". Als der Wettkandidat Samuel Koch sich bei seinem waghalsigen Sprung über fahrende Autos schwer verletzte, fielen alle "U" ineinander - Unfall, Ungemach, Unheil und der Unfug einer zu riskanten Wette. Weil es nun tatsächlich zu pietätlos wäre, den schlimmen Schicksalsschlag für Samuel Koch in Wortspielereien und Gedankenexperimente über das vergleichsweise nur allzu belanglose Schicksal eines Fernseh-Moderators einzubinden, lassen wir ihn außen vor. Reden wir nur über den GAU, den die Geschehnisse für den Sender, die Sendung, das Publikum, Michelle Hunziker und Thomas Gottschalk bedeuteten.

Den Umständen entsprechend haben sich alle weitgehend erholt. Das ZDF steht noch immer auf dem Lerchenberg. "Wetten dass..?" findet alsbald seine Fortsetzung mit einem neuen Moderator Markus Lanz. Das Publikum hat den Schock verdaut. Michelle Hunziker hat sich wieder auf ihre florierende Zweit-Karriere in Italien verlegt und wurde von ihrem alten Arbeitgeber RTL mit Kusshand bei "DSDS - Kids" begrüßt. Nur ausgerechnet Gottschalk, der Zampano, brachte die Auswirkungen des GAU für sich nicht unter Kontrolle.

Das wäre Ihr Preis gewesen

Klar, wäre es für alle Beteiligten besser gewesen, der Unfall bei "Wetten dass..?" wäre nie passiert. Doch nachdem sich das Ereignis leider nicht ungeschehen machen ließ, gab es nur eine Handvoll möglicher Szenarien. Das erste wäre gewesen, dass Gottschalk die Sendung dennoch weiter moderiert hätte. Nach einer längeren Pause und ohne die öffentliche Rücktritts-Ankündigung mit den anschließenden Nachfolge-Spekulationen wäre das wohl gegangen. Die Zuschauer, das zeigte sich an den Reaktionen auf Gottschalks Abgang, sahen bei dem Entertainer keine Schuld für das "Wetten dass..?"-Drama. Gottschalk hätte die Show noch ein paar Jahre präsentiert und wäre dann in den verdienten Ruhestand gegangen - als TV-Legende, in deren Vita sich unglücklicherweise auch eine Tragödie eingeschlichen hat.

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Auch Berufsjugendliche werden älter.

(Foto: picture alliance / dpa)

Allerdings: Mit seinem Rücktritt zeigte Gottschalk wahre Größe und verdiente sich dafür allen Respekt. Ein zweites Szenario wäre von daher gewesen, dass er sich gleich vom Bildschirm zurückgezogen hätte. Zumindest weitgehend und vorerst. Schon zu seiner "Wetten dass..?"-Zeit präsentierte er vereinzelt auch andere Formate - von der alljährlichen Spendengala "Ein Herz für Kinder" bis hin zum ZDF-Jahresrückblick. Als TV-Grandseigneur hätte er dies problemlos fortsetzen können. Ob Gottschalk dann allerdings noch einmal zu einem größeren Comeback angesetzt hätte, darf bezweifelt werden. Anders als etwa Anke Engelke, die in jungen Jahren Rückschläge einstecken musste und sich inzwischen als wahres Stehauffrauchen erweist, zählt der ewige Berufsjugendliche in Wahrheit nun doch auch schon 62 Lenze.

Eine dritte Möglichkeit wäre gewesen, dass Gottschalk sich gleich darauf besonnen hätte, was er erwiesenermaßen kann - die große Abend-Show. Und nicht nur er, sondern auch sein Arbeitgeber. Dies hätte jedoch bedingt, dass die Bereitschaft, ernsthaft an einem erfolgversprechenden Alternativ-Entwurf zu "Wetten dass..?" zu arbeiten, größer gewesen wäre als die krude Annahme, die Person Gottschalk allein reiche aus, um mit einem unausgegorenen Konzept Quoten-Löcher am Vorabend zu stopfen. Mal unterstellt, dass es überhaupt so etwas wie ein Konzept gab.

Worst Case "Gottschalk Live"

So kam es zu Szenario Nummer 4 - "Gottschalk Live". Der Entertainer kann nicht sagen, dass niemand ihn vor diesem Experiment gewarnt hätte. Schon als die ersten Pläne dafür publik wurden, gab es zahlreiche skeptische Stimmen. Umso schlimmer wiegt es, mit welcher Sorglosigkeit, ja Naivität die Verantwortlichen die Sache angegangen sind. Schon bei der ersten Pleiten-Pech-und-Pannen-Ausgabe musste man sich als Zuschauer fragen, wofür die lange Vorbereitungszeit und die Gelder für das Format eigentlich verwendet wurden. Das anschließende unwürdige Kesseltreiben mit kosmetischen Hauruck-Operationen à la Studiopublikum an der Sendung machte das nicht besser. Im Gegenteil. "Gottschalk Live" war nicht nur ein Desaster für den Moderator, sondern auch für die ARD.

Seine Demontage kommentierte Gottschalk teils trotzig, teils verwundert, teils verletzt. Selbst über die um einen Tag vorgezogene Absetzung seiner Sendung hat seinen Aussagen zufolge niemand der ARD-Granden mit ihm persönlich gesprochen. Möglicherweise steht der Sender ja tatsächlich zu seinem Wort, an ihm festhalten und ein für ihn geeignetes Format entwickeln zu wollen. "Sie werden noch von mir hören", sagte Gottschalk am Ende der letzten Ausgabe seines Vorabend-Talks, ganz so, als glaube er tatsächlich daran. Nur: Dieses dritte Szenario hätte er auch ohne den Umweg der Entzauberung durch "Gottschalk Live" einschlagen können. Und müssen. Doch - ohne jede Häme - den Super-GAU dürfte Thommy kaum noch in den Griff kriegen.

Quelle: ntv.de

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