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Von Jennifer Weist bis Frei.Wild Wenn der tumbe Mob sich enttarnt

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Wer hätte gedacht, dass es ihnen mal ähnlich ergehen würde? Jennifer-Rostock-Sängerin Jennifer Weist und Frei.Wild-Frontmann Philipp Burger.

(Foto: Imago / Collage: n-tv.de)

Ein Freund der Jennifer-Rostock-Sängerin wird niedergestochen und Frei.Wild distanzieren sich von Fremdenfeinden - zwei Meldungen vom Dienstag, die die Hass-Kommentare im Netz mal wieder überquellen lassen. Dabei zeigt sich: Die Hater sind nicht nur Trottel. Es ist schlimmer.

Eigentlich sollte man meinen, die "Huffington Post" hätte in einem viel beachteten Artikel vor vier Wochen alles gesagt. "Eure Dummheit bringt Deutschland an den Abgrund", resümierte die Autorin über die Idioten, die sich mittlerweile Tag für Tag in Hass-Kommentaren über Ausländer, Flüchtlinge, die "Lügenpresse", Linke, Liberale, "Gutmenschen", Intellektuelle oder was auch immer sonst nicht in ihr beschränktes Weltbild passt, im Netz überbieten. Doch es zeigt sich, dass das Ende der Fahnenstange immer noch ein Stückchen höher sein kann.

Zwei Meldungen vom Dienstag waren für den Mob mal wieder passende Gelegenheit, sein hässliches Gesicht zu zeigen. Zwei Meldungen, die ganz und gar nichts Lustiges an sich haben, deren zeitliches Zusammentreffen aber schon eine gewisse Ironie birgt. Jennifer Weist, Sängerin von Jennifer Rostock, die sich politisch nach eigenem Bekunden "klar links" verortet und Bands wie die Böhsen Onkelz und Frei.Wild "scheiße und rassistisch" findet, berichtete von einem dramatischen Überfall. Ihr Bekannter wurde dabei mit einem Messer so schwer verletzt, dass er fast gestorben wäre. Ausgerechnet Frei.Wild posteten unterdessen ein Statement, mit dem sie sich womöglich endgültig von jedem Rassismus-Verdacht freistrampeln wollen. Die Reaktionen ließen hier wie da nicht lange auf sich warten.

Die ultimative Verrohung

Viele Jennifer-Rostock-Fans äußerten ihr Entsetzen und Bedauern für Weists schlimmes Erlebnis und übermittelten Genesungswünsche an den verletzten Begleiter. Andere Nutzer indes nahmen die Schilderungen der Sängerin bei Facebook zum Anlass, um sich mal wieder in Hasstiraden zu ergehen. Obwohl Weist in ihrem Bericht die mögliche Nationalität der Angreifer noch nicht mal erwähnt hatte (aber sehr wohl klarstellte, dass das Opfer Ausländer ist), kamen für viele als Täter offenbar per se nur Zuwanderer infrage.

Die üblichen "Das Boot ist voll"-Floskeln gehörten da geradezu noch zu den harmloseren Kommentaren. "Empathieloses Pack!", wütete vor Kurzem Til Schweiger, als sich auf seiner Facebook-Seite Fremdenfeinde und Flüchtlingsgegner austobten. Doch der Fall Jennifer Weist zeigt: Die Verrohung macht bei der tragischen Situation von Flüchtlingen, die nicht selten in ihrer Heimat um ihr Leben fürchten oder dieses auf ihrer Flucht riskieren mussten, nicht halt. Die Abgestumpftheit walzt auch bei einem derartigen Verbrechen gnadenlos über Menschenleben hinweg. Über das der Täter allemal, aber auch über das des Opfers.

"Diese müssen abgeschlachtet werden, das ist das Beste. Solchen Missgeburten gehört das Gesicht flach gelatscht", schrieb etwa eine Nutzerin auf Weists Facebook-Seite mit Blick auf die Angreifer. "Immer als erster zuschlagen, so hart und so brutal wie möglich und erst aufhören, wenn keiner mehr steht. Punkt", meinte ein anderer. "Todesstrafe sollte eingeführt werden, manche haben nicht verdient zu leben", lautete ein weiterer Kommentar, dem sich zahlreiche ähnliche Äußerungen anschlossen. "Ich forder' Selbstjustiz verdammt nochmal" und "Schon mal überlegt, Zivilisten zu erlauben, Schusswaffen zu tragen?", äußerten zwei andere Nutzer stellvertretend für viele. Und wieder andere verfielen offen in reinsten Nazi-Jargon: "Steckt man verschiedene Stämme oder Arten von Ameisen in ein Glas, geht das auch nicht gut", gab ein Schreiber eine Interpretation der nationalsozialistischen Rassenlehre zum Besten, während eine weitere Nutzerin erklärte: "Das ist Rattenpack." Sie ergänzte: "Alle ins Arbeitslager mit Peitsche und trockenes Brot."

Häme statt Mitleid für das Opfer

Doch sogar für das schwer verletzte Opfer der Attacke hatten viele Kommentatoren statt Mitgefühl nur Häme übrig. "Ihr stinkendes linkes Pack, die jeden stolzen Deutschen Nazi schimpft. Ich gönne keinem was Böses, aber ich hoffe, dass ihr persönlich die nächsten Opfer seid eurer kriminellen 'Freunde'", äußerte ein Nutzer pauschal. Ein anderer wurde konkret: "Hab ich Mitleid? Ahahahahah … Die Geister die ich rief!" Nicht nur auf Jennifer Weists Facebook-Seite tummeln sich derartige Kommentare, auch auf der n-tv Seite in dem Netzwerk trudeln immer wieder ähnliche Äußerungen ein. "So erfahren sie ihre multikulti bunte Welt, von der sie ja so schwärmen, mal am eigenen Leib. Es hätte niemand besseren treffen können …" Oder: "Das Karma schlug zu, mich freut's." Und: "Bei dem, was sie propagieren, sollen sie es doch auch mal am eigenen Leibe spüren."

Die "Herzlichkeit" so mancher "Fans" haben seit vergangenem Freitag definitiv auch Frei.Wild zu spüren bekommen. Das Statement, in dem die Gruppe offen auf Distanz zu rechten Gruppierungen ging, für Flüchtlinge Stellung bezog und für "Menschenliebe", "Nächstenliebe" und "Mitgefühl" warb, erstaunte nicht nur manche bisherige Kritiker der Band. Auch bei vielen Frei.Wild-Anhängern reichten die Reaktionen von Anerkennung über Verwunderung bis hin zu geballter Wut. Jahrelang hatten die Fans der Südtiroler wie ein Mantra wiederholt, ihre Idole seien ganz bestimmt keine Rechtsaußen. Doch wie klar sich die Band nun gegen Rechtspopulisten und Rassisten positioniert hat, macht dann scheinbar doch viele der eher arglosen Fans ratlos. Und sprachlos. So wenig Shitstorm bei einer wie auch immer gearteten Frei.Wild-Meldung gab es bei n-tv.de jedenfalls noch nie.

Die Wölfe im Schafspelz

Den Shitstorm kassierte stattdessen diesmal die Gruppe selbst. Denn diejenigen Anhänger, die sich - allen bigotten Beteuerungen zum Trotz, sie und die Band seien ganz sicher nicht rechtsradikal - mit durchaus veritabler Neonazi-Attitüde bislang bei Frei.Wild zu Hause gefühlt hatten, haben ihre Sprache nicht verloren. Ihr Statement hätte "die Wölfe im Schafspelz ein für alle Mal enttarnt und ihnen die Masken schonungslos vom Gesicht gerissen", kommentierte die Band im Nachhinein die Reaktionen der betreffenden Anhänger. 

Manche äußerten sich dabei so krass, dass nach übereinstimmender Darstellung vieler Nutzer viele Äußerungen schnellstens von der Facebook-Seite der Band gelöscht wurden. "Kann es sein, dass hier im Sekundentakt unliebsame Kommentare verschwinden?", fragte eine Nutzerin stellvertretend. Was inzwischen noch zu lesen ist, klingt vergleichsweise lapidar. "Ihr könntet doch gleich mal ein Flüchtlingsheim mit Til Schweiger bauen, gibt bestimmt eine super PR!", wird in einem Kommentar geätzt. "Ihr kleinen geldgeilen Mediennutten. Mit diesem Post habt ihr euch hoffentlich so richtig schön selbst gefickt", schimpft ein anderer Nutzer über die Band.

Ob Frei.Wild die "Idioten" von Pegida, AfD und Co, wie die Band in ihrem Statement die Anhänger dieser rechtspopulistischen Strömungen nun selbst genannt hat, jetzt wirklich los sind, ist fraglich. Der politische Rechtsausleger Jürgen Elsässer rief dazu auf, beim nächsten Konzert der Gruppe mit Pegida- und Deutschland-Fahnen einzumarschieren.

Friedliches Fahnen-Schwenken ist das eine. Vielleicht sollte man jedem der Hass-Kommentatoren im Netz deshalb einfach ein Fähnchen in die Hand drücken, das er festhalten und an dem er sein Mütchen kühlen kann. Blanke Menschenverachtung, Aufrufe zu Gewalt und Selbstjustiz oder "Rattenpack"-Vokabular ist jedoch was anderes. Ebenso wenn Nutzer - wie einer auf der Facebook-Seite von n-tv - schreiben: "Warum Deutschland sich noch so was reinholt, scheiß Demokratie." Da sind wirklich alle Nicht-Idioten aufgerufen, wachsam zu sein und sich dem entgegenzustellen. Es gibt einen Punkt, an dem es heißen muss: Bis hierhin und nicht weiter.

Quelle: n-tv.de

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