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Sex-Film "365 Tage" Vergewaltigungsopfer Duffy attackiert Netflix

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Fordert ein Umdenken bei Filmen wie "365 Tage": Duffy.

(Foto: imago images/ZUMA Press)

Dagegen sei "50 Shades of Grey" geradezu Kindergeburtstag, bejubelten manche Kritiker den Netflix-Streifen "365 Tage". Doch ein Vergewaltigungsopfer wie Sängerin Duffy will in den Jubel nicht mit einstimmen. Sie wendet sich stattdessen in einem offenen Brief an den Streamingdienst.

Sex sells. Und Gewalt fasziniert. Dementsprechend viele Filme ranken sich um diese beiden Themen, um die Zuschauer zu fesseln. Beim Buhlen um die Gunst des Publikums sind dabei längst viele Hemmschwellen gefallen. Und so manche Produktion schießt bei dem, was zur "Belustigung" der Konsumenten dargeboten wird, weit über das Ziel hinaus.

So auch der Netflix-Streifen "365 Tage". Das jedenfalls findet Sängerin Duffy, die kürzlich öffentlich gemacht hatte, vor zehn Jahren entführt, über mehrere Tage festgehalten und vergewaltigt worden zu sein. Für sie ist das Maß des Erträglichen mit dem Film bei Weitem überschritten. Das macht sie in einem offenen Brief deutlich, den sie an Netflix-Chef Reed Hastings adressierte, und der unter anderem der Zeitung "The Sun" vorliegt.

Zwischen Porno und "50 Shades of Grey"

Aber zunächst einmal: Worum geht es in "365 Tage"? Der Film handelt von der Hauptfigur Laura Biel (Anna-Maria Sieklucka), die vom Mafiosi Massismo Torricelli (Michele Morrone) entführt wird. Der schwerreiche Kriminelle gibt ihr zu verstehen, dass er sie 365 Tage festhalten wird, damit sie sich in dieser Zeit in ihn verliebt. Tatsächlich entwickelt sich eine erotische Spannung zwischen den beiden - Grundlage für teils sehr explizite Sex-Szenen in dem Film.

Während einige Kritiker den Streifen an der Grenze zum Porno kritisieren, bejubeln ihn andere genau dafür. "365 Tage" traue sich etwas und mache dort weiter, wo "50 Shades of Grey" aufgehört habe.

"Es bestürzt mich"

Für Duffy jedoch geht das deutlich zu weit. Die Britin feierte 2008 mit ihrem Song "Mercy" den Durchbruch. Ihr Debütalbum "Rockferry" räumte den Grammy für das beste Album ab. Doch alsbald wurde es still um die Newcomerin. Im Februar 2020 offenbarte sie den Grund dafür, weshalb sie sich jahrelang aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte. Nach einer mehrtägigen Entführung, während der sie unter Drogen gesetzt und vergewaltigt worden sei, habe sie Zeit gebraucht, die Geschehnisse zu verarbeiten.

In ihrem Schreiben an den Streamingdienst erklärt sie nun, "wie unverantwortlich es von Netflix war, den Film '365 Tage' zu zeigen". Der Film verherrliche "die brutale Realität von Sex-Handel, Entführungen und Vergewaltigungen. Dies sollte niemand für Unterhaltung halten, es so bezeichnen oder als solches vermarkten".

Aktuell würden etwa 25 Millionen Menschen auf der Welt gegen ihren Willen zu sexuellen Handlungen genötigt, von der Dunkelziffer mal ganz zu schweigen, führt Duffy aus. Bei 80 Prozent von ihnen handele es sich um Frauen und Mädchen, rund die Hälfte der Opfer sei minderjährig. "Es bestürzt mich, dass Netflix einem solchen 'Film' eine Plattform bietet, der Entführungen erotisiert und sexuelle Gewalt und Sex-Handel als 'sexy' Story verharmlost. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Netflix übersehen hat, wie sorglos, unsensibel und gefährlich dies ist", holt die Sängerin weiter aus.

Appell an Zuschauer

Netflix würde sicherlich auch keine Filme anbieten, "die Pädophilie, Rassismus, Homophobie, Völkermord oder irgendwelche anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verherrlichen", insistiert Duffy. Das Argument, es handele sich doch "nur um einen Film", lasse sie dabei nicht gelten. Es gebe kein "nur", wenn es darum ginge, ein von der Bedeutung vielfach unterschätztes Thema wie Sex-Handel und Entführungen als "erotisch" zu verharmlosen, Sie selbst könne sich glücklich schätzen, ihr Martyrium überlebt zu haben. "Aber viel zu viele hatten nicht dieses Glück", so Duffy.

Schließlich wendet sich die Sängerin auch an diejenigen, die den Film gesehen haben. Sie sollten sich über die realen Hintergründe von Entführungen, Menschenhandel, gewaltsamer und sexueller Ausbeutung informieren - "die das exakte Gegenteil der in '365 Tage' dargestellten Hochglanz-Fantasie sind". Und sie ruft zu Spenden an Organisationen auf, die sich um die Opfer der von ihr geschilderten Verbrechen kümmern.

"Was ich und die anderen, die diese Übergriffe erfahren haben, brauchen, ist das genaue Gegenteil - eine Erzählung voll Wahrheit und Hoffnung und eine Stimme, die gehört wird", schreibt Duffy Netflix, den Machern von '365 Tage' und den Zuschauern des Films ins Stammbuch. "Wenn wir es besser wissen, lasst es uns besser machen", beendet sie ihren eindringlichen Appell.

Quelle: ntv.de, vpr