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Keinohrglatzen? Dreiohrnazis? Alle raus! Til Schweiger, Bashing-Bube der Nation

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(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Egal, wie man zu Til Schweiger steht: Es geht nicht um seine Filme. Es geht schlicht und ergreifend darum, dass er recht hat. Er hat das Recht, seine Meinung zu sagen, und recht damit, was er zur Flüchtlingsthematik zu sagen hat.

Meine Beziehung zu Til Schweiger? Hm, indifferent bis schwierig, würde ich mal sagen. Auf der einen Seite erkenne ich seinen unglaublichen Erfolg an (den er selbst immer wieder gern betont, neulich bei Dunja Hayali in der Sendung "Donnerstalk" zum Beispiel: "Hey, ich bin Deutschlands erfolgreichster Filmemacher" - allerdings auf die von der Moderatorin stellvertretend gestellte, unglaublich blöde Frage: "Das macht der doch nur aus PR-Gründen, oder?"). Auf der anderen Seite kann seine Stimme ganz schön nerven, ebenso wie seine Beharrlichkeit, in immer denselben Klamotten auch bei großen Empfängen und Preisverleihungen aufzutauchen und sich keinem Zwang anzupassen (auch wenn das ja schon wieder ein Punkt ist, der eher auf die Cool-Seite rüberschielt). Auch seine Art, mit der Presse umzugehen (ich wollte 2012 mal ein Interview machen zu seinem Afghanistan-Film "Schutzengel", da wurden aber nur ganz auserwählte Kollegen eingeladen, also ich nicht), ist nicht ganz so einfach, beiderseits. Und seine Abneigung gegen bestimmte Medien tut er ja auch ungeschönt und immer wieder kund. Aber egal, wir können alle nicht ohneeinander existieren.

Außerdem will ich ja jetzt gar nicht über Tils Filme schreiben (die ich mag, wenngleich ich auch finde, dass das Wort "ficken" einen Tick zu oft darin vorkommt dafür, dass diese ganzen Tierfilme - Keinohrhase, Zweiohrküken, Kokowääh - ja angeblich für die ganze Familie gemacht wurden.) Ich bin, noch mehr als über die Vergabe-Politik bei Interviews, erstaunt darüber - und "erstaunt" trifft es nicht im Geringsten, "entsetzt" ist das bessere Wort - wie mit einem deutschen Mann, Schauspieler, Vater, Freund, Arbeitgeber umgegangen wird, wenn er mal was Gutes tun will. Jetzt bin ich nicht die Erste, die das nicht kapiert, schon klar, aber ich finde, man kann es nicht oft genug sagen, dass das Kleingeistige, das Ausländerfeindliche, das Dumme und das Ewiggestrige nichts in unserem Land zu suchen haben! Insofern: Kleingeistige, Ausländerfeindliche, Dumme und Ewiggestrige raus!

Und nein, ich möchte an dieser Stelle nicht die vielen Zitate wiederholen, mit denen die Facebook-Seite Til Schweigers seit seinem Aufruf, für Flüchtlinge zu spenden und seiner Ankündigung, sich für den Bau eines Asylbewerberheimes zu engagieren, zugespamt wurde. Sie sind die Zeit und die Tinte nicht wert, noch mehr Dummheit muss einfach nicht kopiert werden. Und dass der Mann sich dann rüpelhaft äußert ("Verpisst euch von meiner Seite!") ist vollkommen okay, denn anders versteht die Asi-Bande das ja auch nicht. (Es muss so dermaßen gruselig sein, "Fans" zu haben, deren IQ auf der Höhe eines Toastbrots liegt ...) 

Anstehen für Wasser = Anstehen wie bei Apple?

Es ist doch klar, dass Til Schweiger nicht persönlich den Blaumann anziehen wird, um ein Haus zu bauen. Und auch, dass er nicht an der Essensausgabe stehen wird, ist verständlich. Er will Geld da reinstecken, Kontakte nutzen. Das ist super! Das ist auf jeden Fall mehr, als die meisten von uns tun. Ein Besuch auf der Seite des Berliner Landesamts für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) macht deutlich, dass ganz viel Hilfe, ganz in der Nähe, gebraucht wird. Helfen ist gar nicht so einfach, in Deutschland sogar sehr bürokratisch, und zu helfen bedeutet auch, sich zu überwinden: "Wenn ich da mit meinen Zahnbürsten, Wasserflaschen und abgelegten Kinderklamotten auflaufe, komme ich da nicht als elitärer Gutmensch rüber? Gucken mich die Flüchtlinge eventuell sogar komisch an? Und wie wird mein Gutmenschentum von den professionellen Helfern aufgenommen?"

*Datenschutz

Das zumindest hab' ich mich gefragt, nachdem ich Folgendes in der "Zeit" vom 7. August las: "Ein Sprecher des Landesamtes, der nicht namentlich genannt werden will, sagt, es sei alles nicht so schlimm. Die Leute bekämen eine Unterkunft zugewiesen, es gäbe sanitäre Anlagen und verdurstet sei auch niemand. Die Wasserbetriebe hätten mehrere Tausend Liter Wasser zur Verfügung gestellt. Dass Leute für etwas länger anstehen, kenne man schließlich auch von Apple-Kunden. Das Landesamt sei kein Beherbergungsbetrieb, sondern eine Behörde, so der Sprecher. Manche der Asylbewerber schliefen sowieso lieber auf der Straße. Die Hilfe der Freiwilligen sei nett gemeint, es müsse aber ordentlich zugehen."

Entschuldigung, anstehen wie bei Apple? Lieber auf der Straße schlafen als unter einem Dach? Nett gemeint? Also, das klingt menschenverachtend - sollte jedoch bitte niemanden davon abhalten, sich auf den entsprechenden Seiten zu informieren, was an solchen Orten gebraucht wird!

Würden Sie nicht auch flüchten, wenn es Ihnen schlecht ginge?

Zurück zu Til Schweiger: Wer ihn in einem Interview sieht, der erahnt schnell, dass er lieber kein Politiker werden sollte. Er ist zu unstrukturiert, er kommt vom Hundertsten ins Tausendste, er pöbelt, er flucht, er ist emotional, er schwitzt, er kratzt sich, er redet sich in Rage. Dafür muss er sich dann anhören, dass er besoffen oder mindestens bekifft sei, wird von Jan Böhmermann verarscht (zugegeben, sehr lustig), darüber wird aber ganz vergessen, dass das doch ein guter Zustand ist: emotional, empathisch, mitfühlend. Wo würden wir landen, wenn wir alle aalglatte Arschlöcher wären?

Und ja, es mag ein paar schwarze Schafe unter Flüchtlingen geben, wie überall, aber die meisten sind Leute wie du und ich: Wer verlässt mit Kleinkindern, Oma am Rollator, schwanger und pleite seine Heimat, wenn er nicht denken würde, dass es woanders besser wäre? Was würden Sie tun, wenn Sie keine Möglichkeit mehr sehen würden, Ihren Kindern ein menschenwürdiges, lebenswertes Leben bieten zu können? Überhaupt ein Leben!! Würden Sie nicht auch aufbrechen und alles versuchen? Und was wären Sie denn eigentlich für ein Schlappschwanz, wenn Sie das nicht versuchen würden? Sind unsere Vorfahren nicht auch alle schon mal geflohen? Oder wollten es gerne? Wir müssen gar nicht bis zum Zweiten Weltkrieg zurückblicken, sondern brauchen nur das Beispiel DDR: Da wollten auch viele "rübermachen", aber nicht, weil sie von Krieg oder Hunger bedroht gewesen wären, da ging es eigentlich "bloß" um Reisefreiheit, Berufswahlfreiheit, besseren Kaffee und geilere Jeans. Absolut verständlich!!!

Und sorry, dass ich das so plump sage, aber jeder Mensch will seine Situation, sofern sie ihm nicht gefällt, verändern, und zwar zum Besseren! Die Leute, die jetzt in unserem Land ankommen, sind Ärzte, Anwälte, Verkäufer, Handwerker, Kinder, Alte, Gesunde, Kranke, haben ihr Haus, ihre Verwandten und Freunde, ihren Job, ihr Hab und Gut, ihr Auto (!) zurückgelassen - um dann in einem Land anzukommen, wo die hässlichsten Fratzen, die ein Land so zu bieten hat, sie empfangen. Die alte Fahnen schwenken und Parolen rufen, die ein Asylbewerber hoffentlich gar nicht komplett versteht, aber anhand der hässlichen Fratzen schon erkennen kann, dass er hier auch nicht willkommen ist. Was würden Sie denn dann tun? Würden Sie nicht ausrasten? Würden Sie sich nicht beschweren wollen? "Hallo, ich hatte ein gutes Leben bestellt, jetzt krieg' ich nur nach Warteliste einen Tisch am Klo, das kann doch nicht sein", würden Sie denken und verzweifeln, weil Ihrem Kind schon wieder die besten Aussichten auf Bildung, Gesundheit und Wohlstand, ganz einfach: GLÜCK, verwehrt werden!

Völlig verständlich und logisch also, dass Menschen zu uns kommen wollen, oder? Und deswegen jetzt überall dort, wo besonders laut "Ausländer raus" krakeelt wird: "Einfach mal: Fresse halten." Hat schon Dieter Nuhr gesagt.

Quelle: ntv.de